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Celestini: «Ich packe lieber an als zu jammern»
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Bloss drei Wochen hatte der neue FCL-Trainer Fabio Celestini Zeit, um sein Team auf den Rückrundenstart in Zürich vorzubereiten. (Bild: Martin Meienberger/freshfocus)

Der neue FCL-Trainer über seinen Werdegang Celestini: «Ich packe lieber an als zu jammern»

8 min Lesezeit 22.01.2020, 14:30 Uhr

Im Luzerner KKL ist Fabio Celestini 2016 als Trainer des Jahres in der Super League ausgezeichnet worden. Nun muss der 44-jährige Romand den FC Luzern vor dem Fall in die Challenge League bewahren. Fabio Celestini erzählt im Interview, wie er zu dem Trainer und Menschen wurde, der er ist.

Nach bloss drei Wochen Vorbereitung steigt der FCL am Samstag beim FC Zürich (19 Uhr, Letzigrund) in die Rückrunde. Es wird der erste Auftritt von Fabio Celestini als Trainer der Luzerner in einem Ernstkampf sein. Er hat die Mannschaft am 3. Januar 2020 übernommen. Celestini eilt der Ruf voraus, Mannschaft und Spieler besser machen zu können (zentralplus berichete).

Schon sein Vorgänger Thomas Häberli erlebte sein FCL-Debüt gegen den gleichen Gegner im Letzigrund. Am 24. Februar 2019 endete das Spiel 1:1.

zentralplus: Fabio Celestini, Sie haben Ihre Trainerausbildung in Coverciano bei Florenz gemacht. Warum in Italien?

Fabio Celestini: Ich muss vorausschicken: Als Erstes habe ich einen Kurs zum Sportchef in Spanien gemacht und einen im Kinderfussball. Dann ging es weiter nach Orlando, um das Coerver Coaching abzuschliessen. Die nächsten Diplome habe ich in Echallens in der Schweiz gemacht. Zuletzt habe ich das A-Diplom und die Uefa-Pro-Lizenz in Coverciano absolviert.

zentralplus: Und warum dieser Weg?

Celestini: Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens wollte ich die erstklassige taktische Schulung der Italiener kennenlernen, gerade im defensiven Bereich. Das war mir nach meiner Karriere als Spieler in Frankreich und Spanien wichtig. Und in der Schweiz dauert die Ausbildung bis zum Abschluss der Uefa-Pro-Lizenz sehr lange. Ich wollte die Zeit verkürzen, um die notwendigen Diplome zu erlangen. Damit ich so schnell wie möglich als Trainer loslegen konnte.

zentralplus: Wie sind Sie zu dem Menschen geworden, der Sie heute sind? Was hat Sie geprägt?

Celestini: Vor allem meine Stationen als Fussballer. Ich war ein junger Mann von gut 20 Jahren, als ich in die Welt hinausging. Ich lancierte meine Spielerkarriere bei Troyes in Frankreich, dann ging es weiter nach Spanien. Es sind die Erfahrungen auf diesen verschiedenen Reisen durchs Leben, die mich geprägt haben. Ich fühle mich selbstredend als Schweizer, aber auch als Italiener, der Heimat meiner Eltern zugehörig, als Spanier, ein bisschen als Franzose, ein bisschen als Panamese, wegen Panama, der Heimat meiner Frau, und als Amerikaner.

«Heute lehrt man in Trainerausbildungen, was Alain Perrin uns vor 20 Jahren beibrachte.»

FCL-Trainer Fabio Celestini

zentralplus:  Und jetzt wagen Sie sich in die deutschsprachige Welt. Sie entwickeln sich zum Kosmopoliten.

Celestini: (schmunzelt) Ja, wahrscheinlich schon.

zentralplus: Was hat Sie dazu inspiriert, Trainer zu werden?

Celestini: Ich habe ja das Diplom eines Sportchefs gemacht, weil ich genug davon hatte, immer auf dem Platz zu stehen und viel im Bus zu Spielen unterwegs zu sein. Aber nach einigen Monaten verkehrte sich dieses Empfinden ins Gegenteil. Ich wollte wieder auf dem Platz stehen, also habe ich die «Celestini Academy» in Renens bei Lausanne gegründet. Schnell hatte ich 100 Kinder, die Fussballspielen lernen wollten, und ich machte vom Training bis zur administrativen Arbeit im Büro alles. Ich spürte, dass die Kinder Freude daran hatten, wie ich ihnen die Übungen auf dem Platz rüberbrachte. Die Eltern waren zufrieden und das gab mir ein gutes Gefühl. Also beschloss ich, das Büro sein zu lassen und mich auf eine Trainerkarriere zu konzentrieren.

zentralplus: Sie haben später bei Luciano Spalletti in St. Petersburg, bei Eusebio Di Francesco in Sassuolo und Marcelo Bielsa in Marseille hospitieren dürfen. Wie haben diese Trainer Sie beeinflusst?

Celestini: Das sind grosse Trainer, keine Frage. Später bekam ich sogar die Gelegenheit, mich mit Pep Guardiola austauschen zu dürfen. Aber am meisten haben mich die Trainer geprägt, die ich während meiner Karriere als Spieler hatte.

«Auf dem Platz war Bernd Schuster eher ein bisschen alte Schule, aber von ihm habe ich gelernt, wie man eine Gruppe führt.»

zentralplus: An wen denken Sie?

Celestini: Vor allem an Alain Perrin, der Anfang der 2000er-Jahre mein Trainer bei Troyes und danach bei Marseille war. Er war im taktischen Bereich der beste. Wie stellt man sich auf einen Gegner unter dem Vorsatz ein, selber so oft wie möglich im Ballbesitz zu sein? Wie verhält man sich in der Defensive taktisch klug? Er war seiner Zeit weit voraus. Heute lehrt man in Trainerausbildungen, was Perrin uns vor 20 Jahren beibrachte. Allerdings haben sich die Spielsysteme im Vergleich zum Beginn der 2000er-Jahre total verändert. Der Fussball ist ein anderer.

zentralplus: Und Bernd Schuster, der erst Ihr Trainer bei Getafe war und dem Sie 2013/14 bei Malaga assistierten?

Celestini: Auf dem Platz war er eher ein bisschen alte Schule, aber von ihm habe ich gelernt, wie man eine Gruppe führt. Bernd hat bei Barcelona und Real Madrid erfolgreich Fussball gespielt und Titel gewonnen. Als er unser Trainer beim vergleichsweise kleinen Getafe wurde, hat er uns behandelt, als ob wir grosse Spieler bei einem grossen Verein wären. So, wie er es gewohnt war. Aber das funktioniert bei einem kleinen Klub nicht immer, da muss man auch mal unangenehm sein und die Spieler pushen. Doch Bernd habe ich nicht ein einziges Mal schreien hören. Selbst wenn er unzufrieden war, fuhr er nie aus der Haut.

«Ich habe Dinge erlebt, die man sich nicht vorstellen kann: zehn Spieler, die in derselben Wohnung hausten.»

zentralplus:  Ihre erste Station als Cheftrainer war 2014 der italienische Viertligist Terracina. Was war das für eine Erfahrung?

Celestini: Eine schwierige, von den Platzverhältnissen bis hin zur Organisation. Ich habe Dinge erlebt, die man sich nicht vorstellen kann: zehn Spieler, die in derselben Wohnung hausten. Mit Spielern, die kaum etwas zu essen hatten und nicht bezahlt wurden, verloren wir während drei Monaten kein Spiel. Schliesslich ging der Klub in die Brüche und der Präsident war auf einmal verschwunden. Eine komplizierte Geschichte.

zentralplus: In Lausanne, bei Ihrer ersten Trainerstation in der Schweiz, hatten Sie eine zentrale Rolle. Sie waren nämlich für alles zuständig, für das Trainieren, das Engagieren von neuen Spielern, die Medienarbeit …

Celestini: Ja, und Platzwart war ich auch noch (schmunzelt).

zentralplus: Worin sehen Sie für sich die Vorteile einer solchen Rolle in einem Klub?

Celestini: Es gibt nur einen einzigen Vorteil: Der Entscheidungsprozess erfolgt sehr schnell, weil es keine Diskussionen gibt (lacht). Aber so ist es schwierig, im Profi-Sport zu arbeiten. Es ist nicht das, wie ich es als Spieler kannte und wie ich es mir als Trainer vorstelle. Ich habe es in Lausanne gemacht, weil es keine andere Option gab. Lange klappte es gut, aber wenn die Arbeit, die normalerweise von fünf Personen erledigt wird, sich auf eine einzige konzentriert, geht einem langsam die Energie aus.

«Weil keiner da war, der zum Beispiel den Rasen in Ordnung gebracht hätte, packte ich eben in Lausanne auch da mit an.»

zentralplus: Sie haben also keine Mühe, sich in einer Führungsstruktur wie in Luzern zurechtzufinden?

Celestini: Ich liebe es geradezu, mit kompetenten Leuten in einer klaren Organisationsstruktur zusammenzuarbeiten. Denn wenn viele Entscheidungen von einer Person gefällt werden, bedeutet das für ein Unternehmen oder einen Fussballklub immer ein grosses Risiko. Denn nicht immer erweisen sich alle Entscheidungen als richtig. Und das war bei mir in den letzten Monaten in Lausanne sicher auch so. Ich liebe die Verantwortung, aber ich muss nicht den Chef raushängen. Ich vertraue den Mitarbeitern um mich herum und profitiere gerne von ihrer Energie und ihren Rückmeldungen. Aber klar ist letztlich auch, dass ich es bin, der die sportlichen Entscheidungen rund um die erste Mannschaft trifft. Ich werde mich nicht hinter dem Rücken anderer verstecken.

zentralplus: In Lausanne hatten Sie das Image eines Kommandanten. Ist dieser Eindruck falsch?

Celestini: Nein, auf eine gewisse Weise kann man das so interpretieren. Aber nur, weil es bei Lausanne schlicht noch keine gefestigte Organisation und Struktur gab. Weil keiner da war, der zum Beispiel den Rasen in Ordnung gebracht hätte, packte ich eben in Lausanne auch da mit an. Das liegt mir mehr als hinzustehen, zu jammern und nach Entschuldigungen zu suchen.

«Ich brauche kein Kommandant zu sein in einer professionellen und klaren Struktur.»

zentralplus: Es heisst aber auch, dass Sie sich in Lugano als Persönlichkeit weiterentwickelt hätten?

Celestini: Ich glaube vielmehr, dass sich mein Umfeld verändert hat als ich selber nach der Zeit in Lausanne. In Lugano sass ich schon nicht mehr mutterseelenallein im Büro, dort war die Unterstützung grösser. In Luzern gibt es verschiedene Verantwortungsträger in ihren Abteilungen. Philipp Studhalter als Präsidenten, Remo Meyer als Sportchef, der Finanzchef, den Medien- und Marketingchef und Fabio Celestini als Verantwortlichen im Trainerbüro, um nur einige zu nennen. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? In einer professionellen und klaren Struktur brauche ich kein Kommandant zu sein, um dieses Wort noch einmal zu gebrauchen.

zentralplus: Geht man etwas distanzierter mit seinem Job um, wenn man nicht mehr alleine verantwortlich ist für das Wohl eines Sportvereins?

Celestini: Nein, das spüre ich nicht so. Klar, Lausanne war mein Leben, in dieser Region bin ich gross geworden. Aber in Luzern bin ich Teil einer Gemeinschaft mit grossem Zusammenhalt und daraus erhalte ich in der täglichen Arbeit viel positive Energie zurück. In Lausanne habe ich gewonnen, weil ich alleine war. In Luzern trage ich vielleicht noch die grössere Verantwortung, dass es gut läuft mit der Mannschaft, weil viel mehr Menschen mitarbeiten zum Wohle des Vereins und der Club im Leben vieler Menschen der Region eine zentrale Bedeutung hat. Aber das erhöht gleichzeitig auch meine Motivation. Und dass meine Leidenschaft für den Trainerjob abnehmen wird, kann ich mir nicht vorstellen.

Lesen im zweiten Teil des Interviews, wie Fabio Celestini den FC Luzern sportlich prägen und verändern will.

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