Brutaler Heckenschütze bringt «Tatort» auf Touren
  • Gesellschaft
Reto Flückiger (Stefan Gubser, M.) wird von Eugen Mattmann (Jean-Pierre Cornu, r.) daran gehindert, zuzuschlagen. (Bild: SRF/Daniel Winkler)

TV-Kritik zum Luzerner «Tatort» Brutaler Heckenschütze bringt «Tatort» auf Touren

4 min Lesezeit 1 Kommentar 06.09.2015, 18:00 Uhr

«Ihr werdet gerichtet» heisst der neuste Tatort aus Luzern. «Ihr werdet Freude daran haben», verspricht unsere Kulturredaktorin Jana Avanzini in dieser TV-Kritik. Freude, aber auch Greuel, Mitleid und noch vieles mehr.

Mit «Ihr werdet gerichtet» inszenierte Florian Froschmayer seinen ersten Luzerner «Tatort». Die Geschichte eines Serientäters, der Selbstjustiz verübt. Die potenziellen Opfer sind Vergewaltiger, Schläger und Raser, deren Opfer seit Jahren auf ein Verfahren warten. Der Täter ist für die Zuschauer von Anfang an beobachtbar, leidet unter dem Schmerz seiner Frau, die vor Jahren selbst zum Opfer einer Vergewaltigung wurde. So ist eine klare Grenze zwischen Opfer und Täter einmal mehr schwierig zu ziehen.

Wenn Köpfe zu Brei zerschossen werden

Dieser Tatort beginnt und endete für mich mit ein und demselben Wort: «Scheisse.» – Als  erschrockener Ausruf zu Beginn und als betroffenes Murmeln am Ende.

Fliegen Leute so durch die Luft, wenn sie erschossen werden? Der Anfang dieses Tatorts hat es in sich. Gegessen haben sollte man vorher. Hier gibt es kein feines Heranführen an den Fall, und dann auch kein Rätseln. Denn gleich zu Beginn ist der Täter bekannt. Und er ist leider nicht fies und nicht unsympathisch – er tut einem einfach nur leid.

Dieser Tatort ist beklemmend. Es geht an die Nieren. Man leidet mit, was vor allem an den grossartigen Darstellungen von Sarah Hostettler und Antoine Monot Jr. liegt. Gebrochene Charaktere, eine traurige Geschichte, die berührt.

Das Thema der Selbstjustiz ist heikel und lässt schnell Emotionen hochkochen. Dieser Tatort findet einen Mittelweg, man kann sich auf keine Seite schlagen. Man fürchtet sich vor dem Täter, drückt ihm aber heimlich auch ein bisschen die Daumen, dass er davonkommt.

Es «mönschelet»

Allen sollte nach wenigen Minuten dieses Films klar sein, wie schwierig das Thema ist – deshalb sind gewisse Szenen und Zweifel der Kommissare etwas stark hervorgehoben, wie das stehengelassene «Gerechtigkeit» von Flückiger.

Aber schön ist: Es «mönschelet» langsam in Luzern. Im letzten Tatort konnte Mayer sich nicht zurückhalten, dieses Mal schlägt Flückiger drauflos. Die Kommissare wirken weniger steif, sie lassen die Fälle näher an sich herankommen.

Bei der Sprache gibt es diesmal etwas weniger auszusetzen. Vielleicht aber auch, da gefühlt sehr wenig gesprochen wird. Vielleicht wäre das eine längerfristige Lösung.

Ich wurde vom Krimi gut unterhalten. Soweit mein Fazit. Die Geschichte ging mir jedoch weniger an die Substanz als der letzte Luzerner Tatort. Es ist tragisch, aber – bös gesagt – mit den Opfern hält sich das Mitleid in Grenzen. Ausser der Doppelselbstmord am Ende – der liess das Augenwasser tröpfeln.

Ein Ausweg existiert nicht mehr. Zwei zerstörte Leben entscheiden sich für den Tod. Die Ermittler kommen zu spät. Der Schluss liegt schwer im Magen, und gleichzeitig erlöst er.

Scheisse.

Die Schauspieler

Delia Mayer als Liz Ritschard – meiner Meinung nach wie immer souverän. Weder abgeklärt noch labil. Obwohl ich von ihr gerne mal wieder einen Fetzen Privates erfahren würde, bleibt sie mir als menschliche Kommissarin sehr sympathisch.

Stefan Gubser als Reto Flückiger hat mich dieses Mal im Sack. Ich gebe zu, vor allem wegen seinem kleinen Ausraster. Trotzdem halte ich ihn für zu glatt. Etwas mehr Ecken und Kanten, oder auch Humor und Schlagfertigkeit täten dem Luzerner Tatort gut.

Der Freund Simic – perfekt besetzt mit Mišel Maticevic als kriegstraumatisierter Bosnier, beeindruckt und verursacht den grössten Schreckmoment: Ihn will man wirklich nicht sterben sehen.

Das vom Schicksal gezeichnete Paar Karin und Simon Amstad – mit Sarah Hostettler und Antoine Monot Jr. grossartig besetzt. Man fühlt sich wie beim ersten Lesen von Emilia Galloti, weil man die Figuren am liebsten schütteln und in den Arm nehmen würde.

Schön, als Polizeichef Mattmann «krampfig» mit seinem Blick der Leiche ausweicht. Schön auch, dass er mal nicht der Arsch ist. Das wird sonst langweilig.

Schön auch, dass im Wohnzimmer von Amstad’s «Netz Natur» im Fernsehen läuft. Ein Schmunzeln konnten in dieser Szene bestimmt die wenigsten Schweizer Zuschauer unterdrücken. Auch ansonsten enthielt dieser Tatort immer wieder unerwartete Auflockerungen, wie die Kleine, die Streit mit der Mutter hatte und deshalb Gubser und seiner Pistole im Weg sitzt.

Lustig, dass Luzern im Tatort plötzlich einen Hauptbahnhof hat. Ebenfalls amüsant, dass der Täter sich in unglaublicher Geschwindigkeit zwischen den Quartieren hin und her bewegen kann, raus aus dem Innenhof an die Klosterstrasse und rüber über die Bundesstrasse – kann der Beamen?

Die Stadt kommt diesmal zwar etwas düster und melancholisch, aber doch hübsch daher. Musste doch auch für diese Folge kein zusätzlicher Abfall, nur künstliches Gehirn auf den Strassen verteilt werden.

Realistisch: Die Einspieler der Presse fand ich gelungen, und zudem spannend, dass die Überberlastung der Justiz in Luzern (zentral+ berichtete) als Aufhänger dient. Bisschen fies zwar.

Schlusswort: Toll, jetzt halte ich mich selbst für sehr empathisch und bösartig gleichzeitig. Danke Tatort.

Note für den Film: 8

Note für Kommissar Flückiger: 7

Note für Kommissarin Ritschard: 8

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1 Kommentare
  1. Jörg Willi Dr.med.vet., 07.09.2015, 18:36 Uhr

    Schwer verständlich (weil zu leise gesprochen) waren die Passagen von Simic im Gespräch mit Karin. Für mich aber völlig unverständlich bleibt, weshalb man den Tod der Opfer in derart blutdrünstiger Manier darstellen muss, zumal der Film noch zu einer Zeit gesendet wird, wo auch Primarschüler noch fernsehen. Solche brutal dargestellte Szenen haben Verrohung und Abstumpfung zur Folge. Wenn man in der Schweiz eine beängstigende Zunahme der Brutalität beklagt, sollte die öffentliche Hand nicht noch solche perversen Krimis mitfinanzieren und die Stadt Luzern als Kulisse für solchen Fernsehmüll missbrauchen.

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