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Bruchbude als Zankapfel zwischen Zug und Schweizer Denkmalkommission
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Fensterläden klappern im Wind der gemeindeeigenen Liegenschaft. (Bild: mam )

Baarer Kleinod aus Zeiten des Sonnenkönigs bedroht Bruchbude als Zankapfel zwischen Zug und Schweizer Denkmalkommission

6 min Lesezeit 2 Kommentare 16.04.2019, 10:11 Uhr

«Unentbehrlich» und «von sehr hohem wissenschaftlichen Wert» ist ein aus der Barockzeit stammendes Haus an der Baarer Leihgasse. Dies findet die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege. Doch der Baarer Gemeinderat will das Gebäude abreissen. Denn er hat nicht gemerkt, dass er ein tolles Baudenkmal gekauft hat. Die Zuger Regierung stärkt ihm dabei den Rücken.

 

«Nicht jedes alte Haus ist gleichzeitig auch wertvoll und schützenswert», sagt Andrea Bertolosi. «Und das Haus an der Leihgasse 15 ist einfach nur alt.» Seit Anfang Jahr spricht der frisch gewählte Baarer Gemeinderat nur noch mit einer Stimme – mit jener der neuen Gemeindeschreiberin, die gleichzeitig als Mediensprecherin amtet.

Doch worum gehts? Die Gemeinde Baar hat vor sechs Jahren einen leer stehenden Hausteil mit zerbrochenen Scheiben und windschiefen Fensterläden gekauft, das drei Jahre später bei der Inventarisierung der Baudenkmäler als schützenswert erkannt wurde. Dagegen läuft sie nun Sturm. «Wir können sehr wohl einschätzen, ob eine Baute kulturell wertvoll ist», sagt Bertolosi, «dafür haben wir unsere eigenen Spezialisten.» Sie meint damit die Verwaltungsangestellten der Gemeinde.

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Wasserfester Entscheid durch Experten des Bundes

Andere Spezialisten haben eine andere Meinung. Jene der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege (EKD), in der Kunsthistoriker und Architekten sitzen – etwa Roger Diener vom berühmten Basler Büro Diener & Diener. Ausserdem mehrere Rektoren und Professoren von Hochschulen und Universitäten.

Die EKD war von der Zuger Denkmalpflege zu Hilfe gerufen worden, um das gesamte Gebäude – ein dreiteiliges Haus an der Ecke Rigistrasse/Leihgasse – richtig einzuschätzen. Anerkannte Experten sollten entscheiden, ob es sich einfach um eine alte verrottete Hütte handelt oder allenfalls um ein schützenswertes Denkmal.

 Verstehen, wie Baar sich entwickelt hat

Das Gutachten, unterzeichnet von Nott Caviezel, einem Bündner Kunsthistoriker und Professor an der Technischen Hochschule Wien, ist eindeutig: Das Dreifachhaus sei «von sehr hohem wissenschaftlichen Wert für die lokale Hausforschung». Der Hausteil der Gemeinde, welcher den ältesten Teil des Baus darstellt, sei von «sehr hohem kulturellen Wert», die «reiche Ausstattung» von «sehr hohem kulturellen und heimatkundlichen Wert».

Für das Verständnis der Baarer Ortsgeschichte sei das Dreifachhaus schlechterdings «unentbehrlich». Es handle sich um ein «Denkmal von lokaler Bedeutung» im Sinne des Zuger Denkmalschutzgesetzes und sollte deshalb «integral» unter Schutz gestellt werden.

Als strategische Landreserve gekauft

Der Baarer Gemeinderat hatte das Haus 2012 von einer Erbengemeinschaft gekauft – aus strategischen Gründen, wie der damals federführende Gemeindepräsident Andreas Hotz (FDP) auf Anfrage sagt. Sie befinde sich in unmittelbarer Nähe zu gemeindlichen Liegenschaften. Tatsächlich grenzt der Polizeiposten, der in einer kommunalen Liegenschaft eingemietet ist, an das Grundstück.

Man habe das Haus auf Wunsch der Erben erworben, sagt Hotz, der beim Kaufentscheid in den Ausstand getreten war. Als mögliche Verwendungszwecke für einen Neubau standen und stehen laut Hotz «der preisgünstige Wohnungsbau, Alterswohnungen, Erweiterung eigener Büroräumlichkeiten, oder einfach die Mitsprache und Einflussnahme bei einer allfälligen Gesamtüberbauung zur Diskussion.»

Gemeindepräsident mit Verbindungen zur Baubranche

«Eine Schutzwürdigkeit stand bei diesem Abbruchobjekt nicht zur Debatte», sagt Hotz, der Anwalt und Notar ist und einiges vom Geschäft mit Neubauten versteht. Seit 2016 ist er Vize-Verwaltungsratspräsident der Jego AG, welche als Generalunternehmerin in Baar die neue Grossüberbauung an der Marktgasse realisiert hat.

«Es gibt in Baar wohl kein anderes Wohngebäude, in welchem sich der Gesamtbestand der Ausstattung derart flächendeckend und ohne Veränderungen der Neuzeit erhalten hat.»

Nott Caviezel, Professor für Denkmalpflege

Im Dreifachhaus eingekauft haben sich indes andere Immobilienentwickler – und zwar die Unterägerer Heinz und Stephan Häusler, die etwa von der Erweiterung der Überbauung Alpenblick in Cham her bekannt sind. Die Häuslers hegen, wie die Gemeinde auch, den Wunsch, einen Neubau zu realisieren.

Was im Jahr des Hausbaus geschah

Der würde eine Vergangenheit auslöschen, die bis ins Jahr 1676 zurückreicht. Damals herrschte in der Ukraine Krieg, in Skandinavien ebenso, und der französische Sonnenkönig Louis XIV war gerade dabei, sich ein Stückchen von Deutschland einzuverleiben. Der Schriftsteller Hans Jakob Christoffel Grimmelhausen, der in seinem Buch «der abenteuerliche Simplicissimus» die Schrecken des Dreissigjährigen Krieges (1618–1648) beschrieben hatte, starb. Und in den Niederlanden entdeckte ein Naturforscher und Brillenmacher namens Antoni van Leeuwenhoek als erster, was Bakterien sind.

Es war einmal eine Spunte

Aus dieser Epoche des Barocks ist an der Leihgasse 15 noch vielerlei erhalten. Die gesamte Bauweise ist eine Zeugin der Epoche, die Dachstockkonstrukution, zahlreiche Türen und der Kachelofen, der ein paar Jahrzehnte später entstand. Im Haus war spätestens in der Zeit von Napoleon eine Schenke untergebracht. Von damals stammt die Einteilung in Haupt- und Nebenstube. «Es gibt in Baar wohl kaum ein anderes profanes Wohngebäude, in welchem sich der Gesamtbestand der Ausstattung derart flächendeckend und ohne Eingriffe und Veränderungen der Neuzeit erhalten hat», urteilten die eidgenössischen Experten.

Dass die laut EKD «überaus reiche Ausstattung aus dem 18. und 19. Jahrhundert» erhalten geblieben ist, hat einen Grund: Der Vorbesitzer hatte das Haus nämlich nicht mehr selber bewohnt und folglich auch nichts mehr daran geändert. Das ist aber nun auch die Krux für die Gemeinde: Sie kann das Haus mit dem unzeitgemässen Ausbaustand nicht einfach renovieren und vermieten – deshalb soll es ja eben weg.

Regierungsrat mit «klar politischem Entscheid»

Gegen die Inventarisierung als schutzwürdiges Baudenkmal hat die Gemeinde 2015 noch unter Hotz’ Ägide Einspruch erhoben – ebenso wie die Immobilientwickler Häusler. Mittlerweile hat nun der aus dem Baunebengewerbe kommende Baarer FDP-Politiker Andreas Hostettler die grünalternative Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard an der Spitze der Direktion des Inneren abgelöst – und zusammen mit dem restlichen Regierungsratkollegium beschlossen, das Haus aus dem Inventar zu kippen und der Abrissbirne zu übereignen.

Dreifachhaus an der Rigistrasse und Leihgasse in Baar.

Dreifachhaus an der Rigistrasse und Leihgasse in Baar. Die beiden Hausteile links und in der Mitte sind nicht so alt wie der gemeindliche Teil, rechts.

(Bild: mam)

Für Barbara Ulrich ist das «ein klar politischer Entscheid». Ulrich ist die Eigentümerin des dritten und nördlichsten Hausteils, der auch am besten erhalten ist, weil er stets erneuert wurde. Sie hätte gern, dass das ganze Dreifachhaus unter Schutz gestellt wird. Wohl zum Leidwesen der beiden anderen Parteien will sie auf keinen Fall neu bauen, sondern ihr Vaterhaus erhalten.

Riesengrosser Keller

Klar sei es schwierig, eine solch museales Haus wie die Leihgasse 15a sinnvoll zu nutzen, sagt sie, regt aber alternative Nutzungsformen wie etwa eine gemeindliche Gartenbeiz an. Und da wäre noch der Keller: Der ist überraschend hoch –  dreieinhalb Meter und zieht sich unter dem gesamten Dreifachhaus hindurch. Hier könnte man ein Eventlokal einrichten. «Wir würden jedenfalls Hand dazu bieten und unseren Teil zur Verfügung stellen», sagt sie. In einer derart wohlhabenden Gemeinde wie Baar müsse so etwas doch möglich sein, findet sie.

Ausserdem sei der Zeitpunkt ideal, über Grundsätzliches nachzudenken – wo doch die Ortsplanung revidiert werden sollte, meint Barbara Ulrich. Eine Stadtanalyse hatte in Baar vier Zentrumszonen identifiziert: Bahnhof, Dorfstrasse, Marktgasse und Oberdorf.

Ortszentrum neu denken

Das Bahnhofsgebiet und die Dorfstrasse sind unbestritten, die beiden andern haben jedoch angesichts der Digitalisierung des Handels eine ungewisse Zukunft: Das Zentrum Oberdorf liegt ein wenig abgelegen, die Marktgasse ist als Begegnungszone tendenziell ungeeignet – sie ist die Haupteinfallsachse der Autos nach Baar und entsprechend viel befahren.

Warum also nicht über eine Begegnungszone entlang der Leihgasse nachdenken? Wo erstens noch mehrere ländlich wirkende Bauten stehen und an die zweitens einige Grundstücke mit verkehrsbefreiten Flächen angrenzen – wie etwa das alte Schulhaus. Barbara Ulrich kritisiert, dass die Baarer gar nie gefragt wurden, was mit der gemeindlichen Liegenschaft an der Leihgasse 15 geschehen solle. Das bestätigt auch Andreas Hotz. Ein Weiterbestand des Hauses sei öffentlich nie zur Diskussion gestellt worden.

Das Verwaltungsgericht hat das letzte Wort

Der seit Anfang Jahr grunderneuerte Gemeinderat will indes von einem Erhalt der Leihgasse 15 nichts wissen. Man wolle die bisherige Strategie weiterverfolgen, sagt Andrea Bertolosi. Den mittelfristigen Abriss des Hauses aus der Zeit des Sonnenkönigs kann daher nur noch das Verwaltungsgericht des Kantons Zug verhindern.

Dieses wurde vom Heimatschutz und vom Archäologischen Verein Zug angerufen, um die Entlassung des Dreifachhauses aus dem Inventar der schützenswerten Baudenkmäler zu verhindern. Und dieses wird darüber zu befinden haben, ob ein klares Gutachten der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege wirklich so achtlos beiseite gewischt werden kann, wie dies bisher der Baarer Gemeinderat und der Zuger Regierungsrat getan haben.

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2 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 16.04.2019, 15:32 Uhr

    Ich lebe seit 1956 in Baar und habe die Ortsentwicklung von Kindesbeinen an mitverfolgt. Diese Entwicklung ist geprägt durch eine skrupellose Zerstörung des Dorfes. Dabei wurden zahlreiche erhaltenswerte Gebäude durch seelenlose Beton- und Glasbunker ersetzt. Das heutige Baar ist quasi ein Freilichtmuseum für architektonische Scheusslichkeiten. Offensichtlich war da über Jahrzehnte ein Gemeinderat am Werk, der wenig von sorgfältiger Ortsentwicklung mit Rücksicht auf historische Bausubstanz und wenig von identitätsstiftender Gestaltung versteht, dafür mehr Verständnis für die kommerziellen Interessen der mit den Magistraten verbandelten Baulobby aufbringt. Viele Städte in der Schweiz und im nahen Ausland zeigen, wie pfleglich mit alter Bausubstanz umgegangen werden kann, ohne dass der Ort seine Seele verliert.

    Der neue Gemeinderat von Baar will nun offensichtlich an der vandalistischen Tradition seiner Vorläufer nichts ändern und das von Experten des Denkmalschutzes und der Architektur als sehr wertvoll eingestufte Wohnhaus aus dem 17. Jahrhundert abreissen. Auch der bürgerliche Regierungsrat ist gleicher Meinung, was nicht überrascht. Gerne würde ich die Namen der ansässigen «Experten» und ihre Begründungen erfahren, warum sie den Abriss des historischen Kleinodes befürworten. Der Titel des Artikels «Bruchbude als Zankapfel» ist völlig falsch gewählt, denn die Fotos zeigen eindeutig, dass das dreigeteilte Haus drei Besitzer hat, die ihren Besitz sehr unterschiedlich gepflegt. Während Familie Ulrich ihren Teil sehr gut unterhalten hat, sind die beiden andern Teile im Besitz der Gemeinde Baar und von privaten Spekulanten äusserlich in schlechtem Zustand. Dies deutet auf eine Zweckverluderung hin mit der festen Absicht, das Haus abzureissen und einer kommerziellen Verwertung zuzuführen. Dieses skandalöse Verhalten kann nicht akzeptiert werden. Das Gebäude muss erhalten und durch die vermögende Gemeinde Baar sorgfältig renoviert werden. Sinnvolle Verwendungszwecke für ein solches Haus sind ausreichend vorhanden.

    1. Markus Mathis, 10.05.2019, 19:40 Uhr

      Sehr geehrter Herr Roth, persönlich teile ich Ihre Meinung vollumfänglich.