Bühnentechniker: «Ich hatte das Gefühl, meine Branche sei den Leuten egal»
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Weil er wegen Corona seiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte, hat Schindler viel Zeit mit seiner Metallkunst verbracht. (Bild: cbu)

Silvan Schindler sattelt um Bühnentechniker: «Ich hatte das Gefühl, meine Branche sei den Leuten egal»

6 min Lesezeit 27.12.2020, 18:00 Uhr

Für die grossen Swiss Music Awards im KKL hat er noch Anfang Jahr die Bühne aufgebaut. Dann kam der Lockdown. Für den Bühnen- und Beleuchtungstechniker Silvan Schindler folgten Monate der Unsicherheit und Zukunftsängste. Wir wagen einen Blick hinter die Kulisse einer im Jahr 2020 gebeutelten Branche.

Silvan Schindler (40) ist ein Mann der Tat. In seiner Metallwerkstatt schweisst, lötet und verarbeitet er Metallstücke zu Skulpturen, Schildern und Feuerschalen. In den letzten Monaten ist er häufiger hier anzutreffen. Seinen eigentlichen Beruf kann er nicht mehr ausüben.

Schindler ist freischaffender Bühnen- und Beleuchtungstechniker. Er ist für den Auf- und Abbau von Bühnenbildern, Beleuchtungen und Verkabelungen hinter den Bühnen von Theatern, Festivals, Firmenevents, Konzerten und Filmen zuständig.

Dass er mal in dieser Situation sein würde, in der er heute steckt, hätte er sich nicht vorstellen können. «Am Anfang habe ich gedacht, das ganze Drama dauert ein paar Wochen und dann ist das vorbei», erinnert er sich an den Februar zurück.

Von der Bühne in den Lockdown

Damals war Schindler mit dem Aufbau der Technik für die Swiss Music Awards im KKL Luzern beschäftigt. «Das Virus kam immer näher, die Lage wurde immer ernster.» Hinter geschlossenen Türen habe man sich gefragt, ob der Anlass überhaupt durchgeführt würde – kurz davor wurde das Begrenzungsverbot auf 1’000 Personen festgelegt.

Schlussendlich ging die Show über die Bühne – nur mit geladenen Gästen und ohne die Öffentlichkeit. Silvan Schindler wurde noch für den Abbau gebucht. Zwei Tage später, am Montag, 2. März, brach das Chaos aus. «Ich wurde mit Telefonaten und Mails eingedeckt, alle meine gebuchten Aufträge wurden abgesagt – auch Events, die viel später im Jahr stattgefunden hätten.»

Eine Flut von Telefonen und Mails

Sich mit Telefonaten und Mails abzumühen, war eine von Schindlers Hauptbeschäftigungen während des Lockdowns. «Ich musste mich mit Veranstaltern und Kunden absprechen. Und mit den Ämtern wegen den Hilfsgeldern.» Mit letzteren sei die Zusammenarbeit schwer gewesen. «Am Anfang lief das in meinen Augen richtig schlecht», sagt Schindler. Man habe grosse Reden geschwungen, versprochen, niemanden im Stich zu lassen, letztlich sei es aber einfach nur mühsam und umständlich gewesen, diese Hilfe zu erhalten.

«Ich musste alle Anlässe nachweisen. Auch solche, für die ich noch nicht gebucht wurde, weil sie präventiv abgesagt wurden, die ich in den Vorjahren aber hatte.» Für diese hätte er bei den betreffenden Firmen Bestätigungen für die Buchungen einholen müssen. Das sei wahnsinnig kräftezehrend und umständlich gewesen, hätte letztlich aber zum Ziel geführt. Schindler räumt aber ein, dass es nicht allen so ergangen sei. «Ich kenne Leute, die haben ganz unkompliziert Hilfe bekommen.»

Was Silvan Schindler in seiner Werkstatt kreiert und was er im Corona-Jahr erlebt hat, siehst du im Video.

Rückzug ins Hobby

Halt hat er in seiner Werkstatt gefunden, wo er für eine bevorstehende Kulturausstellung Skulpturen aus Metall anfertigte. «Ich dachte mir, wenn mein Gewerbe schon bachab geht, versuche ich mit meinem Kunstzeug etwas zu reissen.» Nächtelang hat er sich in der Werkstatt abgeschottet und alles auf diese Karte gesetzt – bis auch die Ausstellung abgesagt wurde. Die verbleibende Zeit hat er dann für Umbauten in seinem privaten Umfeld und befreundeten Kulturlokalen genutzt – alles unentgeltlich. «Mir war keine Minute langweilig.» In der Werkstatt ist er trotzdem noch häufig. «Die Arbeit da hilft mir dabei, den Kopf durchzulüften.»

Ich dachte mir, wenn mein Gewerbe schon bachab geht, versuche ich mit meinem Kunstzeug etwas zu reissen.»

Noch lange habe er Hoffnung gehabt, dass die Festivals und Sportanlässe im Sommer durchgeführt werden – bis auch da der Stecker gezogen wurde. «Ständig kamen neue Verordnungen, es war ein ziemliches Durcheinander», erinnert er sich. «Es herrschte branchenweit eine grosse Unsicherheit.»

Auf nichts habe man sich wirklich verlassen können, was auch dazu geführt hat, dass Schindlers Vertrauen in die Regierung einen Knick bekommen hat. «Irgendwann hat man einfach aufgehört, etwas planen zu wollen. Jede Minute, die man in die Planung von irgendetwas investiert hat, war herausgeschmissenes Geld.»

Unsichtbar für die Allgemeinheit

Wenn er heute auf das Jahr zurückblickt, ist ihm vor allem etwas hängen geblieben: «Ich hatte das Gefühl, meine Branche sei den Leuten egal, obwohl alle in irgendeiner Form Kultur geniessen möchten. Diese Gleichgültigkeit hat mich gestört.» Die Veranstaltungs- und Kulturbranche setze viel Geld um und sei ein grösserer Wirtschaftszweig als manch andere. «Wir Techniker sind für die Öffentlichkeit meistens unsichtbar. Sie sehen nur die Ergebnisse unserer Arbeit, selten aber die Arbeit selbst.»

Schindler hofft, dass durch die ganze Covid-Situation wenigstens das Verständnis für die Eventbranche etwas gewachsen sei. Immerhin hätten Aktionen wie die «Night of Light» im Juni gezeigt, wie gross die Solidarität sein könne (zentralplus berichtete).

Immerhin: Nach der Einführung des Covid-Gesetzes im Herbst habe es mit den Unterstützungsgeldern viel besser geklappt. «Die Gespräche mit den Ämtern waren sehr gut. Sie haben viel Verständnis gezeigt.»

Düstere Aussichten

Für die Zukunft seiner Branche zeichnet Schindler ein düsteres Bild. «Ich kenne einige Technik-Leute, die bereits wieder auf ihren alten Beruf oder sonstwie umgesattelt haben», sagt er. Auch, weil die Entschädigungen gerade für Leute mit Familie nicht ausreichen.

Einige hätten nach dem ganzen Verordnungsdurcheinander gar keine Lust mehr, sich damit abzugeben. «Aus meiner Generation und solche, die noch länger dabei sind, haben viele diesen Beruf nicht gelernt.» Man sei quasi in die Branche gerutscht und habe sich die Fähigkeiten autodidaktisch angeeignet.

So auch er selbst. Der gelernte Landschaftsgärtner hat in seiner Jugend Parties organisiert und war für die Beleuchtung und Dekoration zuständig. Über Umwege sei er dann drei Monate an einem Basler Theater als Bühnenhelfer tätig gewesen. «Ich hatte keine Ahnung von nichts», erinnert er sich lachend. «Aber die Arbeit hat mich so gepusht, dass ich weitermachen wollte.» Nach vier Jahren als Angestellter in einer Technikfirma hat Schindler schliesslich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und ist mittlerweile seit 17 Jahren vollberuflich in der Eventbranche tätig.

Ob er nach Corona aber wieder in das Business zurückgehen wird, ist unklar. «Für nächstes Jahr werde ich mir einen anderen Job suchen müssen», sagt er. In welche Richtung der gehen wird, weiss er noch nicht. Mit der Nothilfe kommt er derzeit zwar knapp über die Runden, aber eine längerfristige Lösung sei das nicht. «Wenn die Branche irgendwann so wird wie früher, kann ich mir eine Rückkehr vorstellen», so Schindler. Sollten aber über Corona hinaus Regulierungen und Massnahmen regieren, «werde ich bleiben, wo ich bin – wo auch immer das dann sein wird».

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