Corona war der «Reset-Knopf» im Tourismus-Streit in Luzern
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Will die Chancen, die sich nun ergeben, packen: Martin Bütikofer, Direktor des Verkehrshauses und Präsident von Luzern Tourismus. (Bild: bic)

Tourismuspräsident zum «katastrophalen» Coronajahr Corona war der «Reset-Knopf» im Tourismus-Streit in Luzern

6 min Lesezeit 2 Kommentare 01.01.2021, 12:04 Uhr

Martin Bütikofer, Präsident von Luzern Tourismus, blickt auf sehr schwieriges Jahr zurück. Trotzdem herrscht bei ihm noch keine Alarmstimmung. Die Coronakrise hat für ihn zwar die Grenzen der bisherigen Strategie aufgezeigt, er spürt aber auch, dass man nach dem Coronajahr wieder einen gehaltvolleren Dialog mit der Bevölkerung führen kann.

zentralplus: Herr Bütikofer: Sie sind Präsident von Luzern Tourismus und auch Direktor des Verkehrshauses. Wir sitzen an diesem Vormittag ganz alleine in diesem grossen Museum. Wie hat Corona ihre Institution finanziell getroffen?

Martin Bütikofer: In den letzten Jahren konnten wir einige Reserven bilden, die wir nun anzapfen. Aber klar, 2020 wird das Museum ein ziemliches Defizit aufweisen. Am meisten schmerzen uns die abgesagten Anlässe. 2019 waren es deren 930, die dazu beitrugen, einen Teil der Kosten für das Museum zu decken. Wir haben auch deshalb einen Eigenfinanzierungsgrad von gut 85 Prozent. Dieses Jahr war diesbezüglich aber natürlich fast nichts zu holen. Trotz allem gilt es zu betonen, dass wir immer noch 65 Prozent der Auslastung von 2019 erreicht haben. Der Oktober war sogar besser als im Vorjahr.

zentralplus: Können Sie skizzieren, wie ihre Arbeit aktuell aussieht?

Bütikofer: Im Moment ist es wie Fliegen auf Sicht. Fast täglich müssen wir mit dem Steuerknüppel wieder den Kurs ändern. Es hat sich gezeigt, dass das Verkehrshaus diese Flexibilität aufbringt. Das macht mich stolz. Auch wenn es natürlich streng ist, macht die stetige Suche nach Nischen und Alternativen meine Arbeit derzeit spannend. Zudem spüre ich, dass die Politik uns als systemrelevant betrachtet und versucht ist, entsprechend zu helfen. Am Samstag vor der erneuten Schliessung besuchten zudem viele Leute aus der ganzen Schweiz noch einmal das Museum. Es ist diese Community, die uns trägt.

«Es war ein absolut katastrophales Jahr.»

zentralplus: Reden wir über das Luzerner Tourismusjahr 2020 im Allgemeinen. Wie würden Sie dieses kurz und knackig zusammenfassen?

Bütikofer: Es war ein absolut katastrophales Jahr. Und zwar in allen Bereichen. Auch was den Ausblick auf die kommende Saison betrifft, sieht es nicht viel besser aus. Für die nächsten Monate haben die Hotels einen Buchungsstand von acht bis neun Prozent. Man muss aber auch festhalten, dass nicht alle Hotels in der Region gleichermassen betroffen waren und sind.

zentralplus: Tatsächlich? Inwiefern gibt es Unterschiede?

Bütikofer: Erwischt hat es vor allem jene Betriebe in der Stadt, die von Gruppen und somit von einem grossen Gästevolumen leben. Dasselbe gilt für die Geschäfte rund um den Grendel. Aber auch die Schifffahrtsgesellschaft hat es hart getroffen (zentralplus berichtete).

Wenn man aber an den Südhang der Rigi, also nach Weggis und Vitznau, schaut, sieht es deutlich besser aus. Dort haben die Hotels auch 2020 im Sommer bis zu 95 Prozent des Umsatzes aus dem Vorjahr erreicht. Ihnen kam zugute, dass sie auf Einzeltouristen und Gäste aus Europa ausgerichtet sind, die auch 2020 verlässlich anreisten.

«Corona hat gezeigt, dass wir diese Stärke noch mehr entwickeln müssen.»

zentralplus: Wie vielerorts zu sehen und zu lesen war, waren im vergangenen Jahr auch viele Schweizer vermehrt im Inland unterwegs. Konnten diese die Misere etwas lindern?

Bütikofer: Tatsächlich verzeichneten wir in Luzern 2020 gut 40 Prozent mehr einheimische Touristen. Das ist schön, aber reicht natürlich bei Weitem nicht. Hinzu kommt, dass Luzern auch historisch betrachtet nicht den Ruf einer Destination hat, wo man beispielsweise eine Woche Ferien macht. Obwohl dies wegen der zahlreichen umliegenden Angebote eigentlich gut möglich ist. Luzern kann in dieser Hinsicht als Ausgangspunkt für Ausflüge dienen. Corona hat gezeigt, dass wir diese Stärke noch mehr entwickeln müssen.

«Man ist sich bewusst, dass Luzern als Produkt und Marke funktioniert.»

zentralplus: Wie erleben sie momentan die Stimmung innerhalb der Branche?

Bütikofer: Es herrscht eine bedrückte Atmosphäre. Die grosszügig verteilten Covid-Kredite gehen langsam zur Neige und wir müssen in die nächste Phase übergehen. Als Ladenbesitzer muss ich mir spätestens jetzt die Frage stellen, ob ich privates Kapital in das Geschäft stecken oder aufgeben soll. Es wird bei einigen ganz sicher sehr eng.

zentralplus: Vor allem zu Beginn der Coronakrise wurde vielerorts mit der Situation gehadert und es gab laute Vorwürfe an die Politik. Hat sich hier mittlerweile etwas geändert?

Bütikofer: Ich möchte hier betonen, dass ich nie gehässige und vorwurfsvolle Diskussionen erlebt habe. Denn man ist sich bewusst, dass Luzern als Produkt und Marke funktioniert. Will heissen: Wir haben kein systematisches Problem. Luzern ist auf dem Markt voll konkurrenzfähig. Wir haben schlicht und einfach eine weltweite Pandemie und die momentane Situation hat nichts mit Fehlern in der Vergangenheit zu tun. Es geht also darum, diese Sturmfront möglichst unbeschadet zu durchfliegen. Hier kommt uns entgegen, dass in Luzern einander innerhalb der Branche geholfen und zusammen nach Lösungen gesucht wird.

«Man muss die Risiken im Griff und die Chancen im Blick haben.»

zentralplus: Dann blieb der touristische Super-GAU bisher also aus?

Bütikofer: Wenn wir eine Gesamtrechnung mit den guten Vorjahren machen, glaube ich, dass wir in der Branche das Minus einigermassen in Grenzen halten können, auch wenn eine schwarze Null kaum möglich sein wird. Das Schwierige ist allerdings, dass wir nicht wissen, wie lange diese Situation andauert. Es gilt jetzt, den Mut nicht zu verlieren. Diesbezüglich merke ich, dass es vor allem für unsere Mitarbeiter schwierig ist, wenn sie nicht mehr arbeiten können. Denn der Mensch will ja etwas bewegen und leisten. Zurzeit werden im geschlossenen Verkehrshaus nur noch zwingend notwendige Arbeiten erledigt.

«Wir können an den kommenden Herausforderungen wachsen.» Martin Bütikofer will den Kopf nicht in den Sand stecken.

zentralplus: Sie gehen also davon aus, dass sich die Branche relativ rasch erholen wird?

Gemessen am Knallerjahr 2019 werden die nächsten vier oder fünf Jahre so oder so mässig sein. Und weil 2019 so gut lief, ist natürlich der Einbruch wegen Corona massiver. Im Verkehrshaus zum Beispiel war 2019 das beste Jahr innerhalb von zwölf Jahren. Unmittelbar darauf folgte gleich das schlechteste. Der Einbruch muss also auch in ein gewisses Verhältnis gesetzt werden.

Was die nahe Zukunft betrifft, ist es aber nicht sicher, ob die Touristen wieder im gleichen Ausmass kommen werden. Sollte dieses Szenario eintreffen, böte sich die Chance, bei unserer Strategie und Tourismuspolitik allfällige Korrekturen vorzunehmen. Auch im Zusammenspiel mit der Bevölkerung. Man muss folglich die Risiken im Griff und die Chancen im Blick haben.

zentralplus: Sie sprechen die Tourismusvision 2030 an, die momentan vom Stadtrat erarbeitet und 2021 dem Stadtparlament vorgelegt wird.

Bütikofer: Genau. Corona hat eine Art «Reset-Knopf» in der teils verfahrenen Diskussion über den Nutzen und die Folgen des Tourismus gedrückt. Ich spüre, dass die Diskussionen hier oder dort qualitativer und weniger emotional sind. Oder anders gesagt: Wir können in Luzern wieder sachlicher über den Tourismus reden. Das hat wohl damit zu tun, dass wegen Corona etwas Distanz zwischen der Bevölkerung und den ausländischen Gästen entstanden und der Druck auf die Innenstadt kleiner geworden ist.

zentralplus: Steht das Ende des Massentourismus wie wir ihn kennen also kurz bevor?

Bütikofer: Diese Einschätzung teile ich so nicht ganz. Man darf trotz allem nicht vergessen, dass durch den Tourismus viel Geld generiert und umverteilt wird, von dem letztlich die lokale, vielfältige Kleinkunst profitiert. Alleine das Verkehrshaus liefert in guten Jahren eine Million an Billettsteuern in diesen Fördertopf ab. Hinzu kommen die Übernachtungsabgaben der Hotels. Und das erfolgreiche Lichtfestival «Lilu» wurde zum Beispiel aus dem Marketingtopf der Hotels finanziert.

Dieser Motor stottert aktuell natürlich extrem. Dies den Menschen in unserer Region aufzuzeigen und gemeinsam zukunftsträchtige Lösungen zum Wohle der ganzen Region zu finden, wir unsere Aufgabe in den kommenden Monaten und Jahren sein.

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2 Kommentare
  1. Chris, 02.01.2021, 13:43 Uhr

    Natürlich wünscht man den asiatischen Massentourismus wieder zurück sobald dazu die Möglichkeit besteht, dies weiss Herr Bütikofer sehr wohl. Man wird nichts daraus gelernt haben, der Druck vom Grendel und Co. ist zu gross. Na, dann bis zum nächsten Mal!

  2. Damian, 01.01.2021, 12:43 Uhr

    Zitat: Tatsächlich verzeichneten wir in Luzern 2020 gut 40 Prozent mehr einheimische Touristen. Das ist schön, aber reicht natürlich bei Weitem nicht.

    Tönt, wie wenn die einheimischen touristen im gegensatz zu den ausländischen (gruppen)reisenden nicht geschätzt werden.

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