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Carl Spitteler: Zwischen Fantasy-Literatur und Altherrenfantasien
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Carl Spitteler als Dandy und Student: Der Intellektuelle (1845–1924) lebte in der Bruchstrasse unter Bauern und Handwerkern. (Bild: zvg/Nachlass Carl Spitteler)

Luzerner Nobelpreisträger: Jubiläum am Samstag Carl Spitteler: Zwischen Fantasy-Literatur und Altherrenfantasien

4 min Lesezeit 13.09.2019, 09:14 Uhr

Luzern feiert seinen Ehrenbürger Carl Spitteler, der vor 100 Jahren den Nobelpreis für Literatur erhielt. Am Samstag findet an der Uni ein Festakt mit prominenten Rednern statt, zudem im Natur-Museum Luzern eine künstlerische Hommage. Wieso muss man Spitteler heute noch kennen? 

Der Quai ist nach ihm benannt, es gibt eine Carl-Spitteler-Stiftung und er war neben Hermann Hesse der einzige Literatur-Nobelpreisträger der Schweiz. Vor 100 Jahren erhielt Spitteler die Auszeichnung für sein Werk «Olympischer Frühling».

Spitteler war aber nicht nur Literat, sondern auch begeisterter Wanderer, Naturbeobachter, Kinogänger und Zugreisender sowie ein genauer Beobachter und Kritiker der damaligen Politik der Schweiz. Der Dichter und Ehrenbürger der Stadt Luzern hatte reich geheiratet, er wetterte gegen Krieg und Waffen. Doch das ist lange her, Spitteler lebte von 1845 bis 1924.

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Auch junge Menschen sollten ihn lesen, sind sich Literaturkenner einig. «Spitteler gehört zu den eigenwilligsten und originellsten Autoren der Schweizer Literaturgeschichte. Er ist witzig, frech und abgründig», erklärt Peter von Matt (82), Luzerner Professor für Literatur an der Uni Zürich von 1976 bis 2002.

Von Matt wird am voll belegten Festakt reden und hat ausserdem zu dem Jubiläumsbuch «Carl Spitteler. Dichter, Denker, Redner» (Nagel & Kimche) das Vorwort geschrieben. 

Ehrengrab und Quainame

Nach seinem Tod 1924 ehrte die Stadt Luzern den Dichter und Pionier Carl Spitteler nicht nur mit einem Ehrengrab, sondern auch mit einem nach ihm benannten Quaiabschnitt am Seeufer zwischen dem Hotel Palace und der Hausermatte. Seine Grabstätte zerfiel über die Jahre – die Inschrift war nicht mehr leserlich. So haben sich die Carl-Spitteler-Stiftung und die Stadt vor ein paar Jahren entschlossen, das Grab zu restaurieren.

Carl Spitteler im fortgeschrittenen Alter und in jüngeren Jahren.

Und jetzt also der Festakt und verschiedene weitere Anlässe rund um das 100-Jahr-Jubiläum der Nobelpreisverleihung an Carl Spitteler. Damit gedenken der Kanton und die Stadt Luzern sowie die Universität des Wahlluzerners, der hier viele seiner bedeutendsten Werke geschrieben hat.

Spektakuläre Fantasy-Literatur 

«Er hat dabei nie ein Blatt vor den Mund genommen und ist doch schwer zu fassen», so Peter von Matt in seinem Vorwort. Er findet, dass Spittelers preisgekröntes Werk «Olympischer Frühling» das spektakulärste Ereignis deutschsprachiger Fantasyliteratur sei – ein halbes Jahrhundert vor «Herr der Ringe». Geschrieben in einer Sprache, die mit nichts zu vergleichen sei: «derb und sinnlich, subtil und erkenntnistief». 

«Carl Spitteler ist witzig, frech und abgründig», sagt Peter von Matt. (Bild: Yvonne Böhler/zvg)

Eine der Rednerinnen am Festakt ist auch Gisela Widmer, bekannte Luzerner Autorin. Der Titel ihres Referats lautet «Da ist unsre Heimat, diese Dinge …». Darin nimmt sie den flammenden Spitteler-Appell «Unser Schweizer Standpunkt» zum Anlass für die Frage, ob es wirklich schade wäre, wenn es die Schweiz nicht mehr gäbe.

Für sie als politischer Mensch seien die Schrift und Rede «Unser Schweizer Standpunkt» am bedeutensten. «Hier beweist Spitteler, dass Worte Wirkung haben, mächtiger als ein Schwert sein können. Aber man lernt auch: Worte brauchen Raum und eine Leserschaft, die bereit ist, sich Zeile um Zeile mit dem Wort auseinanderzusetzen. Im Zeitalter von Twitter ist dies eine wichtige Erfahrung.»

«Wortgewaltig und witzig», findet Gisela Widmer den Autor Carl Spitteler.

Welche Bedeutung hat Carl Spitteler für Gisela Widmer persönlich? «Als Autorin fasziniert mich Spittelers Gefühl für sprachlichen Rhythmus. Im Prinzip hat er Wortpartituren geschrieben. Jede Silbe sitzt.» Dieser Sprachmelodie zu lauschen, wenn Schauspieler Walter Sigi Arnold Spittelers «Olympischer Frühling» lese, sei ein kontemplatives Erlebnis. 

Durch das Jubiläum sei Spitteler nun wieder etwas ins Bewusstsein gerückt, so Widmer. «Bestimmt wissen jetzt noch mehr Leute, was es mit dem Spitteler-Quai auf sich hat. Und vielleicht liest dadurch der eine oder die andere wieder einmal einen Text von ihm.»

Hommage mit Spittelers Marktsuppe

Am Samstag gibt es im Natur-Museum Luzern zwischen 10 und 18 Uhr eine Hommage an Carl Spitteler zu erleben. Nebst einer Werkschau stehen verschiedene Aktivitäten auf dem Programm: «Spitteler meets Rap», Sofa-Talks, Lesungen, Sammlungen von Geschichten rund um Spitteler aus der Bevölkerung durch Schüler der Kantonsschule Alpenquai Luzern und eine Buchvernissage zu den Schmetterlingsgedichten Spittelers. Nicht fehlen darf Spittelers Marktsuppe: Der Nobelpreisträger war oft und gerne beim Einkauf auf dem Luzerner Wochenmarkt anzutreffen.

Und schliesslich die Frage: Wieso muss ich mich als Luzerner heute noch für Spitteler interessieren? «Ob Luzernerin oder nicht: Er ist ein Literatur-Nobelpreisträger, aber nicht nur darum eine Stimme der deutschsprachigen Literatur, die von Bedeutung ist», sagt Gisela Widmer.

«Xaver Z’Gilgen» von 1891 beispielsweise sei eine der ersten Erzählungen hierzulande gewesen, die Fremdenfeindlichkeit, Willkür und Machtmissbrauch zusammenband. «Bis heute bleibt das topaktuell. Andere Texte, ich geb’s ja zu, sind zum Teil ein wenig ein Geschwurbel», so Widmer. 

Und sein Frauenbild sei – im Kontext von Spittelers Zeit – manchmal zwar recht progressiv; manchmal versteige er sich aber auch in ziemliche Altherrenfantasien. Gisela Widmer empfiehlt: «Selber lesen und sich von Spittelers Sprachmelodie und Wortgewalt beeindrucken lassen.» Und von seinem Witz: In «Imago» beispielsweise schliesse ein Brief mit den Worten: «Hiermit bin ich fertig, und da ich fertig bin, höre ich auf.» 

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