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Christoph Fischer: Retrospektive auf virtueller Sparflamme
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Wegen CoVid-19 vorerst nur virtuell zu erfahren: Die Retrospektive «Der Welt abgeschaut» des Luzerner Künstlers Christoph Fischer. (Bild: Cartoonmuseum Basel, derek li wan po photography)

Luzerner Künstler zeigt Menschen vom Kreuzstutz bis Chicago Christoph Fischer: Retrospektive auf virtueller Sparflamme

4 min Lesezeit 07.04.2020, 13:58 Uhr

Spätestens seit die Betonstatue des Heinz Gilli den Kreisel am Kreuzstutz schmückt, dürfte Künstler Christoph Fischer wohl jedem Luzerner – oder zumindest einer grösseren Mehrheit – bekannt sein. Am 20. März hätte in Basel seine erste Retrospektive eröffnet werden sollen. Wegen Covid-19 kam alles anders. Ein virtueller Rundgang nimmt den Betrachter nun mit durch die Ausstellung.

Er solle nicht zu viel zeigen, sei nur ein Schnelldurchgang, ein Teaser (siehe Box). Man hoffe, so das Cartoonmuseum Basel, dass vor dem 1. Juni die Tore wieder geöffnet werden können. Bis dahin finden seit Montag zahlreiche Veranstaltungen statt, die jeweils auf den museumseigenen Facebook- und Instagram-Kanälen publiziert werden. Den Auftakt machte am Montag Schicke uns Deinen Traum!. Folgen werden neben zahlreichen Anlässen eine Führung mit der Museumsdirektorin und Kuratorin Annet Gehrig sowie Lesungen mit Christoph Fischer.

So zeigt das Cartoonmuseum Basel das bisherige Schaffen des Luzerners vorläufig digital. Nichtsdestotrotz macht der kleine Einblick Eindruck. Zu sehen ist das vielfältige Werk eines lustvollen Zeichners, Künstlers und Illustrators.

Christoph Fischer, der von 1998 bis 2002 an der Hochschule Luzern studierte, arbeitet seit 2002 als freischaffender Illustrator. Er zeichnete unter anderem für die «NZZ», den «Beobachter» oder die «WOZ». Neben den Auftragsarbeiten behielt er sich immer den Freiraum, seinen eigenen Arbeiten nachzugehen, für die er mehrere Werkbeiträge und je ein Atelierstipendium in Chicago und Paris erhielt.

«Mich hat schon immer das interessiert, was sich direkt vor meinen Augen abspielt.»

Christoph Fischer

Aus seinem Atelier am Kreisel Kreuzstutz beobachtete Christoph Fischer jahrelang die wartenden Menschen an der Bushaltestelle. Da, wo sich die Basel- und die Bernstrasse kreuzen, filmte und fotografierte der 1976 Geborene mit Feldstecher und Digitalkamera, übersetzte die Fotografien in Malereien und dokumentierte so unbeschönigt den Alltag der Menschen. Entstanden ist eine Werkserie 64 gleichformatiger Malereien in Acryl.

Aus dieser Auseinandersetzung entstammt auch die Betonstatue Heinz, die seit 2016 den Kreisel Kreuzstutz ziert und dessen Gipsmodell – zwei Etagen übergreifend – das vielleicht grösste je ausgestellte Objekt im eher kleinen Ausstellungshaus in der Basler St. Alban-Vorstadt darstellt. Christoph Fischer schuf die Statue des Strassenkehrers Heinz Gilli im Rahmen eines Wettbewerbs zur Neugestaltung des Verkehrskreisels als Hommage an die Bewohner der überlasteten Strasse (zentralplus berichtete). In einer inszenierten Ateliersituation wird durch Skizzen, Fotos und Dokumente der durchaus aufwendige Entstehungsprozess der drei Meter hohen Betonstatue nachvollziehbar.

Der untere Teil des Gipsmodells zu «Heinz» (Bild: Cartoonmuseum Basel, derek li wan po photography)

Teufelskreisel Kreuzstutz – Chicago Westside

Die Retrospektive «Der Welt abgeschaut» zeigt erstmals das breite Spektrum des Künstlers, führt aber nicht chronologisch durch sein Werk. Muss sie auch nicht. Denn um dieses zu verstehen, genügt der Blick auf das Verbindende seiner Arbeiten. Das zeigt sich auch an den im Parterre ausgestellten Zeichnungen der Serie «Chicago Westside». 2010 verbrachte Christoph Fischer anlässlich des Atelierstipendiums der Stadt und des Kantons Luzern vier Monate in dem durch hohe Armut und Gewalt geprägten Viertel von Chicago. Mit Stift und Papier zeichnete er die Menschen und ihre Umgebung, schuf skizzenhafte, dichte Momentaufnahmen und intime Porträts.

Es erstaunt wenig, dass Christoph Fischer jenes Quartier als Zeichnungsort aufsuchte, sind doch seine dokumentarische Neugier und sein lakonisch genauer Blick für und auf das Leben der Anderen, die Unterprivilegierteren, seine Empathie und sein Interesse am Schicksal der Menschen am Rande der Gesellschaft Leitmotiv seines Schaffens.

Die wunderliche Parallelwelt des Schlafes

Das Bedürfnis, Flüchtiges zu dokumentieren, lässt sich auch in der aktuellen, erstmals ausgestellten Serie seiner Traumbilder erkennen. Zwischen 2007 und 2019 skizzierte und notierte Christoph Fischer hunderte seiner Träume in kleinen Notizbüchern. Im Rahmen des Hauptstipendiums der Stipendien der Deutschschweizer Städte 2019 übertrug er eine Auswahl davon – je ein Traum pro Blatt – auf 51 grossformatige Bleistiftzeichnungen.

Christoph Fischer: digital

Ein virtueller Rundgang nimmt den Betrachter mit durch die Ausstellung. Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es hier.

Es sind verdichtete, absurde Bildwelten im Stil wissenschaftlicher Zeichnung. Durch gekonnte, detailreiche Ausarbeitung oder skizzenhaftes Weglassen gelingt es ihm, das Auge der Betrachtenden auf die entscheidenden Szenen zu lenken. Virtuos lässt Christoph Fischer seine Träume entfalten. Er zeichnet realistisch und doch freier und experimenteller und schafft die Darstellung des Fremden und Überraschenden mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit.

An die Traumbilder referiert nun die am Montag gestartete Aktion Schicke uns Deinen Traum!. Bis 30. April können gezeichnete Träume per Mail an das Museum geschickt werden. Diese werden gesammelt, verlesen und sortiert, um dann zuerst digital und später in der Ausstellung publiziert zu werden. Der Aufruf markiert den Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen, in denen die Zeit bis zur Wiedereröffnung überbrückt werden soll. Bis dahin vielleicht ein guter Anreiz, sich während dem allgemeinen Lockdown kreativ zu betätigen.

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