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Wie mich Ferien damals glücklich machten
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(Bild: zvg)

Yvette Estermanns erste Gehversuche als Geheimagentin Wie mich Ferien damals glücklich machten

5 min Lesezeit 04.07.2018, 14:50 Uhr

Nationalrätin Yvette Estermann schreibt in ihrem neusten Blog über ihre Ferienerlebnisse aus ihrer Kindheit. Damals, als man noch keine Smartphones brauchte, um sich zu unterhalten, sondern viel lieber Geheimagentin oder Verkäuferin gespielt hat.

Wir freuten uns alle, als wir seinerzeit Ende Juni in der Schule die Zeugnisse bekamen und in die Sommerferien entlassen wurden. Im Nachhinein war das eine tolle und unbeschwerte Zeit.

Die grossen Sommerferien in der ehemaligen Tschechoslowakei dauerten zwei Monate. Da konnten wir uns in dieser Zeit austoben und erholen. Das kleine Dorf in der Nähe von Bratislava war damals ein Paradies für mich. Es waren während der Sommerferien immer viele Kinder da. Warum? Sie kamen aus den Städten für die Sommerferien zu ihren Grosseltern aufs Land. Hier hatten sie Freiheit, konnten tun und lassen, worauf sie gerade Lust hatten. Wir einheimischen Kinder hatten dadurch eine erfrischende Abwechslung und konnten die «Neuen» willkommen heissen. Bei unseren Nachbarn waren gerade drei Jungs eingezogen, mit welchen ich die acht Wochen verbrachte.

Von meiner Grossmutter, die meine Eltern vertrat, bekam ich nur eine Regel: Wenn die Sonne untergeht, musst du zu Hause sein! Wo und mit wem ich unterwegs war, erfuhr sie sofort, in dem kleinen Dorf. Es musste nur jemand nach mir fragen …

Hauptsache, an der frischen Luft

Nein, wir sind nicht auf einem Bänkli gesessen und haben uns gegenseitig SMS geschickt. Wir sassen auch nicht am PC oder haben gespielt. Wir waren von morgens früh bis abends spät mit dem Velo oder zu Fuss unterwegs. Wir dachten uns immer neue, interessante Szenarien für Spiele aus. Ob die Inspiration aus dem Fernseher kam oder aus Büchern: Hauptsache, wir waren aktiv dabei!

Da war ich oft das Indianermädchen, das aus einer Gefangenschaft befreit werden musste, oder eine verbündete Partisanin in den Waldkämpfen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Doch am liebsten spielte ich eine Geheimagentin. Wir versteckten uns dazu in einem Maisfeld oder kletterten hoch in die Kronen der Bäume. Wir hinterliessen uns gegenseitig hochgeheime Nachrichten an unzugänglichen Orten und hielten konspirative Treffen ab, in geheimen Verstecken. Ein verlassener Schweinestall war geradezu prädestiniert für einen solchen Treffpunkt! Dabei mussten wir auch oft vor Angreifern oder Verfolgern fliehen.

Eine schöne Beschäftigung für uns war auch die Herstellung der geeigneten «Waffen». Ob Maispistole, Maisgewehr oder ein Speer aus Holz. Wir hatten immer etwas zu tun und die Tage waren fast zu kurz. Nach Hause gingen wir nur zur Essenszeit und bei Durst oder bei unwiderstehlicher Lust auf ein Eis! Ab und zu wurde auch Fussball gespielt. Da stand ich meistens im Tor und konnte am Abend die blauen Flecken zählen, welche vom Ball oder gelegentlich von den Schuhen meiner Mitspieler herrührten. 

Meine Versuche als Verkäuferin

Weil es immer so schön war, verbrachte ich die Ferien auch oft bei meiner Grossmutter, welche nur unweit von meinem Elternhaus entfernt wohnte. Ich packte dazu immer einen grossen alten Koffer und schleppte diesen durch das ganze Dorf. «Wo gehst du denn hin?», fragten mich vorbeigehende Leute. «Zu meiner Grossmutter in die Ferien!», antwortete ich ganz stolz.

Ja, bei Grossmutter, welche eine kleine Gärtnerei unterhielt, um sich damit etwas zur Pension dazuzuverdienen, konnte ich Gemüse und Blumen verkaufen. Sie musste so nicht immer bei jedem Kunden von der Arbeit weglaufen und ich kam mir nützlich und wichtig vor. Nur meine Mutter kam ab und zu vorbei und beklagte sich, dass sie zu Hause niemanden habe, der ihr helfe. Aber die Arbeit bei meiner Grossmutter gefiel mir viel besser. Sie liess mich einfach gewähren … Wann und wie ich es mir einrichtete, war ihr egal. Die Arbeit musste gemacht sein und die Kunden waren zufrieden. Sonntag war Ruhetag. An diesem Tag hatten wir Zeit, einfach nur da zu sein. Oft kam Besuch und es wurden dabei interessante Geschichten erzählt.

Weisheiten gelten bis heute

Die Ferientage begannen für mich immer um sieben Uhr. Um diese Zeit schaltete meine Grossmutter die Bewässerungsanlage für die Gärtnerei ein und der Motor, der seit Jahrzehnten das Wasser aus dem eigenen Brunnen pumpte, ratterte vor sich hin und kam erst am späten Abend zur Ruhe, als der ganze Garten genügend gewässert war. Am nächsten Morgen ging es wieder von vorne los.

Ich erinnere mich gerne an diese Zeit und schöpfe oft Kraft aus den Erlebnissen. Die Weisheiten der älteren Leute, welche ich damals von ihnen erfahren durfte, sind heute noch gültig.

Machen teure Ferien glücklich?

Heute ist alles anders. Und es ist hier in der Schweiz nochmals anders. Ferien macht man meistens in einem fernen Land. Das zeigt auch Wohlstand an. Es muss eine lange Flugreise sein und ein gefüllter Geldbeutel gehört auch dazu. An Stress und langes Warten auf den Flughäfen hat man sich längst gewöhnt. Viele Menschen kommen deshalb heute nicht erholt, sondern erholungsreif aus dem Urlaub zurück!

Ob auch die Kinder nach den Ferien zufriedener und glücklicher sind als wir damals, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht wären aber viele Mädchen und Jungs einfach lieber bei ihren Grosseltern in den Bergen oder in einem abgelegenen Dorf, wo sie sich richtig austoben können. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Mehr als teure Ferien in einem fremden Land schätzen heute Kinder die Zeit, in welcher sich Eltern mit ihnen abgeben, sich ihnen widmen und gemeinsam mit ihnen etwas unternehmen.

Das Glück liegt oft nicht in der Ferne, sondern ganz in der Nähe. Die Schweiz ist in ihrer ganzen Vielfalt grossartig – ein wunderbares Land. Ob am See, in den Bergen oder im Wald. Hier Urlaub zu machen, lohnt sich! Ich wünsche Ihnen angenehme und erholsame Sommerferien!

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