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«Cham ist eine Erfolgsgeschichte»
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Architekt Roger Diener (l.) begeisterte mit seinem Referat Gemeinderat Charles Meyer. Dieser würde Diener gerne für eine weitere Veranstaltung gewinnen. (Bild: mag)

Siedlungsentwicklung «Cham ist eine Erfolgsgeschichte»

4 min Lesezeit 20.06.2014, 11:58 Uhr

Kaum eine Gemeinde setzt sich derart intensiv mit städtebaulichen und architektonischen Aspekten auseinander wie die Zuger Gemeinde. Dies garantiert aber alleine noch keine Qualität, wie Architekt Roger Diener in seinem Referat an der «Cham Bau 014» ausführte. Er sieht viel Potential für Verbesserungen.

«Wie können wir unsere Identität bei der regen Bautätigkeit behalten?» Diese Frage stellte Bauvorsteher Charles Meyer gleich zu Beginn der «Cham Bau 014». Eine Frage, die den Gemeinderat stark beschäftigt, zu der sich Architekten bei jedem Neubau in Cham Gedanken machen müssen und die schliesslich auch die Bevölkerung betrifft. Dieses Jahr referierte Roger Diener, Architekt und Professor für Architektur (siehe Box), über den Städtebau an der Schwelle zwischen Dorf und Stadt.

Cham zählt zum Metropolitanraum Zürich und zum Städtenetz der Zentralschweiz. Dies sei eine wichtige Ausgangslage und habe grossen Einfluss auf die Siedlungsentwicklung der Ennetsee-Gemeinde, so Roger Diener. «Die Kombination von fruchtbarer Landschaft und der Ansiedlung von Industrie ist sehr erfolgreich», berichtete der Architekt über seine Beobachtungen in Cham. Das mache die Zuger Gemeinde auch attraktiv; die urbane Stimmung im ländlichen Umfeld.

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Vor diesem Hintergrund bezeichnete Diener Cham sogar als «Erfolgsgeschichte». Der Architekt sagte: «Der Wakkerpreis 1991 war gerechtfertigt. Seither gab es im Zentrum aber wesentliche Veränderungen. Zwischen alten Bauten wurden zeitgenössische gesetzt. Diese markieren das Zentrum heute.»

Identitätsstiftende Merkmale fehlen

Wie kann Cham darin seine Identität bewahren? Um diese Frage zu beantworten, suchte Diener in Cham nach identitätsstiftenden Merkmalen – und fand einzig die Kirche St. Jakob. «Die Milchsüdi ist kein identitätsstiftendes Merkmal mehr», sagte Diener. Das ehemalige Fabrikgelände sei stark ins Chamer Siedlungsbild eingegliedert worden. «Es scheint, als sei die Fabrik verschwunden.» So sei das wichtigste Baudenkmal nun ein integrierter Teil des neuen Chams. Das habe Vor- und Nachteile: «Der Dorfkern hat zwar an Homogenität eingebüsst, aber an Attraktivität gewonnen», bilanzierte der Architekt.

Bärenkreisel oder Bärenplatz? Wie ein Ort im Volksmund bezeichnet wird, steht in engem Zusammenhang mit dessen Wahrnehmung. (mag)

Bärenkreisel oder Bärenplatz? Wie ein Ort im Volksmund bezeichnet wird, steht in engem Zusammenhang mit dessen Wahrnehmung. (mag)

(Bild: mag)

Bärenkreisel oder Bärenplatz? Kritik an der Siedlungsentwicklung

Öffentliche Plätze seien jedoch als identitätsstiftende Merkmale noch wichtiger als Gebäude, fuhr Diener fort. Er stellte deutlich fest: «Diese gibt es in Cham nicht.» Der Grund dafür sei, dass der Ort nicht als Stadt geplant wurde.

Diener erwähnte den Bärenplatz als Beispiel. Damit traf er ins Schwarze. Denn dieser wird im Volksmund bekanntlich als Bärenkreisel bezeichnet. Der Kreisel schaffe bei diesem Platz den bleibenden Eindruck. Die Bevölkerung erlebt dort zuerst den Verkehr. Geschäfte, Cafés und das Gemeindehaus folgen an zweiter Stelle. Damit wird der Platz nicht als solcher erlebt.

Diener verwies auf die raumbegrenzenden Gebäude des Bärenplatzes, die sehr verschieden seien und jedes eine eigene Position beanspruche. Sogleich kritisierte er den Entwurf der Architekten Bünzli & Courvoisier zum Neubau der Raiffeisenbank am selben Ort und bezeichnete diesen ebenfalls als «beziehungslos».

Renommierter Architekt

Roger Diener, geboren 1950 in Basel, studierte Architektur an der ETH Zürich. Er führt seit 1980 das Architekturbüro Diener & Diener in Basel und Berlin. Er dozierte an mehreren Universitäten im In- und Ausland als Professor und Gastdozent und lehrt seit 1999 als Professor für Architektur an der ETH in Zürich. Seit 2013 ist er Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege des Bundesamts für Kultur. 

Roger Diener bilanzierte positiv formuliert: «Cham tut sich nicht leicht mit zeitgenössischer Architektur.» Dafür verantwortlich sei wiederum die dörfliche Struktur. Die Idee, das Dorf zu einer «Parkstadt» zu entwickeln, verwarf Diener dann auch. Das erinnere ihn zu stark an eine Schlafstadt. Er fügte allerdings an, die Parks der Gemeinde würden in der zukünftigen Entwicklung der Gemeinde das wichtigste Element darstellen. Dem öffentlichen Raum müsse eine kollektive Energie verliehen werden.

Roger Diener im Kurz-Interview

zentral+: Wo hat Cham städtebaulich noch Potential?

Roger Diener: Im Gegensatz zu vergleichbaren Städten verfügt Cham nicht über eine Altstadt. Diese könnte als Ausgangspunkt und Möglichkeit dazu dienen, die Stadt weiter zu entwickeln. Cham wurde als Dorf zur Stadt. Das sind anspruchsvolle Bedingungen, denn es fehlen stabile Strukturen wie eben zum Beispiel eine Altstadt.

zentral+: Cham erarbeitet derzeit ein städtebauliches und architektonisches Leitbild (siehe zweite Box). Dazu finden öffentliche Mitwirkungsveranstaltungen statt. Was bringt das?

Diener: Das finde ich sehr gut, denn dabei wird die gegenwärtige Situation auf intensive Art diskutiert. Das ist sehr positiv. Andere Gemeinden machen das oft viel zu wenig. Die Veranstaltungen und die Mitsprache alleine reichen aber nicht. Das Leitbild muss von der Bevölkerung geteilt und getragen werden.

zentral+: Wie kann Cham seine bauliche Identität bewahren?

Diener: Cham muss seine Identität immer wieder neu suchen und entwickeln. Der Ort hat keinen baulichen, architektonischen Schatz, den man pflegen muss. Der Ortskern von Cham ist fragil. So müssen alle Fragen, auch jene der Identität, immer wieder neu geklärt werden.

Zu viel Planung?

Die Ennetsee-Gemeinde arbeitet derzeit ein städtebauliches und architektonisches Leitbild aus. Dazu finden zwei öffentliche Mitwirkungsveranstaltungen statt. Interessierte Einwohner können ihre Ideen über die zukünftige Entwicklung von Cham einbringen. «Wir sehen, wo der Schuh drückt», meinte Bauvorsteher Charles Meyer im Anschluss an die erste Veranstaltung.

Architekt Roger Diener bezeichnete dieses Vorgehen als «Glücksfall». Die Erkenntnisse aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Siedlungsraum in Cham seien «unverzichtbar». Umgehend stellte er aber die Frage, ob nicht zu viel geplant würde. «Cham ist hervorragend aufgestellt, muss sich aber genau deshalb mit kritischen Stimmen auseinandersetzen.»

Die zweite öffentliche Mitwirkungsveranstaltung zum städtebaulichen und architektonischen Leitbild von Cham findet am 26. Juni ab 18 Uhr im Lorzensaal statt.

 

So präsentiert sich die «Milchsüdi» heute. Blick Richtung «Neudorf Center». (mag)

So präsentiert sich die «Milchsüdi» heute. Blick Richtung «Neudorf Center». (mag)

(Bild: mag)

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