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Charles Vincent nimmt Luzerner Sonderschulen in Schutz
  • Gesellschaft
Charles Vincent sorgt sich als Chef der Volksschulbildung auch um die Sonderschulen.

Auffällige Kinder: Volksschule bezieht Stellung Charles Vincent nimmt Luzerner Sonderschulen in Schutz

9 min Lesezeit 1 Kommentar 28.07.2019, 11:27 Uhr

Geschichten zu zwei der 1400 Sonderschüler im Kanton Luzern sorgten für grosse Wellen bei der Leserschaft. Es war von Missständen die Rede, und dass in anderen Kantonen alles besser sei mit der Betreuung von verhaltensauffälligen Schülern. Tatsächlich? Der Chef der Volksschulbildung sieht das nüchterner.


Charles Vincent hat ein grosses, aufgeräumtes Büro an der Kellerstrasse hinter der Langensandbrücke. An der Wand drei bunte Gemälde, das Pult voller akkurat geschichteter Mäppli, von denen Charles Vincent ab und zu eines greift. Auf dem Sitzungstisch ein fast zehn Zentimeter dickes Aktenpaket über Kilian Chiricci, für dessen Schulbildung seine Mutter Daniela seit Jahren kämpft (zentralplus berichtete).

Nun legt der Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern seine Sicht der Dinge dar. Charles Vincent lud dazu zum eineinhalbstündigen Gespräch.

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zentralplus: Charles Vincent, wie ist die Sonderschulung im Kanton Luzern geregelt?

Charles Vincent: Die Regelschulen stehen in der Führung der Gemeinden, während die Sonderschulung in der Zuständigkeit des Kantons ist. Der Kanton führt auch eigene Sonderschulen, und zwar in erster Linie für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung. Für Lernende mit einer anderen Behinderung gibt es private Schulen, denen der Kanton einen Leistungsauftrag erteilt. 

zentralplus: Nehmen die Lernenden in den Sonderschulen im Kanton Luzern insgesamt zu?

Vincent: Nein, die Zahlen sind über die letzten zehn Jahre recht stabil. Aktuell werden 3,3 Prozent aller Lernenden mit einer Sonderschulmassnahme gefördert. In anderen Kantonen liegt die Quote doppelt so hoch. In den letzten Jahren hat sich aber das Verhältnis von integrativ in den Regelklassen und separativ in den Sonderschulen betreuten Lernenden wesentlich verändert.

zentralplus: Inwiefern denn?

Vincent: Zurzeit besuchen fast 40 Prozent der 1400 Lernenden mit einer Sonderschulverfügung eine Regelschule; vor wenigen Jahren waren es erst ganz wenige. Diese Kinder werden integriert in ihrer Dorf- oder Quartierschule gefördert und müssen nicht auswärts eine Sonderschule besuchen. Am meisten sind das Lernende mit einer geistigen Behinderung, gefolgt von Lernenden mit einer Verhaltensbehinderung. Sie erhalten je nach Behinderung spezielle Förderung von Fachpersonen, welche die Klassenlehrperson unterstützen. Dass dies möglich war, ist vor allem auch ein Verdienst der pädagogischen Entwicklungen in den Regelklassen.

zentralplus: Es gibt aber offenbar immer mehr verhaltensauffällige Kinder: Aggressionsgesteuerte oder Kinder mit ADHS und Autismus.

Vincent: Es ist richtig, dass in diesem Bereich in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme festzustellen ist. Betrachtet man die letzten zehn Jahre, so kann man im Kanton Luzern von einer Verdoppelung sprechen. So werden aktuell 292 Lernende mit einer Verhaltensbehinderung ausserhalb der Regelschule gefördert; zusätzlich noch 174 integrativ in den Regelschulklassen. 

zentralplus: Woher rührt diese Zunahme?

Vincent: Die Gründe sind vielfältig und auch nicht eindeutig, denn unter der Bezeichnung Verhaltensbehinderung werden unterschiedliche Behinderungsformen zusammengefasst. Zu nennen sind zum Beispiel die zunehmende Komplexheit der gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, die Schwierigkeiten in vielen – auch unvollständigen – Familien, aber auch die Verbesserung der medizinischen Diagnostik.

«In Sonderschulen haben wir insgesamt rund 70 Prozent Jungs.»

zentralplus: Es sind vorwiegend Jungs betroffen, oder?

Vincent: In Sonderschulen haben wir insgesamt rund 70 Prozent Jungs, das stimmt. Die Verhaltensauffälligen sind sogar zu gut 80 Prozent Buben. Männer sind diesbezüglich das schwache Geschlecht: Sie sind viel öfter geistig und körperlich behindert als Frauen. Sie sind aber auch viel häufiger verhaltensauffällig: Buben machen sich lautstark bemerkbar, wenn ihnen etwas nicht passt, sie streiten und raufen sich auf dem Schulweg. Das Ventil für die Mädchen ist eher die sogenannte Autoaggression, das selbstverletzende Verhalten: Sie ritzen sich zum Beispiel die Haut oder verweigern soziale Kontakte.  

zentralplus: Nehmen solche Erscheinungen aufgrund von Änderungen in der Erziehung zu? Haben diese Kinder zu nachlässige Eltern?

Vincent: Die aktuelle Lebenssituation überfordert viele Eltern und damit auch deren Kinder. Zum Teil sind die Eltern deshalb nicht in der Lage, den Kindern und Jugendlichen die für das Aufwachsen notwendigen gesicherten Strukturen zu geben. Das kann natürlich auch Kinder und Jugendliche überfordern und zu nicht akzeptablen Verhaltensweisen verleiten. 

zentralplus: Was bedeuten verhaltensauffällige Kinder für die Volksschulen?

Vincent: Verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche stellen für die Regelklassen und zunehmend auch für die Sonderschulklassen eine besondere Herausforderung dar. Sie sind aber auch Teil des Schulalltags und verlangen von den Lehr- und Fachpersonen eine klare Haltung. Damit die Problembearbeitung längerfristig gelingt, sind Lösungsansätze gemeinsam als Schule zu finden und umzusetzen, denn häufig ist eine Lehrperson mit der Situation überfordert. 

zentralplus: Wie hilft Ihr Team diesen Lehrern?

Vincent: Bevor ein Kind von der Regelschule ausgeschlossen wird, sind Massnahmen in der Klasse umzusetzen: zum Beispiel den Einbezug der Schulsozialarbeit oder den Einsatz einer Klassenassistenz. Erst wenn diese Massnahmen nicht ausreichen, kann eine Sonderschulung in Betracht gezogen werden. 

zentralplus: Das ist teuer und kostet mitunter bis zu 100’000 Franken pro Schüler pro Jahr. Wer bezahlt die Kosten?

Vincent: Seit der letzten grossen Aufgabenteilung zwischen dem Bund und den Kantonen 2008 sind die Kantone und die Gemeinden für die Sonderschulung alleine zuständig, vorher bezahlte die Invalidenversicherung (IV) gut die Hälfte dieser Kosten. Im Kanton Luzern teilen sich der Kanton und die Gemeinden die Kosten der Sonderschulung und neu auch der Regelschulen je zur Hälfte. Wie bei den anderen öffentlichen Aufgaben zahlen natürlich letztlich die Steuerzahlenden.

zentralplus: Gibt es auch bei den Sonderschulen einen Mangel an Fachkräften, wie bereits in den normalen Schulen? Und weshalb ist das so?

Vincent: Bei den schulischen Heilpädagoginnen besteht ein Mangel, und zwar sowohl bei den Regel- als auch bei den Sonderschulklassen. Gründe für diesen Mangel liegen zum Beispiel in der Ausbildungsstruktur, weil die Ausbildung erst nach einer Erstausbildung als Lehrperson und einigen Praxisjahren absolviert werden kann. Deshalb sind diese Lehrpersonen im Durchschnitt älter und können nicht so lange unterrichten. Zudem unterrichten viele in einem Teilpensum.

zentralplus: Die Belastung ist gross. Man hört von Lehrern, die zu wenig Unterstützung haben und überfordert sind. Es braucht nebst Fachwissen immer mehr Sozialkompetenz. Der Druck wird grösser, weil die Eltern sich auch immer mehr einmischen. Wie geht die Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzerns damit um?

Vincent: Die Ursachen für die genannte Überbelastung der Lehrpersonen sind vielfältig: Es gibt tatsächlich Eltern, die sich zu viel in schulische Fragen einmischen. Es gibt aber ebenso viele Eltern, die sich zu wenig um ihre Kinder kümmern – auch weil sie es oft nicht können. Zudem sind die Klassen zwar deutlich kleiner als früher, aber bezüglich der Lernenden sehr viel durchmischter in Bezug auf Sprache und soziale Herkunft.

zentralplus: Problem erkannt, aber auch die Lösung?

Vincent: Den Lehrpersonen steht im Kanton Luzern eine breite Palette an Unterstützungsangeboten zur Verfügung: in der Schule selbst die Schulsozialarbeit und die Schulleitung, regional der schulpsychologische Dienst, kantonal die Schulberatung und die weiteren Fachdienste der Dienststelle Volksschulbildung (DVS). Mit der sogenannten SOS-Unterstützung stellt die DVS innert Wochenfrist zudem eine klasseninterne Unterstützung in Form von zusätzlichen Lektionen oder Klassenassistenzen bereit. Wichtig erscheint mir, dass die Lehrpersonen bei der Feststellung von Problemen in der Klassenführung möglichst rasch Hilfe von aussen beanspruchen.

Die Geschichte von Kilian Chiricci wurde am TV SRF schon zweimal gezeigt.

zentralplus: Zwei Fälle von Schülern, deren Eltern mit dem Angebot im Kanton nicht zufrieden sind, haben wir vorgestellt. Sind das extreme Einzelfälle?

Vincent: Es gibt natürlich immer wieder Eltern, die mit den von der Schule oder von unseren Fachleuten vorgeschlagenen Lösungen nicht einverstanden sind. Wir versuchen aber immer, die aufgrund der Abklärungen für das Kind geeignete Schule zu finden. Da die Angebote im Sonderschulbereich aber begrenzt sind und wir aufgrund der Kosten keine Plätze auf Vorrat schaffen können, gibt es immer wieder Wartefristen oder Platzierungen, die von den Eltern nicht als geeignet betrachtet werden. Das sind aber bei derzeit 1400 Lernenden mit einer Sonderschulmassnahme sicher Ausnahmen.

Anlaufstelle für 5500 Lehrer

Charles Vincent (63) ist seit 30 Jahren Leiter der Dienststelle Volksschulbildung (DVS) des Kantons Luzerns und damit Chef von gegen 800 Mitarbeitenden. Zur DVS gehören neben den Stellen der Bildungsverwaltung auch fünf Sonderschulen, die Fachstelle für Früherziehung und Sinnesbehinderungen sowie die Schulangebote Asyl. In der Dienststelle werden alle Fragen der Volksschulbildung bearbeitet, von den pädagogischen über die personalrechtlichen bis hin zu den organisatorischen. Die DVS ist auch Anlaufstelle für die 250 Schulleitungen und 5500 Lehrpersonen der Luzerner Volksschulen und unterstützt auch die Schul- und Gemeindebehörden in allen Bildungsfragen. Mit seiner Frau lebt Vincent in der Agglomeration Luzerns.

zentralplus: Immer wieder steht die Sonderschule Schachen bei Malters in der Kritik. Wieso?

Vincent: Diese Feststellung kann ich so nicht bestätigen. Es gibt auch im Schul- und Wohnzentrum Malters viele zufriedene Eltern, welche das grosse Engagement bei der Förderung ihres schwierigen Kinds sehr schätzen. Natürlich gibt es vereinzelt Eltern, welche nicht zufrieden sind. Dies gibt es aber auch in anderen Schulen, wie die Anfragen und Beschwerden an die Schulaufsicht zeigen. Insgesamt sind es aber bei über 40’000 Lernenden in unseren Volksschulen ganz wenige Fälle. Eine Sonderschulung ist für die meisten Eltern immer eine besondere Situation, denn sie müssen zunächst anerkennen und akzeptieren, dass ihr Kind irgendwie anders ist. Zudem müssen sie sich in der Regel auch stärker an der Förderung beteiligen, was sie zeitlich und emotional auch mehr fordert. Deshalb gibt es in diesem Bereich etwas mehr Rückfragen und Beschwerden. Das Schul- und Wohnzentrum Malters aber ist nicht besonders häufig von Beschwerden betroffen.

zentralplus: Eine Mutter sagte, die Betreuung sei in den Nachbarkantonen Zug und Zürich besser organisiert. Wieso?

Vincent: Ich kann und will mich zur Situation in einzelnen anderen Kantonen nicht äussern. Ich stelle aber fest, dass im Kanton Luzern die zentrale Bearbeitung der Sonderschulung die Gemeinden und kommunalen Schulen stark entlastet und in der Regel für die Kinder und Jugendlichen so der geeignete Platz gefunden wird. Zudem werden bei uns dadurch die verschiedenen Schulangebote aus Platz- oder finanziellen Gründen nicht gegeneinander ausgespielt, da die Finanzierung klar und für alle Sonderschulmassnahmen gleich geregelt ist. In der Regel können wir die notwendigen Plätze auch innerkantonal bereitstellen, doch gibt es Behinderungen, bei denen wir Schüler ausnahmsweise ausserkantonal, in der Regel in einem umliegenden Kanton oder vereinzelt weiter weg im Kanton St.Gallen, platzieren müssen. Das trifft zum Beispiel neben den Hör- und Sehbehinderungen auch auf spezielle Formen der Verhaltensbehinderung zu. 

«Die integrative Sonderschulung der separativen vorzuziehen, gelingt uns derzeit in rund 40 Prozent der Fälle.»

zentralplus: Ein Blick in die Zukunft: Wird es Änderungen geben, sprich mehr Plätze für Autisten und Kinder, die an ADHS leiden?

Vincent: Für Lernende mit einer sogenannten Autismusspektrumsstörung gibt es bereits im nächsten Schuljahr zusätzliche Plätze im Schul- und Wohnzentrum Malters. Wir eröffnen dort eine weitere Gruppe für Lernende in der Basisstufe (Vier- bis Achtjährige). Ein Jahr später soll ein spezialisiertes Angebot für die Sekundarschule eröffnet werden. Zudem erweitern wir auch den Fachdienst Autismus, dessen Fachleute Lernende in den Regelschulen unterstützen, da die Mehrzahl der Lernenden mit Autismus gut in einer Regelklasse gefördert werden kann. Dieser Fachdienst ist eine Pionierleistung des Kantons Luzern, da wir dem Grundsatz des schweizerischen Behinderten-Gleichstellungsgesetzes nachleben, dass die integrative Sonderschulung der separativen vorzuziehen ist. Das gelingt uns derzeit in rund 40 Prozent der Fälle. Wir überprüfen die Angebote in der Sonderschulung jedes Jahr, da sich die Behinderungsformen immer wieder verändern. Zudem wollen wir natürlich speziell auch die Lehrpersonen in den Regelschulen im Umgang mit schwierigen Lernenden noch besser unterstützen. 

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1 Kommentare
  1. Karl-Heinz Rubin, 28.07.2019, 16:44 Uhr

    Guten Tag Herr Vincent.

    Ich habe Ihnen schon viele Fragen zum Thema Sonderschule im Kanton Luzern gestellt.
    Eine Frage konnten Sie mir noch nie beantworten.
    Warum haben Sie meinen Sohn nach Schachen zugeteilt, obwohl Sie wussten, dass dies nicht die richtige Schule ist.
    Es mussten grosse Anstrengung unternommen werden bis wir als Eltern ernst genommen wurden.
    Das Sie solche Eltern als schwierig bezeichnen, ist für mich nicht nachvollziehbar.
    In vielen Mails habe ich von Ihnen die unterschiedlichsten Antworten bekommen.
    Schachen ist grundsätzlich eine super Schule. Nur halt nicht für liebenswürdige Autisten. Ich musste massiv Druck aufsetzen bis Sie reagiert haben. Einige Mitglieder des Nationalrates kamen mir zum Glück zur Hilfe. Von der Seite der Fachstelle Autismus konnte ich keine Hilfe erwarten. Denn nach einem Beschluss auf Sonderschule, wollten sie mir nicht weiterhelfen, obwohl auch sie wussten, dass Schachen für Lernende in der Stufe Sekundar nicht die Kompetenz und Erfahrung hat.
    Man stelle sich vor, der Fahrdienst Autismus, zeigt den Lehrer in der Regelklassen wie sie mit Autisten umgehen müssten.
    Dies passiert nun in Schachen auch, im Nachhinein…
    Und das nenne ich massive Missstände.
    Und dies auf den Schultern von Lernenden und Eltern auszutragen ist nur schwer zu ertragen.
    Sie als Leiter der DVS, haben uns als Betroffene alleine gelassen und anderen die Schuld zugewiesen.
    Wir als Eltern sind nicht schwierig, wir als Eltern tragen die Liebe und auch die Last wenn man besondere Kinder hat.
    Und darum wäre es wünschenswert, wenn man uns unterstütz.

    Papi von Nicola