Chef des Le Théâtre in Emmen: «Corona hat auch in unserer Branche eine Zeitenwende ausgelöst»
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Andréas Härry, Co-Leiter des Le Théâtre, will die gewonnen Erfahrungen in die Zeit nach der Krise mitnehmen. (Bild: bic)

Mit Zuversicht und neuem Rückhalt in die Zukunft Chef des Le Théâtre in Emmen: «Corona hat auch in unserer Branche eine Zeitenwende ausgelöst»

5 min Lesezeit 04.06.2021, 20:16 Uhr

Das Le Théâtre in Emmen geht trotz einer schwierigen Zeit gestärkt und mit viel Optimismus aus der Krise. Während der Pandemie festigten sich Seilschaften und dank der Erfahrungen mit der Digitalisierung erhofft sich Gründer und Coleiter Andréas Härry in Zukunft einen effizienteren Betrieb. Zum Vorteil der einzelnen Produktionen.

Andréas Härry scheint beruflich derzeit sehr eingespannt zu sein. So erscheint er äusserst knapp zu unserem Gespräch auf der Terrasse des Restraurants Prélude, dem gastronomischen Teil des Le Théâtre in Emmenbrücke Gersag. Mehrmals klingelt denn auch Härrys Handy und nachdem es am Schluss gerade noch für ein paar Fotos gereicht hatte, verabschiedete er sich sofort zum nächsten Termin.

Dass der Gründer und Coleiter des Kulturlokals derart auf Zack ist, hat in erster Linie damit zu tun, dass er und sein 24-köpfiges Team sich aktuell auf den «Neustart» vorbereiten, wie er es nennt. Dass er diesen Begriff für die momentane Situation im Le Théâtre wählt, ist insofern wenig erstaunlich, als sein Theaterbetrieb seit nunmehr fast 16 Monaten geschlossen ist. Man habe zwar ein paar Anlässe wie Generalversammlungen durchführen können, kulturell sei aber «tote Hose» gewesen.

Hohes Risiko wegen internationaler Produktionen

Sowohl eigene Produktionen als auch solche, die sich eingemietet hätten, mussten abgesagt werden. «Für unsere Eigenproduktionen holen wir oft Künstler aus dem Ausland. Auch aus Amerika. Diese leben dann während der ganzen Spielzeit hier. Das Risiko einer Durchführung wäre aufgrund der unsicheren Lage folglich nicht tragbar gewesen», sagt Härry.

Deshalb habe ihn die Krise hart getroffen. Zumal man, im Gegensatz zu vielen anderen Kulturbetrieben, komplett privatwirtschaftlich funktioniere. «Ich habe mir darum zu Beginn fast permanent die Frage gestellt, ob unser Betrieb, der erst seit vier Jahren im ehemaligen Gersag-Kongresszentrum einquartiert ist, eine Zukunft haben kann.»

Gute Zusammenarbeit mit der Gemeinde

Doch diese Ängste haben sich – so der Eindruck, wenn man Andréas Härry zuhört – schon sehr rasch in Hoffnung und später sogar in Vorfreude auf eine Art neue, tolle Ära nach Corona umgewandelt. Dieser Optimismus hat verschiedene Gründe: «Die Gemeinde stand von der ersten Sekunde an hinter uns. Es hat sich dadurch ein neues, noch innigeres Vertrauensverhältnis ergeben», benennt Härry einen davon.

«Wir haben auch ein Schreiben von Partnern mit dem Titel Aufgeben verboten erhalten.»

Andréas Härry, Coleiter Le Théâtre

Das Gebäude des Le Théâtre ist im Besitz der Gemeinde, die umgehend auf einen Teil der Miete verzichtet habe. «Wir haben entdeckt, dass wir gleich gegenüber ganz tolle Freunde haben», lobt Härry die Zusammenarbeit mit der Gemeinde.

Zusätzlich gab es Geld vom Bund, vom Förderverein des Le Théâtre und Sponsoren von abgesagten Produktionen verzichteten auf eine Rückerstattung. «Wir haben eine grosse Solidarität von verschiedener Seite gespürt und gemerkt, dass wir von verschiedener Seite getragen werden», so Härry. «Wir haben auch ein Schreiben von Partnern mit dem Titel Aufgeben verboten erhalten.» Und wenn er ins umliegende Ausland schaue, müsse er nach diesen positiven Erfahrungen sagen, dass man froh sein kann, wenn man während Corona ein Unternehmen in der Schweiz betreibt.

Digitalisierung eröffnete neue Möglichkeiten

Einen weiteren Grund für die Zuversicht im Gersag ist, dass Härry die Zeit des kulturellen Lockdowns nutze, um grundsätzlich über die Strukturen seines Unternehmens, über betriebswirtschaftliche Optimierungen sowie nicht zuletzt über die strategische Ausrichtung des Hauses nachzudenken. «Dies kam zuvor eher zu kurz», sagt er. Und er wird einige Abläufe, die er gezwungenermassen verändern musste, aus Effizienzüberlegungen auch in Zukunft so weiterführen.

Konkret geht es um die Castings der Künstlerinnen für die einzelnen Produktionen. Dafür kamen nach einer Vorauswahl bislang rund 150 Darsteller nach Emmenbrücke. «In den letzten Monaten sind wir auf digitale Kanäle umgestiegen, werden das so weiterführen und nur noch die besten 50 physisch einladen. Denn es hat sich gezeigt, dass man zum Beispiel auch über digitale Kanäle problemlos vorsingen kann», so Härry.

«Wir haben leider den Ruf, dass wir ein Theaterrestaurant haben, obwohl es ein ganz normales Lokal mit einem Mittagsmenü ist.»

Andréas Härry

Der Vorteil für die Künstlerinnen: Sie müssen die Spesen nicht mehr stemmen, die zuvor unter anderem für die Reise aus dem Ausland in die Schweiz anfielen. Denn die Chance, den Job auch tatsächlich zu erhalten, sei sehr klein. «Ich glaube, man kann sagen, dass Corona auch in unserer Branche eine Zeitenwende ausgelöst hat», sagt Härry. Das so gesparte Geld könne künftig vermehrt in die Produktionen an sich fliessen.

Bald soll es im Le Théâtre wieder losgehen.

Nun soll das Restaurant gepusht werden

In den kommenden Monaten will Härry aber auch einen grossen in Effort die hauseigene Gastronomie stecken. Denn mit dem Restaurant Prélude könne er den kulturellen Bereich zu einem guten Teil querfinanzieren.

«Momentan kommen die Leute oft nur ins Restaurant, wenn sie auch eine Produktion besuchen. Wir haben leider überregional den Ruf, dass wir ein Theaterrestaurant haben, obwohl es ganz normales Lokal mit Mittagsmenü und À la carte am Abend ist. Wir wollen deshalb erreichen, dass mehr Leute auch sonst kommen und nicht nur vor den Vorstellungen, wenn das Restaurant meistens voll ist», blickt Härry voraus. Das sei das Wachstumspotenzial seines Betriebes.

Die Ideen und die Arbeit sind ihm und seinem Team also nicht abhandengekommen. Man darf also gespannt sein, was einem in den nächsten Jahren erwartet. Die nächste, hauseigene Produktionen wird das Musical «Der Ball» sein, das in einem Dorf im Luzerner Hinterland spielt, wo ein lokales, lesbisches Paar Verstärkung von Promis aus Berlin bekommt, um ihr Outing zu unterstützen. Das Stück ist eine für die Schweiz adaptierte Version des Broadway-Musicals und Netflix-Hits «The Prom».

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