Bypass Luzern: Das sind die vier Streitfragen, die zu reden geben
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Der Stadtrat Luzern hat zu mehreren Teilprojekten des Bypass-Systems Einsprache eingereicht – der massive Ausbau bei Ibach gehört dazu. (Bild: Emmanuel Ammon/Aura)

zentralplus-Podium zum Milliardenprojekt Bypass Luzern: Das sind die vier Streitfragen, die zu reden geben

6 min Lesezeit 16.10.2020, 05:00 Uhr

Derzeit wird ausgehandelt, wie das Projekt Bypass konkret umgesetzt wird. zentralplus hat für ein Podium die wichtigsten Player an einen Tisch geholt. Der Abend gab einen Einblick, worüber im Moment hinter den Kulissen gestritten wird.

Rund 90 Einsprachen sind gegen das Bypass-Projekt eingegangen (zentralplus berichtete). Jetzt wertet der Bund diese aus, bevor der Prozess der Einspracheverhandlungen losgeht. Die Städte Luzern und Kriens fordern Zugeständnisse, um die Auswirkungen auf die Lebensräume abzufedern. Die vehementesten Gegner des Bypass-Projekts sind der WWF und der VCS. Sie wollen am liebsten, dass auf die Umsetzung des Projekts ganz verzichtet wird.

Hier soll der Bypass gebaut werden

Der neue Bypass-Tunnel (rot) und die bisherige A2, die zur Stadtautobahn wird (violett). (Bild: Astra)

Am Donnerstagabend hat zentralplus die wichtigsten Player zu einem gemeinsamen Podiumsgespräch eingeladen. Durch den Abend führte Redaktor Ismail Osman, der für zentralplus über Verkehrs- und Mobilitätsthemen schreibt. Die Positionen in Sachen Bypass sind bezogen (zentralplus berichtete). Zu reden gab es trotzdem genug.

Macht der Bypass die Strassen sicherer und das System zuverlässiger?

Aus Sicht von TCS-Waldstätte-Präsident Peter Schilliger ist die heutige Situation extrem störungsanfällig. «Vor allem, wenn Ausländer unterwegs sind, welche die Situation nicht kennen.» Ein Unfall und der ganze Verkehr komme zum Erliegen. Durch den Bypass hätte man eine zweite Verbindung, die in so einem Fall genutzt werden könnte. Das heisst: Das Verkehrssystem wäre sicherer und zuverlässiger.

«Was soll schlecht daran sein, wenn eine Strasse um Luzern führt?»

Peter Schilliger, TCS-Präsident

Die Sicherheit ist ein Argument, das beispielsweise VCS-Präsident Michael Töngi nicht gelten lassen wollte. Damit lenke man vom Wesentlichen ab: «Beim Bypass steht eine Kapazitätserweiterung im Vordergrund», sagte er. «Wenn es um die Sicherheit ginge, hätte man einfach den Sonnenbergtunnel verbessern können», meinte er.

Ist eine Überdachung der Autobahn realistisch?

Die Stadt Kriens fordert, dass die Autobahn auf dem Gemeindegebiet eingedacht wird. Thomas Kloth, Gesamtprojektleiter Bypass Luzern vom Bundesamt für Strassen (Astra), sprach diese Forderung in seinem Inputreferat vor der Podiumsdiskussion an. Er wies darauf hin, dass dann der erhoffte Nutzen in Sachen Sicherheit wegfallen würde. Ein Unfall im Sonnenbergtunnel hätte dann automatisch auch die Schliessung des Bypasses zur Folge. «Die Situation wäre wieder die gleiche wie heute: Sobald es einen Unfall gibt, steht alles still.» Allein schon deswegen mache die Variante einer Einhausung keinen Sinn.

Aus Sicht des Bundesamts für Verkehr wäre der positive Effekt hingegen gering. «In Richtung Arsenalbrücke reden wir von einer Verkehrszunahme von einem Prozent. Das entspricht 900 Fahrzeugen pro Tag – das ist nicht wahrnehmbar.» Würde die ganze Autobahn eingehaust, drohe zudem ein lüftungstechnischer Kurzschluss in den beiden Tunnelsystemen.

Die Krienser Stadtpräsidentin Chris Kaufmann-Wolf nahm darauf in ihrem ersten Votum Bezug. «Ich habe mit Erstaunen gehört, dass wir das gar nicht brauchen», meinte sie in ironischem Unterton.

«Wir sind nicht gegen den Bypass, aber wir wollen das Maximum für die Krienser Bevölkerung rausholen.»

Chris Kaufmann-Wolf, Krienser Stadtpräsidentin

Es gebe ganz viele Autobahn-Einhausungen «bis nach Chiasso runter». «Aber ausgerechnet hier will man es nicht machen. Damit habe ich ein Problem», meinte sie. In Airolo würden Bund und Kanton je 50 Millionen Franken bezahlen, damit die Bevölkerung vor dem Lärm geschützt sei. «Das mag ich denen gönnen, aber wir haben viel mehr Leute in Kriens als in Airolo.»

Unterstützung bekam Kaufmann-Wolf von VCS-Präsident Michael Töngi. «Der Bypass ist für den Bund kein Bauprojekt erster Priorität. Jetzt wird er vorgezogen, weil man offenbar nicht weiss, was man sonst mit dem Geld machen soll. Ich finde, wenn man das schon macht, dann kann man es auch richtig machen – und Kriens mit der Überdachung entgegenkommen», meinte er. Selbstverständlich habe die Forderung der Krienser eine Chance. Auch wenn das Projekt dadurch 500 Millionen Franken teurer wird.

Impressionen zum Podium findest du im Video:

Bringt der Bypass mehr Verkehr?

Wenn der Bypass gebaut wird, würde sich auf der Stadtautobahn eine Kapazitätserweiterung ergeben. Die Stadt Luzern befürchtet, dass dies Mehrverkehr mit sich bringen würde. Mehr Platz auf der Strasse gleich mehr Autos, so die Rechnung. «Das zu verhindern, ist das Kernanliegen unserer Einsprache», erklärte der zuständige Stadtrat Adrian Borgula.

Wenn der Durchgangsverkehr auf der Stadtautobahn um 20 Prozent reduziert wird, entstünden neue Kapazitäten für Verkehr aus der Agglomeration. «Wenn das passiert, hätten wir plötzlich 20 Prozent mehr Ausfahrten am Kasernenplatz. Deshalb verlangen wir, dass die Kapazität eingefroren und so verhindert wird, dass wir mehr Autos in der Stadt haben.»

«Der Bypass wird vorgezogen, weil man offenbar nicht weiss, was man sonst mit dem Geld machen soll.»

Michael Töngi, VCS-Präsident

Der VCS fordert gar den Rückbau der Stadtautobahn. «Wir bauen einen neuen und sicheren Tunnel, also braucht es die alte Autobahn nicht mehr», meinte Präsident Michael Töngi.

TCS-Präsident Peter Schilliger umging die Frage, ob er sich eine Welt ohne Stadtautobahn vorstellen kann. «Es ist nunmal eine Tatsache, dass man vieles nicht mit dem Bus oder dem Zug transportieren kann», betonte er. Es sei so: Wenn die Stadtautobahn zurückgebaut würde, hätte man wieder mehr Verkehr in der Stadt, weil die Autos auf diese Strassen ausweichen würden. «Was soll schlecht daran sein, wenn eine Strasse um Luzern führt?», fragte er rhetorisch. Das habe man in vielen Städten, beispielsweise in Biel. Und nur hier in Luzern mache man daraus ein Problem.

Wird der Bypass Luzern ein Fall fürs Bundesgericht?

Die Einsprecher – die Städte Kriens, Luzern sowie der VCS – geben sich kämpferisch. «Die Krienser sind bereit, sehr weit zu gehen», kündigte die Stadtpräsidentin Chris Kaufmann-Wolf an. Man kämpfe schon seit zehn Jahren für eine Lösung, die quartierverträglich sei. «Wir haben alle Parteien hinter uns – also bleiben wir dran. Wir sind nicht gegen den Bypass, aber wir wollen das Maximum für die Krienser Bevölkerung rausholen.»

«Es ist uns ernst mit unseren Einsprachen.»

Adrian Borgula, Luzerner Stadtrat

Die Stadt Luzern ist für den Bypass. Die fordert in einer Einsprache aber flankierende Massnahmen für die Umwelt sowie eine durchgehende Busspur vom Kupferhammer bis zum Luzernerhof. Ausserdem steht die Lüftungszentrale im Gütschwald und die Beanspruchung des Dammgärtlis aus ihrer Sicht zur Diskussion. Auch der Luzerner Stadtrat Adrian Borgula betonte: «Es ist uns ernst mit unseren Einsprachen.» Man könne an dem Projekt noch vieles verbessern. «Es kann sein, dass wir einen negativen Entscheid weiterziehen», meinte er auf eine entsprechende Nachfrage des Moderators.

Auch von Seiten des VCS und des WWF könnte der Gang durch die gerichtlichen Instanzen drohen. «Wir haben in der Schweiz neue Klimaziele. Wir finden: Das Projekt muss darauf abgestimmt werden», sagte VCS-Sektionspräsident Michael Töngi. In der Praxis hiesse das wohl: Zurück auf Feld 1. «Wir werden einen solchen Schritt mit unserem Partner WWF absprechen.»

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