Três pontos da Suiça

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Das «Estádio National» in Brasilia. Kompakter und näher dran geht nicht. Eine fantastische Arena. (Bild: Marco Liembd)

Für Marco Liembd geht die Reise von Belo Horizonte weiter in die Hauptstadt Brasilia, wo er den Auftakt der Schweizer Nationalmannschaft live im Stadion miterlebte. Und er schwelgte dort zwischen Leiden und Feiern.

Ehrlich gesagt, ich war noch nie so überfordert, irgendwas in diesen WM-Bog zu schreiben, wie jetzt nach dem Spiel gegen Ecuador. Ich war schon an der WM in Deutschland. Das war eigentlich der Wahnsinn, hätte ich nicht das Spiel Schweiz gegen Ukraine im Achtelfinale besucht. Wer Fussball lebt, weiss, die Schweiz schied damals ohne einen einzigen versenkten Penalty nach Verlängerung aus. Nun war es mein zweiter Anlauf an einer Endrunde, das eigene Team auf der Punktejagd zu unterstützen. Aber nicht in Deutschland. Nicht in Europa. Nein. Weit weg in Brasilien. Auf einem anderen Kontinent. Das ist dann schon nochmal eine andere Nummer. Aber bevor wir zum Spiel Schweiz gegen Ecuador kommen, schenkt mir bitte die Aufmerksamkeit für einen kurzen Abschnitt zur WM ganz allgemein.

Von einem Tag auf den anderen, startete in Belo Horizonte die WM. Am Samstag spielten dort Kolumbien gegen Griechenland. Aber schon am Freitag ging es los. Gegen die 40’000 Kolumbianer stürmten das sonst nicht so touristische Belo. Public Viewing in Brasilien geht so: Man nehme einen normalen Fernseher, hat eine Bar mit vielleicht 20 Quadratmetern und einen Haufen Stühle. Fertig. Die Stimmung im Stadtkern von Belo Horizonte war einmalig. Party ist der Vorname von dem, was da abging. Und mit der Zeit verfolgten Kolumbianer, Holländer, Griechen, Brasilianer, Franzosen, Engländer und was auch immer zusammen den Untergang der «Furia Roja». Bravo Holland. Danke, dass ihr diesem mühsamen Tiki-Taka-Ballgeschiebe endgültig den Riegel geschoben habt.

Samstag um 6.00 Uhr ging es dann für mich los Richtung Brasilia, der Hauptstadt Brasiliens. Keine Stadt, wie sie für Brasilien gewöhnlich ist. Das Regierungszentrum wurde am Reissbrett entworfen. Die Strassen verlaufen parallel, die Stadt ist wie ein Flugzeug angelegt (kein Scherz), also mit zwei Flügeln (wirklich kein Scherz). Also quasi das Singapur von Brasilien, das Disneyland Südamerikas. Hauptsächlich verantwortlich für diese Planstadt ist der 2012 verstorbene brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer. Viele Schweizer, die hier ankamen, beklagten sich dann auch, dass in der Stadt keine WM-Stimmung aufkommen wolle. Es sei langweilig und nichts los. Leider waren die halt vorher nicht in Belo Horizonte oder São Paulo, um zu wissen, dass Brasilia selbst für Einheimische eine Ausnahmestadt ist – und das nicht nur zu WM-Zeiten. Ich vertröstete sie, «wartet nur ab, bis ihr weiterzieht. Das wahre Brasilien wird dann schon noch kommen».

Ja, ja. Es ist nur Fussball. Aber es ist.

Nun aber zum Spiel. Schon am Tag meiner Ankunft in Brasilia wurde klar, die Fans von Ecuador werden komplett in der Überzahl sein. Es ist ja aber auch «ihre» WM, die Endrunde der Latinos. Von den 68’000 Zuschauern am Spiel waren dann auch geschätzt 40’000 aus Ecuador. 20’000 aus Brasilien. 8’000 aus der Schweiz. Die Eidgenossen starteten die ersten 20 Minuten schlecht. Nervös. Unterirdisch. Und wurden bestraft. Nach dem 1:0 von Ecuador zogen sich die Latinos in ihre eigene Hälfte zurück, verteidigten was das Zeug hielt. Mein brasilianischer Begleiter meinte nur: «Calma, calma». Immer mit der Ruhe, die Schweiz werde schon noch gewinnen. Schon gut. Was auffallend war und wie eine Floskel tönt: Die Schweizer machten trotz Rückstand mehr Stimmung als die Latinos. Als Memehdi nach der Pause zum 1:1 einnetzte, fiel mir ein riesen Stein vom Herzen. Ich hatte null Interesse, mein zweites WM-Spiel nach 2006 zu verlieren.

Den Rest der Geschichte soll sich jetzt jeder selber ausdenken. Wie schon erwähnt: Auf einem anderen Kontinenten an einer WM zu sein, ist das Eine. Da dann aber in der 93. Minute und letzten Sekunde das 2:1 zu schiessen, ist… wow. Oder wie es ein Brasilianer sagen würde: Nossa. Hitzfeld sagte in einem Interview nach dem Spiel, er sei explodiert. Ich hatte meinen Platz hinter jenem Tor, wo alle drei Treffer gefallen sind. Explodiert? EXPLODIERT? Keine Ahnung was da bei uns für fünf Minuten abging, aber es ging ab. Und wer das nicht verstehen kann: Kein Problem. Es muss nicht jeder Fussball mögen. Ich mag aber das Gewinnen und Verlieren, das Leiden und Freuen mit meinem Club, meinem Team, meiner Nationalmannschaft. Noch unzählige Minuten nach dem Abpfiff sangen und feierten wir in der Kurve. Danke. Muito Obrigado Brasil. So etwas zu erleben, in einem der genialste Stadien, welches ich in meinem Leben besuchen durfte… Unbezahlbar. Ja, ja. Es ist nur Fussball. Aber es ist.

Abschliessend noch etwas zu Ecuador. Die Party, welche ich mit diesen Menschen am Vor- und Spieltag erleben durfte, ist jenseits. Ecuador, somos todos um (Ecuador, wir sind Eins). Auch nach dem Spiel. So verlieren können eigentlich nur wahre Gewinner. Ich sah einen Ecuadorianer weinen, mit seiner Flagge. Ich ging zu ihm hin, und tauschte aber auch wirklich das letzte Schweizer Ding, welches ich zu diesem Zeitpunkt noch besessen habe (Tauschen gehört zu einer WM, wie die Havaianas zu Brasilien). Er nahm mein Trikot entgegen, umarmte mich und rund um uns herum wurden die Kameras gezückt.

Gewinnen ist an einer WM das Eine, verlieren das Andere. Gemeinsam feiern, bleibt aber die Hauptsache. Und trotzdem danke ich dem Fussballgott, dass er heute rot-weiss im Herzen trug (Mit Fussballgott meine ich nicht den Seppi Blatter, der wurde übrigens ausgepfiffen, als er vor dem Spiel auf der Grossleinwand gezeigt wurde). «Vai pra casa, Seppi» (Geh nach Hause, Seppi).

Traditionsgemäss endet mein Blog mit einem Kommentar zu den Protesten. Und endlich sind diese da angekommen, wo sie hingehören: Vor dem FIFA Hauptsitz in Zürich. Hey Seppi: Es hatte heute 10’000 freie Plätze im Stadion. Warum nicht verschenken? In einem Land wie in Brasilien? Das wäre doch ein Zeichen: Der Seppi höchstpersönlich läuft durch die Favelas und verschenkt die restlichen Tickets. Dumm nur, dass es in Brasilia-Disneyland keine Favelas gibt – oder diese halt sehr weit weg entfernt liegen.

Für heute mal egal. «Três pontos da Suiça» (Drei Punkte für die Schweiz) – das soll für einmal genug sein.

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