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Copy Paste im Kanton Zug: Weshalb sieht alles gleich aus?
  • Gesellschaft
Control M für Multiply: Die Wohnsiedlung Feldhof in Zug, im Volksmund auch «Bierhübeli» genannt. (Bild: fam)

Zuger Architektur Copy Paste im Kanton Zug: Weshalb sieht alles gleich aus?

6 min Lesezeit 1 Kommentar 27.05.2014, 05:00 Uhr

Der Verein Bauforum Zug hat die schönsten Häuser im Kanton gesucht und in einem Buch zusammengestellt. Dafür aber musste gut gesucht werden: Oft stecken die Häuser zwischen Überbauungen, in denen alles gleich aussieht. Weshalb herrscht im Kanton die Repetition? Thomas Baggenstos vom Bauforum Zug gibt Antworten.

Ein Buch voll schöner Häuser, über 300 Seiten stark, Thomas Baggenstos legt es auf den Tisch und ist sichtlich stolz darauf. Wer den Zuger Bautenführer aufschlägt, der erkennt den Kanton Zug fast nicht wieder: Liebevoll zusammengetragen zeigt der Verein Bauforum Zug hier (und auf seiner interaktiven Karte) die schönsten modernen Bauten, von Reihenhäusern über Schloss-Renovationen bis zu Hochhäusern. Es gibt offensichtlich viel Qualität im Kanton. Aber der Verein Bauforum Zug hat auch gut gesucht. Denn die Häuser, die in diesem Buch als Einzelwerke präsentiert werden, sie stehen zuweilen versteckt in Ansammlungen mittelländischer Einheits-Architektur: Von Zug West bis nach Hünenberg See, im Kanton regiert oft die architektonische Wiederholung – maximale Ausnützung, minimale Kreativität. Wir fragen den Präsidenten des Bauforums Zug, weshalb das so ist, und was die Alternative sein könnte.

zentral+: Weshalb sieht im Kanton so viel gleich aus?

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Thomas Baggenstos: Es stimmt, es gibt im Kanton Zug viel Wiederholung, das ist aber im ganzen Mittelland so. Im CAD-Programm ist das die Tastenkombination Control – M für Multiply. (lacht) So lässt sich am schnellsten eine Siedlung zeichnen, quasi «copy paste». Aber ich habe das Gefühl ich muss mich als Architekt hier auch etwas verteidigen, es gibt Gründe, weshalb gerade in Zug viel ähnlich aussieht. Zum Beispiel der Umstand, dass in Zug sehr viel gleichzeitig gebaut wird. In anderen Regionen liegt mehr zeitlicher Abstand zwischen dem Bau einzelner Überbauungen.

zentral+: Machen denn Zeitintervalle von einigen Jahren schon einen Unterschied im Baustil aus?

Baggenstos: Ja, auch wenn sie nur klein sind: Die allgemeine Sprache der Architekten entwickelt sich immer weiter, und da kann ein zeitlicher Abstand zwischen den Projekten schon zu Veränderungen führen. Wenn vieles gleichzeitig gebaut wird, ist die Chance grösser, dass eine ähnliche Sprache benutzt wird. Manchmal sind es schlicht auch neue Normen oder neue Produkte, welche in einem Zeitabschnitt zu ähnlichen Lösungen führen.

zentral+: Ist das nicht ein etwas pessimistischer Blick auf die Kreativität einzelner Architekten?

Baggenstos: Es ist natürlich keine Entschuldigung, Architekten können und sollten auch immer einen Weg finden, eigenständige Lösungen zu entwickeln. Ich erkläre nur, weshalb gerade in Zug das Aussehen vieler Gebäude sich so ähnelt. Da gibt es auch noch andere Gründe: Die Preise für den Boden sind sehr hoch, das bedeutet, der Druck auf die Architekten, die maximale Ausnützung zu realisieren, ist ebenfalls gross. Ich habe den Eindruck, dass zu viel Energie darauf verwendet wird, die grösstmögliche Ausnutzung zu erreichen, statt darauf, gute Bauten in städtebaulich stimmigen Kontexten zu planen.

zentral+: Gibt es denn bei den Bauherren Unterschiede darin, wer wie viel Kreativität zulässt?

Baggenstos: Da gibt es mehrere Faktoren: Es kommt stark darauf an, ob Miet- oder Eigentumswohnungen gebaut werden. Wenn eine Pensionskasse Mietwohnungen baut, dann will sie langfristig ihr Portfolio stärken, eine Wohnbaugenossenschaft will dauerhaft gut vermietbare Wohnungen. Im Kanton Zug aber baut man sehr viele Eigentumswohnungen, die möglichst schnell verkauft sein wollen. Da denken Sie als Bauherr kurzfristiger, und das führt dazu, dass viel mehr allgemeingültigere Architektur gebaut wird. Diese Überbauungen sollen ja den Durchschnitt eines Marktbedürfnisses abdecken.

zentral+: Die Menschen wollen in Durchschnittshäusern leben?

Baggenstos: Das ist zumindest, was Marktforscher behaupten.

zentral+: Einige Überbauungen im Kanton wirken sehr repetitiv, oft wirkt die Wiederholung völlig willkürlich. Ist das nicht eine Form der Inflation? Da wird doch die Qualität des Architekten durch blosse Vervielfältigung wertlos gemacht.

Baggenstos: Die Wiederholung an sich ist nichts Schlechtes, sie wird oft als Stilmittel bewusst verwendet. Einzelne Gebäude mit den gleichen Merkmalen werden innerhalb derselben Überbauung  ihrem individuellen Standort entsprechend angepasst: Das heisst, dass etwa ein Haus mit Südorientierung anders dasteht als eines, welches sich gegen Westen orientiert, ein Gebäude in der Mitte der Überbauung ein anderes Gesicht haben kann, als eines am Eingang. Wenn die Häuser einer Überbauung unabhängig von ihrer Situation einfach gleich aussehen, dann wirkt das tatsächlich willkürlich, und es gibt einige Überbauungen im Kanton, die so beschaffen sind.

zentral+: Was wäre die Alternative?

Baggenstos: Dass wir Architekten viel weniger parzellenscharf denken sollten, nicht bloss ein einzelnes Gebäude betrachten, sondern seinen Kontext im Quartier als Grundlage für unsere Überlegungen nehmen, damit jedes einzelne Gebäude einer grossen Überbauung in seiner spezifischen Situation eine Qualität bekommt.

zentral+: Was ist denn ein Beispiel für gute Repetition?

Baggenstos: Die neue Überbauung Klostermatt am Enikerweg in Cham von Albi Nussbaumer: Sie übernimmt die alte Wildhecken-Struktur der ehemaligen Wiese, spannt neue Räume auf und passt jedes einzelne Gebäude gut in diese Struktur ein. Obwohl die Wohnungen selber repetiert werden, hat jede Wohnung durch ihre spezifische Lage innerhalb der Überbauung eine individuelle Ausprägung. Oder die Überbauung am Riedpark in Zug von EM2N: Die schräg aus den Volumen ragenden Aussenbereiche wirken zwar repetitiv, durch die grossen und sehr natürlich gestalteten Freiräume zwischen den einzelnen Zeilen bekommen aber alle Wohnungen ihre einmalige Lage. Das sind wirklich gut gemachte, repetitive Details. Die passen da hin. Gute Repetition gibt es auch bei älteren Baustrukturen, ein Beispiel sind auch die Reihenhäuser in Amsterdam, sehen Sie sich die einmal an: Die können nur da stehen, an der Gracht, sind zwar alle gleich oder zumindest äusserlich sehr ähnlich, aber trotzdem sind sie an diesem Ort einzigartig. Sie haben auch in ihrer Repetition einen Bezug zum Ort.

zentral+: Das Bauforum Zug versucht, den Dialog zwischen Architekten zu pflegen, gibt es so etwas wie eine soziale Kontrolle unter Architekten?

Baggenstos: Im Rahmen des Bauforums Zug besuchen wir regelmässig einzelne Gebäude und laden die Architekten ein, uns ihre Überlegungen vorzustellen. Dabei wird viel diskutiert, das ist wie bei einem Ärztekongress: Fachlicher Austausch ist wichtig. Ein anderes Element des Austausches verschwindet leider zur Zeit immer stärker: Der Wettbewerb. Immer öfter laden Bauträger, auch die öffentliche Hand, nur noch ausgewählte Architekten zum Wettbewerb ein, das ist meiner Meinung nach schädlich für die Architektur in Zug.

zentral+: Weshalb schädlich?

Baggenstos: Die Architektur macht immer dann grosse Sprünge, wenn ein Wettbewerb stattfindet, wenn verschiedene Architekten sich zu einem Thema Gedanken machen können. Und gerade für junge Architekten sind Wettbewerbe eine gute Gelegenheit, um einzusteigen: Da zählt nur die Idee, nicht das Renommée. Da im Kanton Zug aber fast kaum noch offene Wettbewerbe ohne Präqualifikation stattfinden, gibt es bei uns in der Tendenz weniger junge Architekten, die ein eigenes Büro gründen. Darunter leidet wiederum die Kreativität der Zuger Architekturszene.

zentral+: Wie kann die Zuger Architektur in Bewegung bleiben?

Baggenstos: Wir bewegen uns. Aber da kann ich mich und meine Kollegen auch etwas kritisieren: Es ist viel einfacher, in den alten Mustern zu bleiben. Weil wir keine Fachhochschule und keine Hochschule für Architekten in Zug haben, müssen wir uns verstärkt aktiv um junge Architekten bemühen, die wieder neuen Wind bringen. Wir bewegen uns also weiter, aber nicht so schnell, wie wir vielleicht könnten.

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1 Kommentare
  1. Charles Meyer, 30.05.2014, 09:04 Uhr

    Zuerst mal: super, dass ihr (zentral+) das thematisiert. Im Kanton Zug ist in den letzten 30 Jahren aufgrund des Zuzügerbooms einfach alles gelaufen, was vier Wände, eine Küche und eine Dusche hatte, Qualität war kaum gefordert, und schon gar nicht Nachhaltigkeit. Noch heute ist es schwierig, Investoren klar zu machen, dass es nicht nur im öffentlichen Interesse liegt, Qualität zu fordern, sondern auch in ihrem ureigenen: Ist der Boom in 20 Jahren noch immer da? Und wenn nein, sind ihre Häuser dann noch wertvoll?
    Es braucht solche Bücher, wie das Bauforum oder die Denkmalpflege (Tugium) sie herausgeben, um Qualität zu loben, und des braucht Investoren, die bereit sind, Wettbewerbe zu oganisieren, und Behörden, die diese Wettbewerbe einfordern. Und meinetwegen dürfen es auch wieder öfters offene Wettbewerbe sein.
    Ein kleines Detail möchte ich aber doch kritisieren: die von Thomas Baggenstoss erwähnte Chamer Siedlung Klostermatt hat ihren von Wald bestockten Wasserlauf nicht, weil der Architekt Albi Nussbaumer so weitsichtig war, ihn in seine Pläne einzubauen. Es war die Behörde und letztlich der Stimmbürger, der den Wasserlauf bei der Einzonung im Rahmen der Mehrwertabschöpfung für die Öffentlichkeit einforderte, mit öffentlichen Wegen, Bänken im Wald und am Wasser. 15 Prozent des Bodens musste damals (2007) an die Gemeinde abgetreten werden, wie auch heute wieder, wo die Papierfabrik Cham ihre 12 Hektaren Industriezone in Wohn- und Gewerbezone aufwerten will: 15 Prozent muss sie an die Gemeinde abgeben. Es gibt zwar keine gesetzliche Grundlage für eine solche Forderung, aber es gibt hartnäckiges Verhandeln, beharrliches Bestehen auf Qualität. Da bin ich mit Baggenstoss absolut einig: Man muss Qualitär einfordern, am Besten Architekten und Behörden gemeinsam.
    Charles Meyer, Bauvorsteher Cham (Gemeinderat)

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