«Bumm Bäng Peng»
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Im Theater gibt es nicht nur etwas zu sehen, sondern auch was auf die Ohren. (Bild: jav)

Luzerner Theater, Fumetto und UG «Bumm Bäng Peng»

5 min Lesezeit 11.03.2015, 16:21 Uhr

Was, wenn aus Theaterstücken Hörbücher werden, was wenn umgekehrt? Die Luzerner Theaterszene setzt sich momentan intensiv mit dem «Hören» auseinander. zentral+ hat sich bei drei Projekten umgehört und von den Vor- und Nachteilen des Sehens erfahren.

Ein Schlurfen, das Knarren einer Türe, ein Schrei – und schon klopft das Herz schneller.

Durch das Hören können Geschichten erzählt, Fantasien und Emotionen ausgelöst werden. Drei Dinge, die man genauso mit bildender Kunst und Theater verknüpfen kann. Und genau das tun diese drei Projekte:

1. Kinder vertonen ihre Comics

In einer Zusammenarbeit des Luzerner Theaters und des Comix-Festivals «Fumetto» setzte sich eine Schulklasse mit Künstlern und Sängern zusammen – und vertonte ihre eigenen Geschichten.

«Es war eine Herausforderung für die Kinder», so Melanie Dörig, Theatervermittlerin vom Luzerner Theater. «Sie mussten sich stark damit auseinandersetzen, welche Wirkung und welche Stimmungen man mit Geräuschen, Stimme und Musik erzielen kann.» Den Fokus nur aufs Hören zu legen und damit Gefühle auszulösen, war eine neue Aufgabe für die Schüler.

«Es gab in den Geschichten auffällig viele Unfälle und Flugzeugabstürze.»
Melanie Dörig, Theatervermittlung Luzerner Theater

Das Projekt an sich vereint mehrere Kunstformen. Als erstes zeichneten die 4.- und 5.-Klässler gemeinsam mit Comic-Künstlern ihre eigenen Geschichten. Anschliessend mussten die Kinder ein Klangkonzept beziehungsweise eine Partitur zu ihrem Comic zu Papier bringen. Diese wurde dann mit Sängern und Sängerinnen erarbeitet und schlussendlich mit ihnen und dem Luzerner Sinfonieorchester im Luzerner Theater aufgeführt. Und nun ist das Projekt am Fumetto ausgestellt. Die Vernissage findet am Donnerstag, 12. März, um 14 Uhr, in der Kornschütte statt.

«Es gab in den Geschichten auffällig viele Unfälle und Flugzeugabstürze», amüsiert sich Dörig. Die Geräusche «Bumm Bäng Peng» seien bei den Schülern sehr beliebt gewesen. Das bewusste Hinhören, vor allem auf die feinen Töne und Hintergrundgeräusche, sei etwas Neues für die Kinder gewesen. «Sie mussten das Sichtbare in etwas Hörbares verwandeln.» Ausserdem mussten sie Mut aufbringen, sich und die eigenen Vorstellung als Komponisten, bei Dirigent und bei den Sängerinnen und Sängern durchzusetzen.

2. Die lächerliche Finsternis

Vom Hörbaren zum Sichtbaren entwickelte sich hingegen das Stück «Die lächerliche Finsternis» von Wolfram Lotz im UG des Luzerner Theaters. Dort zeigen die Schauspieler die Schweizer Erstaufführung des Hörspieltext.

Das Schauspiel «Die lächerliche Finsternis» handelt von einer Militäraktion in den Regenwäldern Afghanistans, die zum Ziel hat, einen Oberstleutnant zu liquidieren. Das Stück handelt aber genauso von einer Reise beziehungsweise einer Suche des Einzelnen zu sich selbst. Und dabei findet er das Banale, das Lächerliche, die Dunkelheit. Regisseur Andreas Herrmann erklärt: «Ein Hörspiel-Textbuch war vorhanden, nach welchem bereits mehrere Inszenierungen umgesetzt wurden.» Man wusste also bereits, dass es als Stück taugt, so Herrmann.

«Fokussiert man sich auf den Ton, erhält eine Geschichte etwas sehr atmosphärisches.»
Andreas Herrmann, Regisseur «Die lächerliche Finsternis» im UG

Doch welche Besonderheiten birgt eine Herangehensweise aus der Perspektive des Hörens an eine Inszenierung?  Herrmann betont: «Der Fokus liegt zwar auf dem Hören. Doch man hat die zusätzliche Ebene des Visuellen zur Verfügung, welche im Text so nicht angelegt ist.» Als Beispiel nennt er die Erzählerstimme, die sich in der Inszenierung mit den szenischen, realistischen Elementen zu vermischen beginnt. «Fokussiert man sich auf den Ton, erhält eine Geschichte dafür etwas sehr atmosphärisches.»


Ausschnitt der Inszenierung am Hamburger Thalia Theater von 2014

Ein Punkt, mit welchem man spielen könne, seien Behauptungen, die ein Hörspiel machen kann: Zum Beispiel, dass jemand unglaublich hässlich ist, was man im Hörspiel ohne Zweifel glaubt. «Solche Aussagen können auf der Bühne zu Behauptungen einer einzelnen Figur werden, aber auch relativiert werden.»

3. Menschliche Abgründe auf Band

Den umgekehrten Weg, vom Theaterstück zum Hörspiel, ging gerade erst ein Stück von Katja Brunner. Das Stück «Von den Beinen zu kurz» der derzeitigen Hausautorin des Luzerner Theaters schlug nach der Veröffentlichung hohe Wellen. Das Stück handelt von Inzest, Kindsmissbrauch, Liebe und es bricht mit so einigen Tabus. Nun veröffentlichte der «Gesunde Menschenversand» Luzern die WDR-Hörspielproduktion des aufwühlende Theaterstück als Hörbuch. Der Regisseur Erik Altorfer arbeitete dazu unter anderem auch mit zwei Kindern im Alter von zehn und 13 Jahren zusammen, die er bereits von früheren Produktionen kannte.

Altorfer ist überzeugt: «Dieses Thema ist mit Kindern als Darstellern in einem Hörspiel einfacher umzusetzen als auf der Bühne.» Zum Schutz erhielt das zehnjährige Kind für die Aufnahmen nur seinen eigenen Text, isoliert vom Rest des Stückes und ohne die Thematik zu kennen. «Auf der Bühne wäre das Kind mit der ganzen Thematik konfrontiert. Das wäre so kaum möglich», so Altorfer.

«Im Hörspiel muss man mit der fehlenden Bildwelt umgehen.»
Erik Altorfer, Regisseur des Hörspiels «Von den Beinen zu kurz»

Doch wie gelangte der Regisseur vom Theaterstück zum Hörspiel? «Dieser Theatertext an sich hat bereits eine relative offene Form.» Es könnte also von einer Figur als Monolog vorgetragen, oder auf viele Darsteller aufgeteilt werden. «Daher begann die Arbeit für mich genau so, wie sie für eine Theaterinszenierung beginnen würde. Ich entschied, unter welchen und wie vielen Sprechenden ich den Text aufteilen wollte. Und ich wollte Kinder dabei haben.» Es gehe ihm dabei darum, zwischen der erlebenden und der erzählenden Perspektive zu wechseln. Das Mädchen, welches den Missbrauch erlebt, und die erwachsene Frau, welche mit Distanz zum Erlebten damit umgeht.

Ein wichtiger Punkt: «Im Hörspiel muss man mit der fehlenden Bildwelt umgehen.» Dies tat Altorfer gemeinsam mit dem Musiker Martin Schütz. «Er ersetzte die Bildwelt durch Musik. Wobei Sprache und Musik beinahe miteinander verschmelzen.»


Welche Vorteile oder Nachteile bringt das Hörspiel im Gegensatz zum Theater mit sich? «Das Hörspiel kann Fantasieräume öffnen und durch die eigenen Vorstellungen Illusionen herstellen. Das Theater hingegen hat den Vorteil, dass es unmittelbar ist, flüchtig, und eine Interaktion zwischen Bühne und Zuschauerraum stattfinden kann», erklärt Altorfer.

Ein grosser Unterschied sei auch die zeitliche Spanne der Umsetzung. «Im Theater habe ich vier bis neun Wochen Probezeit. Bei einem Hörspiel habe ich zwei Stunden bis drei Tage Aufnahme. Deshalb sind die Besetzung und die Vorgespräche extrem wichtig.»

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