Zuerst das Team, dann der Star

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Die Kuhglocke muss vier Jahre auf ihre weiteren WM-Abenteuer warten. Hier steht sie bei den Iguazú-Wasserfällen an der Brasilianisch-Argentinischen Grenze.
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Die Kuhglocke muss vier Jahre auf ihre weiteren WM-Abenteuer warten. Hier steht sie bei den Iguazú-Wasserfällen an der Brasilianisch-Argentinischen Grenze. (Bild: Martin Stadler)

Drei Wochen war Marco Liembd von zentral+ in Brasilien unterwegs. Er erlebte das Land vor der WM, schaute das Eröffnungsspiel in einem Public Viewing für Favela-Bewohner und reiste danach der Schweizer Nationalmannschaft bis in den Amazonas hinterher. Mit dem gestrigen Finalspiel endet auch sein zentral+ WM-Blog. Hier die letzten Zeilen…

Nun steht er also fest, der Fussballweltmeister 2014. Es ist Deutschland. Dieser Sieg ist nicht nur historisch, weil der vierte Titel unseres Nachbarn der erste Titel einer europäischen Mannschaft in Südamerika ist. Sondern auch, weil wohl noch nie so viele Schweizer hinter den Deutschen standen. Erinnere ich mich an die 90er Jahre, so war das Motto stets: «Alle ausser Deutschland». Doch in den Nullerjahren, vor allem während der WM 2006 in Deutschland, änderte sich das kontinuierlich. Warum? Weil die mittlerweile einfach den geilsten Fussball spielen. Wer heute Deutschland-Bashing aus Prinzip betreibt, der hat den Zug so was von verpasst, wie Sepp Blatter seinen Rücktritt. Die WM 2014 war ein Sieg des Fussballs, des besten Teams.

Mit Betonung auf Team. Neymar, Messi, Ronaldo, Robben: Der Personenkult der an dieser Endrunde betrieben wurde, kannte zum Teil keine Grenzen mehr. Vor allem in Brasilien selbst. Es drehte sich nicht nur bei der Seleção alles um Neymar, sondern auch bei den anderen Teams versuchten die Medien immer den einen Spieler herauszuheben. Selbst Shaqiri wurde nach seinem Dreierpack gegen Honduras vorsorglich auf einen Thron gesetzt. Auch von Thomas Müller wurden weitere Wundertaten erwartet, nachdem er im ersten Spiel drei Tore gegen Portugal machte. Aber eben, da liegt der Unterschied: Müllerte Müller nicht, sprang bei den Deutschen ein anderer in die Bresche. Zum Vergleich wartete Argentinien gestern 120 Minuten vergeblich darauf, dass Messi das Spiel zu Gunsten der Gauchos drehte.

7:1 – ein Halbfinale für die Ewigkeit

Obwohl nun die WM Geschichte ist, muss doch noch kurz auf das denkwürdige Halbfinal zwischen Brasilien und Deutschland zurückgeblickt werden. Nach all dem, was ich in Brasilien erleben durfte, war klar, für wen mein Herz schlug. Und das hat nichts mit Deutschland-Bashing zu tun. Als beim Stand von 5:0 in der ersten Halbzeit gerade die Chance auf ein sechstes Tor vergeben wurde, raufte sich der Deutsche neben mir die Haare. Ich fragte ihn, ob er denn ernsthaft noch ein sechstes Tor wolle. Der andere Deutsche neben mir brachte ab der 28. Minute nur noch «Wahnsinn, das ist ja der Wahnsinn» raus. Das Resultat machte mich traurig. Ich musste an alle Brasileiro denken, welche ich kennenlernen durfte. Aber auch an die Taxifahrer und den Angestellten an der Reception in meinem Hotel in Salvador, welche mich nach der 2:5-Schlappe der Schweiz gegen Frankreich aufgezogen hatten.

Der Abgang von Brasilien war aber ein Desaster mit Ansage. Und während die Brasilianer Fred als Ursprungsquelle ausmachen, sah ich einen Marcelo, der das Spiel unbedingt an sich reissen wollte. Als müsse er die Seleção alleine in den Final bringen. Doch alles was er im Spiel versuchte, wollte nicht funktionieren. Diese Niederlage wird Brasilien erst noch verkraften müssen. Ich glaube es wird noch Tage dauern, bis sie realisieren, was da geschehen ist. Traurig machten mich die Ausschreitungen nach dem Abpfiff. Gewalt nach Fussballspielen gehört in Südamerika zur Tagesordnung – egal ob man gewonnen oder verloren hat. Ich möchte das auf keinen Fall gutheissen, aber hier in den Medien werden die Brasilianer nun als schlechte Verlierer dargestellt. Sind sie nicht, denn wenn sie das wären, hätten sie Belo Horizonte nach dem Spiel bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Brasil. Eu sofro com você – wir leiden mit euch. Wie tief diese Niederlage den Brasilianern unter die Haut ging und immer noch geht, zeigt ein Brief, der eine Brasilianerin an einen Redaktor des Magazins «11 Freunde» gesendet hat. Worte, die über den Fussball hinausgehen. Einen Mini-Sieg feierten die Brasilianer gestern trotzdem: Argentinien wurde in ihrem Land nicht Weltmeister.

Brasilien 2014 – eine Achterbahn der Gefühle

Für mich persönlich war die WM eine Achterbahn der Gefühle: Der Siegestreffer gegen Ecuador in der letzten Sekunde, das 2:5-Debakel in Salvador, die 3:0-Befreiung in Manaus und schlussendlich das Aus im Achtelfinale gegen Argentinien. Eine gewaltige Portion an Emotionen und ein wunderschöner Austausch mit Menschen aus aller Welt. Da war alles so im Fluss in Brasilien. Man war dermassen im Turnier drin, dass man sämtliche Spielzeiten auswendig wusste und alle Resultate mit verschlossenen Augen aufzählen konnte. Es gab kein anderes Gesprächsthema. Speziell waren auch die Spieltage der eigenen Mannschaft: Man steht auf, geht in die Stadt und diese gehört den zwei aufeinandertreffenden Teams. Diese Spannung nahm dann bis zum Anpfiff stets zu. So, dass man schliesslich wie elektrisiert in den Stadien stand und das Gefühl bekam, dass sich die ganze Welt für die nächsten 90 Minuten um genau diesen Ort drehen wird.

Die Highlights in Brasilien sind kaum zu zählen. Sicher dazu gehört der Junge aus Ecuador, welcher in der Niederlage zum wahren Sieger wurde. Oder dann das Spiel Brasilien – Kamerun, welches ich auf dem «Largo de Pelourinho» verfolgte und dabei um einige Reais erleichtert wurde. Sicher aber auch die wunderbare Familie in Manaus, welche auf die Toggenburger Kuhglocke aufgepasst hat. Übrigens erreichte mich eine Nachricht von dieser Familie, genauer gesagt von der Frau. Ihr Mann hat sie verlassen. Wie ihre Zukunft nun aussieht, alleinerziehend in Manaus? Es ist Zeit, ist die WM vorüber, denn das ist das Leben, Fussball nur ein Spiel.

Adeus juntos

Bleiben aber wird die Erinnerung an ein Brasilien, welchem viele Medien schon vor dem Turnier eine gelungene Durchführung absprachen. Brasilien war jedoch bereit. Und wo es nicht bereit war, da wurde improvisiert. Das funktionierte überall, nur bei der Seleção nicht.

Und die Seleção darf man ruhig als Spiegelbild Brasiliens bezeichnen. Wie sagte es ein Einheimischer, den ich getroffen habe: Brasilien habe so viele Reichtümer: Gold, Mineralien, Kaffee. Die Wirtschaft boomte in den letzten Jahren. Doch wer hat was davon? Wer profitiert? Es sind ein paar Wenige, die ihre Taschen weiter füllen. Wie die Mannschaft nicht als Team funktionierte, so funktioniert auch das Land noch nicht als ein Ganzes. So wünsche ich Brasilien im Oktober eine erfrischende Präsidentenwahl und das jemand an die Macht kommt, der alle von den Reichtümern Brasiliens profitieren lässt und endlich den Kampf gegen die Korruption aufnimmt. Verdient hätten sie es, denn Land und Leute sind fantastisch.

An dieser Stelle endet nun der WM-Blog von zentral+. Während drei Wochen berichtete ich aus Brasilien, zwei Wochen aus der Schweiz. Zurück in meiner Heimat habe ich – vielen Dank – sehr viele Komplimente für diesen Blog erhalten. Er habe eine andere Sichtweise auf die WM in Brasilien zugelassen. Nun. Das freut mich natürlich ungemein und lernt mich etwas: Wer die echte WM in Brasilien erleben wollte, der reiste nicht mit einem Journalisten-Pass oder VIP-Einladung zur WM, sondern als Fan. Und wie meine Reise einen eigenen «Flow» hatte, so erging es auch diesem Blog und eine alltägliche, aber wunderschöne Toggenburger Kuhglocke wurde zum eigentlichen Star der Geschichte. Diese Kuhglocke ist übrigens zurück im Toggenburg und wird da auch die nächsten vier Jahre bleiben. Dann nämlich, dann geht’s nach Russland. Adeus juntos.

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