Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Wie ich als Kind erste Erfahrungen als Verkäuferin sammelte
  • Blog
  • Yvettes Welt
Heute geht Yvette Estermann in den Ferien hoch in die Lüfte.

Yvette Estermann über ihren ersten Ferienjob Wie ich als Kind erste Erfahrungen als Verkäuferin sammelte

4 min Lesezeit 28.05.2019, 11:35 Uhr

Die Luzerner Nationalrätin Yvette Estermann erinnert sich an frühere Sommerferien, die sie als Kind in der ehemaligen Tschechoslowakische Sozialistische Republik (CCSR) verbrachte. Bereits mit fünf Jahren versuchte sie sich als Verkäuferin in der kleinen Gärtnerei ihrer Grossmutter. Ihr genügte dieses, wie sie es nennt «einfache Leben».

Das Fernweh der Schweizerinnen und Schweizer ist heute sehr gross und es wird viel gereist. Wenn möglich mit dem Flugzeug, oft und weit. Doch vielfach kommen die Menschen statt erholt, müde und gestresst aus dem Urlaub zurück. Das war früher ganz anders. Einige schöne, sonnige Tage und ein Badespass, sorgten bereits für gute Laune und erholsame Ferien. Kein Laptop, kein Tablet und kein Handy beschäftigte die Menschen. Es war das «einfache Leben!».

Auch bei mir sahen damals im Sommer die Schulferien – Juli und August – in der ehemaligen CSSR ganz einfach aus. Ich zog in dieser Zeit zu Grossmutter, die eine kleine Gärtnerei mit Gewächshaus betrieb. Es war für mich die schönste Zeit des Jahres, denn ich erlebte dort die absolute Freiheit. Niemand sagte mir, was ich zu tun oder zu lassen habe oder was ich wieder falsch mache. Und ich konnte mich zudem als richtige «Verkäuferin» betätigen.

Ein freier Sommertag

Bereits morgens um sieben Uhr, schaltete Grossmutter den Motor ihrer Bewässerungsanlage ein. Damit wurde ich jeden Tag regelmässig geweckt. Das monotone Surren dieser uralten und beinahe unzerstörbaren Motorpumpe, bleibt für mich unvergesslich!

«Guten Morgen Grossmutter», begrüsste ich sie kurze Zeit später. Sie sass auf einem Stuhl und nippte genüsslich an ihrem Kaffee. Das Radio lief und manchmal war die Tageszeitung auch schon eingetroffen. Wenn ja, las Grossmutter, welche Preise das Gemüse am heutigen Tag hatte. Das war leider auch das Einzige, was aus der sozialistischen Presse damals für uns zu gebrauchen war. Dann packte sie die gezogenen Setzlinge für ihre Kunden genau in dieses Zeitungspapier ein…

Blumen, Gemüse und Setzlinge wurden erst dann im Gewächshaus geholt, wenn ein Kunde sie kaufen wollte. Es gab in der kleinen Gärtnerei kein Lager, keine Kühlschränke, kein unnötig gepflücktes Obst oder Gemüse. Wenn ein Kunde ein Kilogramm Pepperoni wünschte, pflückte ich diese direkt. Genauso ein Blumenstrauss: Er wurde frisch geschnitten und zu einem Strauss gebunden. Und ich durfte mich dabei als «Verkäuferin» betätigen, obwohl ich kaum fünf Jahre zählte. Das war für mich ein Riesenspass, denn ich war nun kein Kind mehr, sondern eine echte «Verkäuferin».

«Ich profitierte von diesen einfachen Erfahrungen für mein ganzes Leben.»

Abendgespräche mit Kunden

Am Abend kamen oft ältere Kundinnen, welche am Tag keine Zeit fanden. Wir hatten nämlich keine Öffnungszeiten und bedienten einfach alle Leute, wenn sie da waren. Das Schöne an diesen «Abendbesuchen» war, dass die Kunden Zeit hatten und viel erzählten, denn meine Grossmutter war im Dorf eine Institution. Die Leute sprachen über ihre Sorgen, freuten sich über einen guten Rat und erzählten interessante Geschichten: Fantastische, traurige, alltägliche und fröhliche. Ich war immer dabei, hörte aufmerksam zu und lernte viel von diesen Begegnungen mit dem wahren Leben.

Oft sassen wir dann nach der Arbeit noch bis in die tiefe Nacht hinein im Gewächshaus, oft wortlos und still. Es herrschte Ruhe und Frieden. Ich fühlte mich gut aufgehoben und geborgen, mit den Sternen über mir. Ich profitierte von diesen einfachen Erfahrungen für mein ganzes Leben: In Ruhe sitzen, das Leben auf sich zukommen lassen, die Kraft der Stille spüren, alle Sinne geschärft und den Körper doch entspannt erleben. Es waren die stillen Stunden in der Dunkelheit der Nacht und andere Erfahrungen aus meiner Jugendzeit, welche mir auch heute noch ermöglichen, inmitten des täglichen Trubels eine Haltung der Stille, des Friedens und der inneren Stärke zu bewahren…

Als wir uns dann spät in der Nacht müde aber zufrieden zum Schlafen legten, betete meine Grossmutter noch laut für alle Mitglieder der Familie. Aber auch für einsame Menschen, für die niemand da war. Dann herrschte rundum absolute Ruhe. Nur eine Eule auf der grossen Birke mitten im Hof, liess uns mit ihrem «Huh- Huh» von ihrer Anwesenheit wissen.

Schluss mit der Sommerzeit-Umstellung

Die zwei Monate während den Sommerferien waren die einzige Zeit, an welcher ich mich nicht über die Sommerzeitregelung ärgerte. Ich habe nie begriffen, wie man eine solche Dummheit aus dem Westen übernehmen konnte! Normalerweise waren die Regierungen des Ostblocks immer darauf bedacht, sich vom Westen und vom Kapitalismus abzugrenzen. Vielleicht bekämpfe ich auch deshalb diesen Unsinn bis heute – jetzt als Politikerin. Und in der Zwischenzeit bin ich längst nicht mehr allein, wenn ich die «Normalzeit» zurückverlange: Europa hat reagiert und schafft nun die Zeitumstellung definitiv ab.

Am Schluss der Ferien war ich etwas traurig, Grossmutter jetzt verlassen zu müssen. Aber meine Eltern erwarteten mich zu Hause. Vorher besuchte ich aber noch mit ihr den Dorfladen und ich durfte dann dort etwas Neues zum Anziehen oder für die Schule aussuchen. Das war ihre Belohnung für meine Hilfe in Haus und Garten. Grossmutter vergass nie, mich als «Verkäuferin» zu loben und wie sehr sie es schätzte, dass ich ihr bei der Arbeit geholfen hatte. Es war eine herrliche, unbeschwerte Zeit. Ich konnte mich richtig erholen und freute mich bereits wieder riesig auf das neue Schuljahr.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Abonniere den Newsletter

Und erhalte unsere Post ganz nach Deinen Bedürfnissen und Wünschen: Täglich oder wöchentlich.