Chefs weg – Schule kommt nicht zur Ruhe
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Die Primarstufe der Sonderschule Horbach auf dem Zugerberg (Bild: zentral +)

Neue Probleme an Zuger Sonderschule Chefs weg – Schule kommt nicht zur Ruhe

5 min Lesezeit 19.05.2015, 10:00 Uhr

An der Sonderschule Horbach (ITH) rumort es erneut. Der bisherige Internatsleiter ist bereits weg, der Schulleiter geht per 1. August. Trotzdem findet Geschäftsführer Thilo Behrendt, dass seine Schule kein Image-Problem hat. Verschiedene Ex-Mitarbeiter sehen das anders und wenden sich jetzt an die Öffentlichkeit.

zentral+ machte letztes Jahr publik, dass an der «Internat und Tagesschule Horbach» (ITH) viel zu wenige Lehrpersonen mit heilpädagogischer Ausbildung arbeiten. Die Schule hat einen Leistungsauftrag des Kantons Zug. Bildungsdirektor Stephan Schleiss sprach im Herbst 2014 von einer «nach wie vor problematischen Situation».

Vor drei Jahren gab es eine grosse Rochade in der Lehrerschaft mit vielen Kündigungen und Streitigkeiten. Später gewannen Aussenstehende den Eindruck, dass sich die Situation beruhigt hatte. Doch nun verlässt auch das mittlere Kader, das zwischen den Lehrpersonen und Geschäftsführer Thilo Behrendt steht, die Schule.

Der bisherige Internatsleiter, Marc Steiner, arbeitet seit Mai nicht mehr in Zug. Der Schulleiter und stellvertretende ITH-Geschäftsführer Joachim Redondo hat ebenfalls gekündigt. Aufs nächste Schuljahr 2015/2016 wird er Leiter der öffentlichen Schule Nebikon im Kanton Luzern (siehe Linktipps in rechter Spalte). Beide, Steiner wie Redondo, waren nicht erreichbar für eine Stellungnahme.

Geschäftsführer nimmt Stellung

Was sagt der Geschäftsführer der Sonderschule Horbach zu den Abgängen seiner Führungspersonen? «Die zwei Kündigungen erfolgten unabhängig voneinander. Ich bedaure sie sehr», sagt Thilo Behrendt zu zentral+.

Marco Steiner habe eine neue Aufgabe bei einer renommierten Nonprofit-Organisation gefunden. Für den 36-jährigen Joachim Redondo sei die Stelle als Schulleiter ein «Karriereschritt». «Er wird eine ähnliche Funktion wie ich haben», sagt Behrendt. Die Kündigung habe zudem familiäre Gründe, Nebikon liege näher bei Redondos Wohnort im Kanton Luzern.

Behrendt tönt gegenüber zentral+ an, dass es noch einen weiteren Grund gibt. Joachim Redondo verfügte nicht über die nötige Ausbildung als Schulischer Heilpädagoge (SHP). «Er hätte sich weiterbilden müssen», sagt der ITH-Geschäftsführer.

Zwei Nachfolgerinnen

Die beiden Stellen konnte die ITH inzwischen wieder besetzen. Redondos designierte Nachfolgerin heisst Andrea Studer. Die Zürcherin hat laut Behrendt die nötige SHP-Ausbildung.

Die Stelle des bisherigen Internatsleiters, Marco Steiner, ist neu ebenfalls in Frauenhand: Doris Jaussi hat ihre Stelle als «Internats-Bereichsleiterin Primar» am 1. Mai angetreten. Auffallend ist, dass die Stelle des Internatsleiters in einer Reorganisation offenbar aufgeteilt wurde (siehe Link rechte Spalte). Jaussi ist laut dem neusten Organigramm mit Stand April 2015 für die Primarstufe zuständig (siehe Link). Matthias Huwyler, bisher «Leiter Pädagogik» und dem Internatsleiter unterstellt, ist neu «Internats-Bereichsleiter Sekundarstufe».

«Im Sommer werden wir eine weitere Lehrerin neu anstellen. Es ist nicht so einfach, gute Leute zu finden», erklärt der Geschäftsführer. Also alles im Butter? Für den ITH-Chef ist die Situation nicht aussergewöhnlich. «Wir möchten betonen, dass wir kein Imageproblem haben», sagt Thilo Behrendt.

«Problematik hausgemacht»

Zwei ehemalige Horbach-Lehrerinnen und ein Lehrer, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, sehen das anders. «Wir sind ehemalige Mitarbeitende der Institution und haben in den letzten zwei bis drei Jahren gekündigt. Die Unterzeichnenden sind ausnahmslos ausgebildete Fachpersonen mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung im sonderpädagogischen Umfeld.»

Und weiter: «Wir möchten festhalten, dass diese Problematik der fehlenden Fachkräfte hausgemacht ist. Unsere Kündigungen sind allesamt auf die mangelhafte Führung zurückzuführen, die wir selber erfahren mussten.» Den Einen habe man direkt zu verstehen gegeben, dass man «alte Zöpfe» abschneiden wolle. Andere hätten in einer Reorganisation «unter Vortäuschung falscher Tatsachen, neue Funktionen erhalten». Wiederum andere seien mit mehr oder weniger Druck dazu gebracht geworden, von sich aus zu kündigen. «Bei uns allen aber wurde das Vertrauen durch die neue Leitung zerstört», so das Fazit der Ex-Mitarbeiter. Trotzdem habe die Geschäftsleitung ihre Personalführung nicht angepasst.

«Innert drei Jahren Job aufgegeben»

Die Kündigungswelle reisse derweilen nicht ab und sie mache auch bei den Bereichsleitungen nicht halt. «Beide Bereichsleitungen haben somit nach weniger als drei Jahren bereits ihren Job aufgegeben», schreiben die drei Ex-Mitarbeiter.

Geschäftsführer Thilo Behrendt schreibt zentral+ zu den neuen Vorwürfen: «Wir sehen keine Veranlassung, auf angebliche anonyme neue Aussagen ehemaliger Mitarbeitenden einzugehen, welche die Vergangenheit betreffen und finden dies in der Sache auch nicht zielführend. Wir bitten Sie, zur Kenntnis zu nehmen, dass dieses Kapitel für uns abgeschlossen ist.»

Sämtliche Arbeitsverhältnisse seien im Rahmen der allgemeinen Rechtsordnung aufgelöst worden. «Dass im Rahmen einer unternehmerischen Reorganisation nicht immer alle Beteiligten glücklich gemacht werden können, versteht sich von selbst und ist keineswegs aussergewöhnlich», fügt Behrendt hinzu.

Kanton über neue Kündigungen orientiert

Und was meint der Kanton zur neuen Kündigungswelle? «Zu den Abgängen können wir uns nicht äussern», sagt Lukas Fürrer, stellvertretender Generalsekretär der Direktion für Bildung und Kultur. Man sei von der Schule orientiert worden. «Wichtig ist für uns, dass eine Nachfolgeregelung getroffen werden konnte», erklärt Fürrer. Gemäss dem Sprecher der Direktion hat der Kanton mit der Schule im Oktober 2014 eine neue Leistungsvereinbarung abgeschlossen. Wegen des Amtsgeheimnisses darf er jedoch keine Details nennen.

ITH-Geschäftsführer Thilo Behrendt erklärte gegenüber zentral+, man habe einen Mehrjahresplan vereinbart. «Was die Steigerung der ausgebildeten SHP-Lehrpersonen an der ITH betrifft, so hat der Kanton das Ziel für das Schuljahr 2018/19 festgelegt. Es soll jede Schulgruppe von einer Lehrperson mit entsprechender Ausbildung geführt werden. Dabei wird für die genannten schulischen Heilpädagoginnen und -pädagogen von mindestens 50-Prozent-Pensen ausgegangen.»

Bisher rund drei Millionen Franken an GGZ

Die Schule Horbach ist eine Institution der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ). Der Jahresbericht für 2014 ist noch nicht verfügbar. Aber 2013 erhielt die Primarstufe der ITH auf dem Zugerberg laut GGZ-Jahresbericht eine Leistungsabgeltung des Kantons über 1,39 Millionen Franken und 1,66 Millionen Franken von anderen Kantonen. Die Sekundarstufe erhielt 1,69 Millionen von Zug und 1,24 Millionen von anderen Kantonen.

«Finanziell im Rahmen»

Bleibt die Abgeltung des Kantons in der neuen Leistungsvereinbarung gleich hoch? Behrendt will keine Zahl nennen. «Rein finanziell liegt die Vereinbarung im Rahmen dessen, was wir uns vorgestellt haben», sagt der ITH-Geschäftsführer. Der Kanton übernehme ausserdem die Ausbildungskosten, was nicht neu sei. Behrendt weist zum Schluss darauf hin, das seine Schule kürzlich ein sehr gutes Audit des Kantons hatte.

Kanton braucht die Schule

Die von Regierungsrat Stephan Schleiss geführte Direktion Bildung und Kultur hat bisher immer betont, dass die Schliessung der Schule trotz der Probleme mit der Anzahl der ausgebildeten SHP-Pädagogen keine Forderung sei. Der Bedarf für die Schule Horbach sei gegeben, man brauche diese Institution.

Im Zuger Kantonsrat war die Schule bisher kein grosses Thema. Einzelne Kantonsräte hatten sich, als zentral+ die Situation an der Schule publik machte, dahingehend geäussert, dass man sich genauere Infos vom Kanton wünsche. Der angekündigte Vorstoss dazu von SVP-Seite wurde bisher nicht eingereicht.

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