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Chriesi-Krise: In Zug ist nicht gut Kirschen essen
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Frostgeschädigte Kirschen sind kein schöner Anblick. (Bild: PD)

Bauern wollten nicht, Traditionsanlass abgesagt Chriesi-Krise: In Zug ist nicht gut Kirschen essen

5 min Lesezeit 20.06.2017, 20:40 Uhr

Demnächst beginnt in Zug die Kirschensaison. Doch weil der Frost Ende April einen Grossteil der Ernte vernichtete, ist diesmal alles anders. Der «Chriesitag» im Juli ist abgesagt. Droht gar ein Engpass beim Kirsch?

Das Chriesi ist ein Markenzeichen Zugs. Das Zugerland ohne die dunklen aromatischen Früchtchen – das ist fast wie der Zusammensturz des Zytturms. Am Montag, 26. Juni, beginnt in Zug die Kirschensaison, sie dauert rund drei Wochen.

Der späte Frost Ende April machte den Obstproduzenten massiv zu schaffen. Besonders betroffen sind laut dem Schweizer Obstverband die Kirschen. Die Rede ist von einer «Katastrophenernte». Die Frühsorten sind auf dem Markt, jetzt folgt die Haupternte. Die geschätzte Kirscherntemenge wird auf 25 Prozent einer guten Ernte geschätzt, der Verlust belaufe sich auf rund 20 Millionen Franken.

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«Chriesiwürste und Chriesidesserts wird es genug geben.»
Ueli Kleeb, IG Zuger Chriesi

Chriesisturm findet statt, Chriesitag aber abgesagt

Die IG Zuger Chriesi organisiert den traditionellen Chriesisturm am 26. Juni. «Die momentane Kirschenknappheit hat keinen Einfluss auf den Anlass», beteuert der Marketingverantwortliche Ueli Kleeb auf Anfrage. Der Chriesisturm, bei dem die Kinder mit Leitern durch die Altstadt rennen, findet wie gewohnt statt. «Auch Chriesiwürste und Chriesidesserts wird es genug geben», beruhigt Kleeb alle Liebhaber.

Definitiv nicht durchgeführt wird aber am 8. Juli der «Chriesitag» auf dem Landsgemeindeplatz. Am geselligen Anlass mit Gastwirtschaft verkaufen normalerweise die Obstbauern aus der Region an einem Markt die süssen Früchtchen. «Der Chriesitag musste erstmals abgesagt werden, da die Ernte 2017 insgesamt kleiner, die Angebotszeit kürzer, und die Nachfrage nach Zuger Chriesi schon im Vorfeld sehr gross ist», erklärt Ueli Kleeb.

Laut Peter Hegglin, dem Präsidenten der IG Zuger Chriesi, meldeten sich dieses Jahr einfach keine Obstbauern an. «Wir haben uns sehr bemüht, aber ohne Erfolg», sagt der Zuger Ständerat zentralplus.

Gefahr noch nicht gebannt

IG-Vizepräsident Peter Speck bedauert die Absage ebenfalls. «Das Risiko, dass es wenige oder keine Kirschen gibt, wollten wir nicht eingehen.»

Das Chriesi sei eben ein «zartes Pflänzchen», erklärt Speck. Gewisse Obstbauern befürchteten, dass nach dem Frost nun auch die grosse Hitze den Kirschen nochmals zusetzen könnte.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es immerhin. Die gepflanzten neuen Kirschbäume sind laut Speck recht widerstandsfähig. Seit 2008 hat die IG Zuger Chriesi in der Region zwischen Baar, Zug und Walchwil über 825 Hochstamm-Kirschbäume gepflanzt. Das Ziel sind 1’000 bis 2018. «Es gibt solche, die sehr schöne Früchte tragen. Die Kirschbäume in der Doppelallee bei St. Verena sind zum Beispiel in voller Frucht», so Speck. Doch das nützt den geschädigten Obstbauern wenig.

«Wir haben die Bäume drei Nächte lang mit Kerzen geheizt.»
Obstbauer Sepp Burri, Hünenberg

Kirschbäume mit Kerzen geheizt

Obstbauer Sepp Burri aus Hünenberg, der Tafelkirschen anbaut, zählt zu den Betroffenen. Er sagt am Telefon, er erwarte «trotzdem eine einigermassen gute Ernte». Das sei aber mit viel Arbeit verbunden gewesen. «Wir haben die Bäume drei Nächte lang mit Kerzen geheizt», sagt Burri. Bei seinen Äpfeln seien die Ausfälle weit schlimmer.

Je nach Lage der Obstbäume präsentiert sich die Situation anders. Besonders schlimm getroffen hat es die Kirschbäume in den Ebenen und den Berggemeinden. «Im Ennetsee und in höheren Lagen des Kantons Zug sind grosse Ausfälle bei den Tafel- und Brennkirschen zu beklagen», erklärt Ueli Kleeb.

 

So sehen gesunde Kirschen aus.

So sehen gesunde Kirschen aus.

(Bild: PD)

Situation am unteren Zugerberghang besser

Kleeb sieht die Krise nicht so schlimm wie der Obstverband. «Allgemein ist zu sagen, dass die Kirschernte in der Region um die Stadt Zug von Inwil bis nach Arth in den unteren Lagen des Zugerberghanges entgegen dem schweizerischen Trend bei den frühen und mittleren Sorten gut ausfallen wird», sagt er. Falls nicht noch heftige Niederschläge folgten oder die Kirschessigfliege grassiert.

Hochstamm-Kirschbäume hätten sich gegenüber Niederstammanlagen resistenter gegen den späten Frost und Schnee gezeigt.

«Die einen haben schon Kirschen, ein Teil hat gar nichts.»
Obstbauer Arnold «Noldi» Keiser, Baar

Obstbauer Arnold Keiser aus Baar bestätigt, dass nicht alle Landwirte gleich betroffen sind. «Die einen haben schon Kirschen, ein Teil hat gar nichts.» Seine Bäume stehen in Notikon oberhalb von Baar. Keiser meint, er erwarte keine Superernte, aber er habe Kirschen. Er schätzt, dass er die nächsten Wochen rund 60 Prozent des normalen Ertrags ernten wird. Keiser erntet jährlich rund 10 Tonnen der Früchte, die er zu Zuger Kirsch brennt.

Andere Bauern rechnen hingegen nur mit 20 bis 30 Prozent des normalen Ertrags.

Keine Entschädigung

Die Bauern enthalten keine Entschädigung für den Ausfall, weiss Ständerat Peter Hegglin, bekanntlich selbst gelernter Landwirt. Anders als bei Hagelschäden. «Es sei denn, sie hätten eine Ernteausfall-Versicherung abgeschlossen.»

Die schlechte Ernte hat nicht nur Konsequenzen für die Anlässe rund um die Frucht. «Es wird vielleicht bald ein Problem geben, Kirsch zu bekommen», sagt Peter Speck. Und das hat Konsequenzen für die Produktion der Zuger Kirschtorte, so der Zuger Confiseur.

Nur Kirsch aus Zug und Rigi-Gegend

Denn seit 2015 ist die Bezeichnung «Zuger Kirschtorte» gesetzlich geschützt. Alle Confiseure ausserhalb Zugs dürfen ihre Torten seither nur noch «Kirschtorte» nennen. «Wir müssen nach einem strengen Pflichtenheft produzieren», erklärt Peter Speck.

Dazu gehört neben der Produktion vor Ort, dass die Torte nur «AOP Zuger Kirsch» oder «AOP Rigi-Kirsch» enthalten darf (die geschützte Ursprungsbezeichnung AOP, Appellation d’Origine Protégée, garantiert, dass die Qualitätsprodukte im Ursprungsgebiet erzeugt, verarbeitet und veredelt worden sind). Die Kirschen für die gebrannten Wasser stammten aus den Kantonen Zug, Schwyz und Luzern.

Wenn der Kirsch knapp wird, steigt sein Preis oder die Brenner verkaufen ihn eventuell nicht mehr, befürchtet Speck. Es gebe noch zu wenig Kirsch, sagt er.

Allerdings haben die Confiseure weniger Probleme als die Obstbauern. Denn sie haben momentan eine Ausnahmebewilligung vom Bundesamt für Landwirtschaft, Kirsch aus anderen Regionen zuzukaufen.

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