Bundesräte werden in Luzern gefeiert, als wären sie Pop-Idole
  • Regionales Leben
Viola Amherd mit zwei jungen Fans beim Selfie. (Bild: ewi)

Tausende Selfies und viel Lob Bundesräte werden in Luzern gefeiert, als wären sie Pop-Idole

5 min Lesezeit 3 Kommentare 13.10.2021, 16:45 Uhr

Mit einem Bundesrat ein Glas Wein trinken, ein Selfie machen oder sich über die Corona-Politik unterhalten. Zahlreiche Luzernerinnen liessen sich diese Gelegenheit nicht nehmen und trafen den Bundesrat zum Apéro im Verkehrshaus. Grosse Abwesende beim Volksfest: die sehr kritischen Stimmen.

Wenn sich zwei Schweizer aus unterschiedlichen Kantonen treffen, dauert es in der Regel nicht lange, bis sich das Gespräch um die Besonderheiten der jeweiligen Dialekte dreht. Herr und Frau Schweizer werden nie müde, über Pro und Kontra der eigenen Sprache zu sprechen. Auch Bundespräsident Guy Parmelin ist sich dessen bewusst, als er in der Flugzeughalle im Verkehrshaus zu den anwesenden Gästen spricht: «Ich freue mich rüüdig, heute hier zu sein.» Die Gäste reagieren mit schallendem Gelächter und Parmelin hat die Sympathien des Publikums bereits auf sicher.

Dazu hätte es seinen charmanten Spruch gar nicht gebraucht. Denn schon bevor der Bundespräsident seine Ansprache hielt, zeigte sich klar, dass die anwesenden Gäste dem Bundesrat voll und ganz wohlgesinnt sind. Wie Fans, die auf den Auftritt ihres Popidols warten, standen die rund 300 Gäste im Verkehrshaus dichtgedrängt vor der Bühne und warteten ungeduldig auf das Eintreffen des Bundesrats. Es dürfte nur selten vorkommen, dass einer (noch) leeren Bühne mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem reicht gedeckten Apérobuffet. Hier ist es so.

Dann trifft der Bundesrat endlich ein und es bricht ein regelrechtes Gewusel in der Halle aus. Sofort bilden sich Menschentrauben um die einzelnen Bundesräte. Ein Händedruck hier, ein Selfie da – alles umrahmt von fröhlicher Liveblasmusik. Der Bundesratsbesuch hat zweifellos Volksfestcharakter.

Das Gedränge ist enorm, ein Durchkommen teilweise aussichtslos. So eng aneinander gedrängt wie im Verkehrshaus steht man selbst am Samstagabend im Club selten.

Züsli und Schwerzmann freuen sich auf Austausch

Eher pro forma, ohne dass es die anwesenden Gäste wirklich interessiert, hat der Apéro nach dieser ersten Welle der Euphorie auch einen offiziellen Teil. So spricht zuerst der Luzerner Stadtpräsident Beat Züstli, gefolgt von Regierungsrat Marcel Schwerzmann. Beide betonen die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen Bund, Kanton und Gemeinden – gerade im Hinblick auf die beiden Verkehrs-Grossprojekte Bypass und Durchgangsbahnhof. Als Züsli das Krisenmanagement des Bundesrats während der vergangenen Monate der Corona-Pandemie lobt, bricht in der Halle spontaner Applaus aus. Die Szene zeigt symptomatisch: Niemand ist in der Absicht hier, Kritik am Bundesrat zu üben.

«Es ist genial, alle Bundesräte einmal von so nahe zu sehen.»

Besucherin am Bundesratsapéro

Zumindest nicht im Inneren des Gebäudes. Vor dem Verkehrshaus hingegen fand sich wie angekündigt eine Gruppe von rund 60 Massnahmen-Kritikern ein, um gegen die Corona-Massnahmen sowie die Zertifikatspflicht am Apéro im Verkehrshaus zu demonstrieren (zentralplus berichtete).

Obwohl nur wenige Hundert Meter entfernt, sind diese kritischen Stimmen im Inneren des Gebäudes gefühlt meilenweit weg. Hier sind die Menschen vorwiegend aus zwei Gründen anwesend: Den Gesamtbundesrat einmal aus nächster Nähe zu treffen. Und ihm für seine Arbeit zu danken.

Rundum begeistert

«Es ist genial, alle Bundesräte einmal von so nahe zu sehen», sagt eine Frau aufgeregt. Neben ihr steht eine fünfköpfige Familie. Auch sie sind nicht wegen der Flugzeuge hier: «Wir wollten es unseren Kindern ermöglichen, alle Bundesräte einmal von Nahem zu sehen», sagt der Vater. Der Sohn steht nebenan und nickt, auch wenn er nachher gesteht, die sieben Bundesräte nicht auswendig zu kennen. «Aber vom Sehen erkenne ich sie schon», erzählt er stolz und deutet wild in die Menge, wo er offenbar Bundesrat Alain Berset erkannt hat. Und schon ist die Familie im allgemeinen Trubel wieder verschwunden.

Dafür laufen uns zwei junge Männer über den Weg. Wie sich herausstellt, sind sie Mitglieder der Jungen Mitte im Kanton Luzern: «Wir sind vor allem wegen unserer Bundesrätin Viola Amherd hier. Sie macht einen Superjob und das hatte ihr kaum jemand zugetraut. Das wollen wir ihr nun mitteilen.»

«Ich freue mich sehr auf den Austausch mit dem Gesamtbundesrat. Für unserer Region und die Stadt ist das wichtig.»

Stadtpräsident Beat Züsli

Etwas abseits vom Gedränge steht Stadtpräsident Beat Züsli. Ob er wohl auch auf Selfiejagd geht? «Nein», sagt er sich professionell. «Aber ich freue mich natürlich sehr auf den Austausch mit dem Gesamtbundesrat. Für unsere Region und die Stadt ist das wichtig, gerade in Hinblick auf die erwähnten Grossprojekte Bypass und Durchgangsbahnhof.» Beim gemeinsamen Mittagessen wolle er dies dann natürlich ansprechen.

Kurzer, aber intensiver Besuch

Plötzlich registrieren unsere Augen zwei violette Punkte in der Menge – tatsächlich stehen da zwei Anhänger der «Mass-Voll»-Bewegung, die eigentlich angekündigt hatte, aufgrund der Zertifikatspflicht nicht am Apéro teilzunehmen. Die beiden sind natürlich hier, um Alain Berset ihre Meinung zu sagen. Konkret wollen sie ihn mit dem Vorwurf konfrontieren, dass er sich nicht an den im Frühling verkündeten Ausstiegsfahrplan aus dem Krisenmodus hält. Doch sie sind zu spät dran, die Blasmusik spielt schon ihr letztes Lied und die Bundesräte befinden sich auf dem Rückzug.

«Es war ein sehr schöner Anlass. Ein einmaliges Erlebnis.»

Zwei Bundesratsfans nach dem Apéro

So ist der Bundesratsbesuch im Verkehrshaus kurz, aber intensiv. Nach circa dreissig Minuten verabschieden sich die Magistraten. Die verbliebenen Gäste stürzen sich noch auf die letzten Krümel am Buffet, ehe auch sie die Flugzeughalle langsam verlassen. Wir befragen zwei letzte Gäste, wie ihnen der Austausch gefallen hat: «Es war ein sehr schöner Anlass, ein einmaliges Erlebnis.» Dann ziehen auch diese zwei Bundesratsfans von dannen.

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3 Kommentare
  1. Stefan, 14.10.2021, 09:17 Uhr

    Zentralplus, bitte leistet euch doch mal einen Fotografen. Diese Smartphone-Fotos sind einfach unansehlich.

    0 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter
    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 14.10.2021, 09:26 Uhr

      Danke für den Vorschlag. Leider erlaubt unser Budget derzeit keine Anstellung eines Fotografen oder eine Fotografin. Dazu sind wir auf die Unterstützung zusätzlicher Möglichmacher angewiesen: https://www.zentralplus.ch/moeglichmacherin/

      2 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter
  2. Paola Thali, 13.10.2021, 19:39 Uhr

    Tolles Vorbild für Familien, unser Alain Tigrillo. Wie kann man bloss!

    0 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 1 👎 Daumen runter

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