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Bürokratie und sture Eltern belasten Luzerner Lehrer
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Primarschulunterricht im Schulhaus St. Karli, Luzern. Klassenlehrer Jörg Gut unterrichtet seine 5. Klasse in Französisch. (Bild: Lustat/ Dany Schulthess )

Plötzlich gibt’s Kritik von links am Schulsystem Bürokratie und sture Eltern belasten Luzerner Lehrer

4 min Lesezeit 28.08.2018, 00:01 Uhr

In Luzerner Schulzimmern sitzen seit rund sechs Jahren auch Kinder mit Verhaltensstörungen – und es werden immer mehr. Dadurch kann die Belastung für die Lehrer massiv ansteigen, Entlastungsmassnahmen greifen oft erst nach langer Zeit. Die betroffenen Lehrpersonen zeigen sich zunehmend frustriert.

Der Kanton Luzern setzt seit nun sechs Jahren bei seinen Schulen auf Integration. Das heisst, jemand mit Lernschwächen oder körperlichen Behinderungen wird – soweit möglich – in den normalen Regelunterricht miteingebunden. Damit soll für diese Kinder Chancengleichheit hergestellt werden. Seit der Einführung der integrativen Schulung (IS) wird das neue System regelmässig kritisch beäugt.

Jetzt wollte SP-Kantonsrat Urban Sager von der Regierung wissen, ob sich das neue System negativ auf die Lehrer auswirkt. Sager sagt: «Vor allem die Integration von verhaltensauffälligen Kindern kann für Lehrpersonen intensive Belastungen zur Folge haben.»

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Kritik von links

Die Anfrage ist insofern bemerkenswert, dass die Kritik am IS-System bisher vor allem aus der rechten Seite des Rates kam. So auch in dieser Session: SVP-Kantonsrat Willi Knecht befragte die Regierung nach den Kosten des integrativen Systems (siehe Box am Ende).

Jetzt also der Einwand von links. Gab es bei den Sozialdemokraten eine Kehrtwende? Sager sagt: «Nein, das neue Luzerner Schulmodell ist eine Erfolgsgeschichte.» Das System werde ständig im Rat diskutiert. «Wir möchten, dass dabei die Belastung für die Lehrpersonen nicht vergessen geht», so Sager. Als Präsident des VPOD Luzern, der Gewerkschaft der öffentlichen Hand, sei er in ständigem Austausch mit den Lehrern.

Verhaltensstörungen nehmen zu

«Es geht bei unserer Anfrage ausschliesslich um Kinder mit einer Verhaltensauffälligkeit», stellt Sager klar. Dies sei nur ein kleiner Teil des integrativen Systems, «die Integration von Kindern mit Lernschwächen oder körperlicher Behinderung ist kein Problem.»

SP-Kantonsrat Urban Sager (Mitte) und Grüne-Kantonsrätin Katharina Meile singen mit.

SP-Kantonsrat Urban Sager (Mitte), hier an der Anti-Spar-Demonstration.

(Bild: pze)

Anders die Verhaltensauffälligkeit. Seit 2013 ist die Anzahl der verhaltensauffälligen Kinder in Regelklassen von 67 auf 160 angewachsen. Dies geht aus der Antwort des Regierungsrats zur Anfrage Sagers hervor.

«Wir möchten die Diskussion jetzt führen. Wenn die Lehrpersonen die Arbeitslast nicht mehr tragen können, verliert das integrative Schulsystem an Akzeptanz – sowohl beim Personal als auch in der Bevölkerung», sagt Sager. Also: Wird das System den Lehrern zu streng, kann man es nicht mehr rechtfertigen.

Streit mit Eltern belastet Lehrer

Zusätzliche Belastung für die Lehrer sieht Sager bei besonders anspruchsvollen Kindern. Auch beim integrativen Modell besteht die Möglichkeit, verhaltensauffällige Kinder in ein Sonderschulsetting zu versetzen. Dies, wenn sämtliche getroffenen Massnahmen nicht greifen. Doch kooperieren die Eltern dabei nicht, kann dies den Prozess verzögern. «Mir sind Fälle bekannt, die sich wegen rechtlicher Einsprachen der Eltern über mehrere Monate hinzogen», so Sager.

Streite sich die Schule mit den Eltern über ihren Schützling, so führe dies zu einer unbefriedigenden Situation für die Lehrpersonen. Da der Schulbetrieb normal weiterlaufe, sei die Belastung für die Lehrperson während dieser Zeit massiv erhöht. «Hier müssen Lehrpersonen schnell und unbürokratisch entlastet werden können.»

Bürokratie als Hürde

Dies könne durch Förderungen von Angeboten wie Timeouts, Lerninseln, Klassenassistenzen oder Beratungen für Lehrpersonen geschehen. Weiter müsse man die Anzahl der Lektionen erhöhen, bei der eine zusätzliche Lehrperson zugegen ist.

Aus der Antwort der Regierung gehe hervor, dass viele Möglichkeiten bereits vorhanden seien, so Sager.«Sie müssen für Lehrpersonen aber schneller und unbürokratischer nutzbar sein.» Dabei nimmt er die Schulleitungen in die Pflicht. «Ich stelle fest, dass die kantonalen Angebote von den Schulen unterschiedlich in Anspruch genommen werden, die Schulleitungen müssen die Lehrpersonen in solchen Situationen unterstützen und die Angebote des Kantons auch nutzen.» 

Übertriebene Betreuung als Risiko

Schlussendlich müsse man auch zusätzliche Ressourcen diskutieren. «Ist eine Lehrperson am Anschlag, so muss kurzfristig auch die Möglichkeit von zusätzlichen Förderstunden bestehen», so Sager. Das bedeutet, dass sich eine zweite Lehrperson im Raum befindet, die mit den betroffenen Schülern arbeitet. «Oft können verhaltensauffällige Kinder nur teilweise im Klassenverbund arbeiten, man muss sie also in Kleingruppen führen. Bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeit braucht es dazu oft zwei Lehrpersonen», so der SP-Politiker.

Aus der Antwort der Regierung wird aber deutlich: Wird ein Kind durch eine übertriebene Betreuung von den Klassenkameraden isoliert, werde der Zweck des IS-Systems untergraben. Es drohe eine «Separation in der Integration», so die Regierung. Das sieht auch Sager ein: «Das wollen wir auf keinen Fall.»

Was das System kostet

Aus einer Anfrage von SVP-Kantonsrat Willi Knecht geht hervor, wie hoch die durchschnittlichen Kosten für die Gemeinden sind – im Vergleich zu früheren Modellen. Die Regierung listet die durchschnittlichen Ausgaben von 2015 bis 2017 auf:

  • Das getrennte Sekundarschulmodell kostete die Gemeinden pro Klasse 336’302 Franken pro Jahr (19’691 Franken pro Schüler).
  • Das kooperative Sekundarschulmodell kostete die Gemeinden pro Klasse 351’0004 Franken (20’966 Franken pro Schüler).
  • Das integrative Sekundarschulmodell kostete die Gemeinden pro Klasse 374’309 Franken (21’878 Franken pro Schüler).

Dabei unterscheiden sich die einzelnen Gemeinden des Kantons in ihren Kosten. Laut Knecht falle auf, dass immer wieder dieselben Gemeinden Tiefst- beziehungsweise Höchstzahlen ausweisen. Grund dafür seien laut der Regierung in erster Linie die Klassengrössen. Da viele Sekundarschulkreise aktuell wenige Schüler haben, könne diese im Moment nicht angepasst werden.

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