Vor dem Spiel Brasilien-Kroatien

  • Lesezeit: 5 min
Kein unfertiges Stadion sondern ein Fussballplatz nahe eines Favelas in Belo Horizonte.
  • Blog
  • WM-Blog
Kein unfertiges Stadion sondern ein Fussballplatz nahe eines Favelas in Belo Horizonte. (Bild: Marco Liembd)

Nur noch wenige Stunden sind es bis zum Anpfiff der Fussball Weltmeisterschaft. Und langsam fallen Marco Liembd Dinge auf, die ihn stutzen lassen. Geschäfte verbarrikadieren ihre Ladenflächen mit Brettern und die Protestmeldungen fangen an, sich zu häufen. Was das mit der WM zu tun hat? Liembd findet es heraus. Zwischen zwei Fetzen Portugiesisch und dem obligaten Griff zum FIFA-Ranking. Die Schweiz steht darauf an sechster Stelle. Das weiss in Brasilien allerdings noch keiner.

Heute geht’s los. Nur noch wenige Stunden bis der Ball anrollt, zur WM in Brasilien. Und langsam aber sicher fallen mir Dinge auf, die mich skeptisch machen. Ganz in meiner Nähe findet ein Public Viewing statt. Die Geschäfte um das Gelände herum beginnen, ihre Ladenflächen mit Brettern und Blechen zu verbarrikadieren. Warum? Weil das normal ist? Oder weil man mit Protesten rechnet? Die Antwort: Das war vor vier Jahren schon so. Vor acht übrigens auch.

Ich könnte ja auch die Geschäftsinhaber selber fragen. Das ist aber leicht gesagt, in einem Land, in dem nicht viele Englisch sprechen. Nur schon ein Bier an einer Bar zu bestellen, wird kompliziert, wenn man nicht begreift, dass der Barkeeper alles verstanden hat, er aber nur wissen will, welche Biersorte man denn haben möchte. Die Aufzählung der Biersorten tönt dann aber in meinen Ohren wie ein einziger Satz. Kein Wunder verstehe ich das nicht. Die Regel, um sich hier durchzuschlagen, ist ganz einfach: Man nehme alle Sprachfetzen von Französisch, Italienisch und Spanisch die man hat. Diese vermischt man dann in etwas, was so ähnlich wie Portugiesisch tönt. Ich halte mich dabei an einfache Regeln: Ich spreche nur im Präsens und immer nur in der Ich-Form, auch wenn ich gerade ein direktes Gegenüber anspreche. Funktioniert so gut, dass ich mich sogar in einer Apotheke durchschlagen kann.

Warum braucht es zwölf Stadien

Vorgestern hatte ich die interessanteste Runde in Sachen «Copa» zusammen. Rund zehn Herren im Alter – sagen wir – plus 45. Selten wurde mir so deutlich gemacht, was am Copa so stört. Warum ist die WM in Brasilien die teuerste überhaupt? Warum baut Brasilien zwölf Stadien, derweil andere Endrunden mit acht auskamen? Warum wird im Amazonas eine Arena für genau vier Spiele gebaut? Danach wird das Stadion in Manaus als Durchgangsgefängnis genutzt.

«Schau her», sagte einer am Tisch. Brasilien habe eine so tolle Geographie. Rohstoffe wie Gold und Mineralien, das Land sei im Aufschwung. Was habe man daraus die letzten zehn Jahre gemacht? «Nichts», antwortete mein Gegenüber selbst. Die Preise – zum Beispiel für ein Bier – seien die letzten zehn, ja sogar vier Jahre gestiegen. Aber niemand verdiene mehr. Brasilien habe eine Regierung mit einer Armada von Angestellten. Ob es die wirklich brauche? Ein anderer am Tisch sagte, er sei nach Chicago ausgewandert und nun zurück. Sein Sohn sei nun 2,5 Jahre alt. Er müsse sich fragen, ob dies der richtige Ort sei, um aufzuwachsen. Die Wehmut in seinen Worten war unüberhörbar, und mein Einwand, dass man mit seinem eigenen Land stets am kritischsten sei, half nichts.

Viele am Tisch hofften, dass Brasilien nicht Weltmeister wird. Das sei anders als an anderen Weltmeisterschaften. Der Pokal würde alle Probleme im Land und im Zusammenhang mit der WM-Übergabe überschatten. Aber egal, wie kritisch sie waren. Sie alle lieben ihr Brasilien, sind aber ohnmächtig demgegenüber, was geschieht oder eben nicht. Und bald finden wieder die Präsidentenwahlen statt, genau gesagt im Oktober. Würde ein WM-Triumph der ungeliebten Dilma Rousseff zum Wahlsieg verhelfen?

Die Proteste beginnen

Die Meldungen von Protesten häufen sich nun. Seien es Lehrer, Busfahrer oder die Polizei, welche in Salvador zu streiken gedenkt. Soeben wurde bekannt, dass die Flughafenangestellten in São Paulo in den Streik getreten sind, in der Stadt, wo heute die WM startet. Hand aufs Herz: Eigentlich clever. Und ja: Sie sind nicht die Einzigen, welche schon längst mehr verdienen sollten. Dies wurde mir mehrfach bestätigt. Aber erneut kann ich sagen: Das hat mit der WM nichts zu tun. Die Proteste gegen die FIFA haben heute am Eröffnungstag in São Paulo begonnen. Es sind skurrile Bilder: Polizisten mit Schutzschildern bilden einen Wall. 100 Meter gegenüber stehen rund 50 bis 100 Demonstranten und skandieren gegen die WM. Dazwischen zirka 200 Journalisten. Bewaffnet mit Foto- oder Videokamera, Gasmaske und Helmen. Unglaublich. Es scheint, als warte die Welt ausserhalb Brasiliens darauf, dass auch ja «etwas» passiert, man hat ja sonst nichts zu berichten. Im TV wurde gezeigt, wie eine Mitarbeiterin der CNN auf einer Bahre abtransportiert wurde. Das wäre massiv schneller gegangen, wenn nicht die Journalisten-Horde den Weg versperrt hätte. Quasi gesucht und gefunden: Eine Verletzte bei Protesten. Diese Aufmerksamkeit provoziert die Demonstranten, den Reportern noch mehr zu bieten. Und trotzdem ist es natürlich richtig, nicht wegzuschauen. Aber: Das Verhalten der Journalisten löst bei mir Kopfschütteln aus. Die News-Geilheit biedert in etwa so an, wie die Bekanntgabe vom Seppi Blatter, noch einmal für das FIFA-Präsidium zu kandidieren.

Nun aber doch noch was zum Fussball. Oft habe ich in der Schweiz gehört, Brasilien werde an dem Druck zerbrechen, im eigenen Land antreten zu müssen. Druck? Brasilien? Die Engländer mögen vielleicht immer davon sprechen, das Mutterland des Fussballs zu sein. Hier in Brasilien wird das aber gelebt. Das hat mit Druck überhaupt nichts zu tun. Bei jeder WM wird von der Seleção erwartet, den Pokal in die Höhe zu stemmen, weil sie einfach die Besten sind. Es wäre der sechste Weltmeister-Titel. Bis vorgestern habe ich mir das gewünscht. Wenn aber die Einheimischen sagen, das wäre nicht gut, weil dann die nächsten Wahlen vom Fussballerfolg überschattet würden, dann bin ich mir da nicht mehr so sicher. Die Runde, mit der ich zusammen sass, machte sich einen Spass daraus, eigene Favoriten zu küren. Von der Elfenbeinküste über Chile und Argentinien (was übrigens das Schlimmste wäre – etwa so, wie damals als Deutschland in der Schweiz Weltmeister wurde). Deutschland wird am meisten genannt. Nur an die Schweiz denkt niemand. Auch dann nicht, wenn ich höflich darauf hinweise, dass wir im FIFA-Ranking den sechsten Platz belegen. Weil mir das jeweils keiner glaubt, muss ich das immer beweisen. Ich habe mittlerweile das FIFA-Ranking griffbereit zu meiner Seite.

Die Spiele mögen beginnen und ich wünsche mir vor allem eins: Ein Brasilien, das Freude hat an seiner WM. An den Kosten kann man nun nichts mehr ändern, der Zukunft des Landes stehen jedoch alle Türen offen.

Der 4. Teil des Blogs erscheint morgen. Nach dem Spiel. Ich gehe nun auf die Strassen. In den Taschen zwei Portemonnaies und zwei Handys. Das ist ein Trick hier: Je ein Portemonnaie und Handy ist zum geklaut werden da, die anderen brauche ich tatsächlich.

 

Ihre Meinung zum Thema interessiert uns! Als Community-Mitglied können Sie diesen Blog-Beitrag kommentieren.

Du bist noch kein Möglichmacher? Als Möglichmacherin kannst Du zentralplus unterstützen. Mehr erfahren.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Mach jetzt zentralplus möglich

Unterstütze mit einem freiwilligen Abo

Schon über 530 Personen stehen ein für Medienvielfalt in der Zentralschweiz. Denn guter Lokaljournalismus kostet Geld. Mit deinem freiwilligen Abo machst du zentralplus möglich. Wir sagen danke. Hier mehr erfahren

×
×
jährlich monatlich
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
CHF60.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
CHF180.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
CHF360.00 / Jahr
zentralplus unterstützen