Chollerhalle und Galvanik: Wird das eine Liebesheirat oder eine Zwangsehe?
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Zuhause in Chollerhalle und Galvanik: Fratelli-B, bei einem Konzert in der Chollerhalle. (Bild: Lina Friedrich)

Knifflige Aufgabe für Zuger Kulturhäuser Chollerhalle und Galvanik: Wird das eine Liebesheirat oder eine Zwangsehe?

5 min Lesezeit 05.09.2020, 17:00 Uhr

Die Coronakrise hat viele Kulturhäuser in akute Bedrängnis gebracht: Zum Beispiel die Chollerhalle Zug, die im laufenden Jahr mit einem Minus von einer halben Million Franken rechnet. In Zukunft zeichnen sich weitere finanzielle Hürden ab. Und der Zuger Stadtrat hat dem Haus eine schwierige Aufgabe gestellt.

Das Zuger Stadtparlament bewilligt nächste Woche die Beiträge für verschiedene Zuger Kulturhäuser für die kommenden drei Jahre. Vor einigen Jahren noch wurde markant gespart, nun rechnen einige mit leicht höheren Beiträgen.

Nicht so das Kulturzentrum Galvanik, die Chollerhalle und die Burg Zug (zentralplus berichtete). Und die eingefrorenen Kulturbeiträge sind nur eines von mehreren Problemen, die sich den kulturellen Einrichtungen derzeit stellen. Das zeigt ein Bericht der parlamentarischen Geschäftsprüfungskommission (GPK) über die Chollerhalle.

Keine Mieterlass trotz Lockdown

Die Coronakrise wird wohl bis Ende Jahr einen Schaden von rund 500’000 Franken verursachen. Das sagte Booker und Geschäftsführer Graziano Grieder in einer Sitzung, an der Vertreter der Chollerhalle in Anwesenheit von Stadträten den Parlamentsausschuss über die Unterstützungswünsche informierten.

Wie setzt sich dieser Betrag zusammen? Eine Mietzinsreduktion hat der Trägerverein während des Lockdowns nicht erhalten. Kurzarbeit war nicht für alle Mitarbeitenden möglich. Hinzu kommt der Ertragsausfall durch abgesagte Veranstaltungen.

56’000 Franken höhere Kosten sind absehbar

Was dem Chollerhalle-Team zudem gewaltiges Bauchweh verursacht, ist eine bevorstehende Mietzinserhöhung von 20 Prozent im Jahr 2024. Der Mietzins wurde bisher durch einen unternehmenseigenen Kulturfonds der Choller AG getragen. Nun ist dieser leer und die Immobilienbesitzerin will von der Chollerhalle bald statt 165’000 Franken pro Jahr zusätzlich 56’000 Franken für die Miete, Nebenkosten eingerechnet. Diese zusätzlichen 5000 Franken pro Monat seien für die Chollerhalle «unmöglich zu stemmen», sagte Grieder.

Zum Coronaschaden bleibt anzumerken, dass hier das letzte Wort nicht gesprochen ist. Die Chollerhalle nimmt ihren Betrieb demnächst wieder auf und die Stadt Zug hat bekanntlich einen Coronafonds von 10 Millionen Franken geschaffen, um ebensolche Schäden von Kultureinrichtungen auszugleichen.

Chollerhalle: Schlechter Lohn für gute Leistung

Dennoch bleibt unklar, warum der Chollerhalle nicht wenigstens eine Erhöhung der Beiträge um 20’000 Franken zugestanden wird. Dieser Betrag war ihr bei vor wenigen Jahren bei den städtischen Sparprogrammen gestrichen worden.

Als Argument kann das Chollerhalle-Team anführen, dass es unter der Ägide von Trägervereinspräsidentin Seraina Sidler-Tall und Geschäftsführer Graziano Grieder die Kosten um 100’000 Franken gesenkt hat. Die Einrichtung ist quasi schuldenfrei und man hat 25 Prozent mehr Mittel in die Regionalkultur investiert, als man gemäss Leistungsauftrag verpflichtet ist.

Nachbargemeinden sparen um die Wette

Von den Nachbargemeinden des Chollers ist keine Hilfe zu erwarten. Diese knausern um die Wette: Cham und Steinhausen bezahlen nach wie vor nichts an den Betrieb. Baar, wo mit der Spinnihalle die Vorgängereinrichtung der Chollerhalle zu Hause war, hat seinen Beitrag um einen Viertel gekürzt.

Warum also die Zurückhaltung der Stadt Zug? Stadtpräsident Karl Kobelt (FDP) sagt auf Anfrage, dass die Chollerhalle vergangenes Jahr zusätzliche 90’000 Franken für Verbesserungen der Infrastruktur bekommen habe. Daher ist der Stadtrat der Ansicht, sie müsse in den kommenden drei Jahren mit den bisherigen Geldern auskommen.

Choller AG: Besitzer unbekannt

Der Parlamentsausschuss macht sich Gedanken über die Besitzer der Gebäulichkeiten. GPK-Präsident Philip C. Brunner (SVP) erinnert daran, dass die Chollerhalle ursprünglich von Privaten als Nachfolgeprojekt für die Baarer Spinnihalle realisiert wurde. Gönner und Investoren realisierten im Baurecht neben der Chollerhalle ein Gebäude mit Gewerbeflächen und Wohnungen, in dem auch Ateliers entstehen sollten. Diese sollten den Kulturbetrieb quersubventionieren.

«Die Eigenheiten von Chollerhalle und Galvanik sollen nicht verloren gehen, sondern wenn möglich gestärkt werden.»

Karl Kobelt (FDP), Zuger Stadtpräsident

Mittlerweile ist vieles anders. Die Gründergeneration hat den Trägerverein verlassen und die Aktiengesellschaft, die dem Trägerverein die Eventhalle vermietet, ist in anderen Händen. An der GPK-Sitzung vom Juli nannte niemand die Identität der Aktionäre. Die Parlamentarier und das Chollerhalle-Team kennen sie nicht, Stadtvertreter sprechen von «Investoren ohne Interesse an Kultursponsoring».

Kulturgelder für Immobilenrendite?

Ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass im Verwaltungsrat der Choller AG zwei Berater sitzen und der Direktor des Parkhotels Zug. Dieses gehört einer Firma der schwerreichen Unternehmerfamilie Buhofer.

Für viele städtischen Parlamentarier ist stossend, dass die Choller AG eine gute Marktrendite erzielen will, welche die Stadt Zug indirekt mit Kultursubventionen sicherstellen soll.

Vision «Kulturhaus am Choller»

Dieses Unbehagen verspürt in abgeschwächter Form auch die Stadtregierung. Nur dass der Zuger Stadtrat der Choller AG die gute Rendite nicht missgönnt. Sondern die Kulturveranstalter am Choller allenfalls mit zur Kasse bitten will.

Benachbart: Blick vom Galvanik-Eingang zum Gewerbegebäude der Chollerhalle. (Bild mam)

Die Chollerhalle soll sich nämlich überlegen, wo sie Synergien mit dem benachbarten Kulturzentrum Galvanik nutzen kann. Damit ein «Kulturzentrum am Choller» entsteht, wie es dem Stadtrat vorschwebt. Schliesslich liegen beide Häuser unmittelbar nebeneinander.

Grundverschiedene Geschichten

Was auf den ersten Blick naheliegend erscheint, ist bei näherer Betrachtung schwierig. Wohl haben beide Häuser Barteams oder technisches Personal, das zusammenarbeiten kann. Auch haben beide Häuser bei verschiedenen Veranstaltungen schon zusammengespannt.

Doch sie unterscheidet vieles: Die Galvanik wurde einst von Twens für Rockfans gegründet, die Chollerhalle geht auf eine Initiative von Alt-68ern zurück. Die Galvanik ist eine eingeführte Marke mit eigenen Kulturveranstaltungen, die Chollerhalle allenfalls auf dem Weg dazu.

Sie ist den meisten Leuten einfach als schöner Veranstaltungsort bekannt, wo neben Kultur auch Firmenveranstaltungen stattfinden. Ihr Slogan «Halle für alle» verdeutlicht dies.

Eigenheiten sollen erhalten bleiben

Kommt hinzu, dass beide Häuser unterschiedlich finanziert sind. Wie also soll das «Kulturhaus am Choller» Galvanik und Chollerhalle unter einem Dach vereinen? Chollerhalle-Geschäftsführer Grieder bittet um Verständnis: Man führe gerade Gespräche darüber und könne derzeit noch nichts über ihren Ausgang sagen.

In der Tat hat der Stadtrat einen taktisch schlaue Vorgabe gemacht: Anstatt zu diktieren, was er sich von den Kulturhäusern am Choller erwartet, hat er den Ball den Kulturveranstaltern zugespielt. «Die Erwartung einer intensiveren Zusammenarbeit steht seit Längerem im Raum», sagt der zuständige Stadtpräsident Karl Kobelt. «Dabei sollen die Eigenheiten und spezifischen Qualitäten nicht verlorengehen, sondern im Gegenteil wenn möglich gestärkt werden.»

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