«Brudi, lass die Fatboys rollen!»
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Hart, aber herzig: Elektro-Chopper sind im Trend. (Bild: Adobe Stock) (Bild: Adobe Stock)

Elektro-Chopper schleichen durch Luzern «Brudi, lass die Fatboys rollen!»

5 min Lesezeit 2 Kommentare 25.09.2021, 11:55 Uhr

Endlich gibt es da wieder ein Gefährt, das die Gemüter so richtig spaltet. Der Elektro-Chopper zieht unweigerlich alle Blicke auf sich – manche staunend, die meisten abfällig. Aber was steckt eigentlich hinter dem Hype um die adipösen Reifen?

Jeder zweite Sommer hat sein Trend-Fortbewegungsmittel. Eine kurze Chronik: 2015 kamen Teens mit dem Hoverboard um die Ecke «geschwebt», 2017 rollten die ersten E-Trottis durch Schweizer Städte und 2019 rief man auch in Luzern das Uber-Taxi herbei.

Der nun ausklingende Sommer setzte diese Tradition fort und brachte wiederum etwas Neues auf die Luzerner Strassen: den Elektro-Chopper. Dicke Räder, breiter Lenker, tiefer Sitz und …. äh … viele bunte Metallic-Farben.

Klar, der leise Elektromotor erinnert bisschen mehr an einen Roomba-Staubsaugerroboter als an eine Hells-Angels-Harley. Aber hey, das «Lebensgefühl» auf der Maschine scheint offensichtlich ein ähnliches zu sein. Ohne Helm im Fahrtwind (mit maximal 25 km/h) über die Asphaltprärie reiten und dabei alle Blicke auf sich zu wissen? Was will das Outlaw-Herz mehr?

Kaum da, schon geächtet

Der langen Tradition der Trendfahrzeuge entsprechend, kann auch der Elektro-Chopper vor allem eines extrem gut: die Meinungen spalten. Kaum pflanzte sich der erste Flaumschnauzträger im Boxeur-de-Rues-Pulli auf einen Elektro-Chopper, setzten die Feuilletonisten zur generationalen Gesellschaftskritik an.

Das gezeichnete Bild: Auf dem E-Chopper sitzen die Secondo-Jungs, die gerne protzen und halt auch nicht so gut aufs Geld schauen. Und Zuhälter. Zuhälter fahren auch E-Chopper.

Natürlich ist beides nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber dieser Ansatz, um den Hype zu beschreiben hat einen ziemlich hohen Gähnfaktor. Der Versuch einer Annäherung an das eigenwillige Gefährt macht da schon mehr Spass.

Was zum Geier ist dieses Ding eigentlich?

Wer einen Fachbegriff für diese Form von Elektrorollern sucht, landet beim Terminus «Ridelec». Es gibt diverse Modelle, aber die beliebtesten – und auffälligsten – sind die sogenannten «Fatboys» und «Citytwister». Sie sind im Grunde eine Weiterentwicklung jener E-Scooter, die im Stile einer Vespa gehalten sind. Diese haben vor ein paar Jahren vor allem von China aus die Strassen der Grossstädte erobert.

Die Fatboys sind ebenfalls ganz für die Stadtstrassen konzipiert – Look geht hier vor Leistung. Dennoch verfügen die meisten Modelle über einen soliden 500-Watt-Motor. Der Name «Fatboy» ist offensichtlich eine Hommage an das gleichnamige Model des Motorradherstellers Harley-Davidson. Das Original erlangte dank Arnold Schwarzeneggers 1991er-Sci-Fi-Action-Klassiker «Terminator 2 – Tag der Abrechnung» Bekanntheit.

Zugegeben, es braucht schon etwas Fantasie, um die subversive Natur des Fatboys zu erkennen.

Kein Helm, kein Nummernschild, kein Problem

Der Hauptgrund für die Beliebtheit wird aber an anderer Stelle zu finden sein. Beim einfachen Zugang. Analog zu den E-Bikes gibt’s die E-Chopper in schnell und langsam. Für Letztere – jene, die maximal mit 25 km/h unterwegs sind – braucht man ab 16 Jahren keinen Helm, keinen Führerschein und auch kein Nummernschild.

Das alleine sind eigentlich schon genug Argumente, um das Gefährt einem vorab jüngeren Publikum schmackhaft zu machen. Die Tatsache, dass das Möbel derart auffällt, ist natürlich ein weiterer «selling point». Ein E-Chopper grenzt ab: «Hier du Spiesser im Dreiteiler auf deinem E-Trotti, hier ich auf den ultrafetten ‹Schlappen› meines Choppers.»

Missbilligende Blicke und frotzelnde Kommentare sind Seelenbalsam für das Rebellengemüt. Das ist heute nicht anders als vor fast 50 Jahren, wie dieser SRF-Beitrag über Töfflibuebe aus dem Jahr 1972 beweist:

Bisschen irritieren, bisschen frisieren

Ebenfalls damals wie heute beliebt: das Frisieren. Ging damals, geht heute. Der Unterschied: Früher wurden die Geheimnisse der unerlaubten «Optimierungen» mündlich überliefert. Heute gibt’s Youtube-Tutorials. Was man dort lernt: Statt direkt am Motor zu wursteln wird heute die Leistung der Batterie angegangen.

Und natürlich gibt es auch für die E-Choppers massenweise Accessoires, mit denen man seine Individualität noch pointierter zum Ausdruck bringen kann. Lenkertaschen aus Lederimitat, 60-Volt-Displays oder eisengegossene Fussraster (für das zusätzliche Quäntchen «Echt-Motorrad-Feeling»).

Bezahlbarer Lifestyle

Das ganze Lebensgefühl ist natürlich auch mit einem Preisschild versehen. Unverbindliche Preisempfehlung: Zwischen rund 3200 und 4000 Franken. Es ist somit nicht wesentlich teurer als es heute ein klassisches Pony-Töffli ist. Die obengenannten Accessoires gehen danach zusätzlich ins Geld. Der eigentliche Schatz ist aber der 60-Volt-Akku, der für sich alleine schnell mal über 1200 Franken kostet.

«Das Interesse ist riesig.»

Pepe Kaufmann, Inhaber einer Garage in Kriens-Obernau

Die Nachfrage kann man mit dem Verb «läuft» zusammenfassen. Wie viele E-Chooper auf Schweizer Strassen unterwegs sind, ist heute noch unbekannt. «Das Interesse ist riesig», bestätigt jedoch Pepe Kaufmann, Inhaber und Geschäftsführer der gleichnamigen Garage in Kriens-Obernau. Seine Garage gehört zu den ersten, die Fatboys anbieten. Ein «einschlägiges» Klientel könne er bei den E-Scootern nicht feststellen. «Das Publikum dafür ist sehr breit, unser ältester Kunde war ein 74-jähriger Mann.» Weicher, breiter Sitz, einfaches Auf- und Absteigen – ja, das ergibt schon irgendwie Sinn.

Was bleibt vom Hype?

Sind die Fatboys gekommen, um zu bleiben? Die Frage lässt sich wohl erst ein paar Sommer später beantworten. Tatsache ist, dass von Bundesbern bereits Signale kommen, dass den E-Chopperistas der Wind aus den Segeln – beziehungsweise aus den Haaren – genommen werden soll. So wird die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats wohl noch dieses Jahr über eine mögliche Helmpflicht für solche Leichtmotorfahrzeuge diskutieren.

1990 hat die Helmpflicht schon bei den Mofas für das Aussterben des klassischen Töfflibuebs gesorgt. Ob dies auch schon wieder das Ende der Fatboy-Ära bedeuten könnte, steht aktuell noch auf einem anderen Blatt geschrieben.

Hat viele Hoffnungen enttäuscht: der Segwway. Hier in der für ihn typischen Gänsemarschformation. (Bild: Adobe Stock)

Übrigens, als Mutter aller moderner Trendfahrzeuge muss wohl der Segway Personal Transporter genannt werden. Das selbstbalancierende zweirädrige Vehikel wurde vor genau 20 Jahren der Öffentlichkeit präsentiert und als mobilitätstechnische Revolution angepriesen.

Nun, die Revolution blieb aus. Was bleibt, sind ungelenk wirkende Stadtbesichtigungstouren und das obligate Segway-Fails-Video auf Youtube. Klammheimlich wurde die Produktion des Einachsers 2020 eingestellt. Man notiere: Trends kommen und Trends gehen.

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2 Kommentare
  1. Erwin Lussi, 25.09.2021, 16:24 Uhr

    Wo ist der zurück Button in der Z+ App ? ( vom Artikel zurück zur Startseite)
    Der ist seit kurzem verschwunden !

    0 👍 Gefällt mir 0 👏 Applaus 0 🤔 Nachdenklich 0 👎 Daumen runter
    1. Redaktion Christian Hug, 25.09.2021, 19:33 Uhr

      Danke für den Hinweis. Bei uns ist er noch vorhanden. Können Sie uns bitte die Version und Ihr Handymodell an [email protected] mitteilen?

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