Schweiz – Argentinien: Raus aus dem Turnier!

  • Lesezeit: 6 min

zentral+ Blogger Marco Liembd ist aus Brasilien zurückgekehrt und verfolgte das Spiel Schweiz – Argentinien in Luzern. Aufgefallen ist ihm, wie wenig das, was in Brasilien passiert, hier in Europa ankommt. Oder anders: Die FIFA zeigt nur die heile Welt. Marco Liembd hat Bilder gefunden, die zeigen, was in Brasilien wirklich abgeht. Und: Er wünscht sich die brasilianischen TV-Moderatoren zurück.

Ach, war das bitter. Die Schweiz ist gut drei Minuten vor dem Penaltyschiessen gegen Argentinien aus dem Turnier geflogen. Ich weiss von Engländern, Spaniern und Italienern, dass es ab nun eine andere WM sein wird. Eine ohne uns. Solange die eigenen Farben noch Chancen auf den Titel haben, bewegt man sich anders in Brasilien. Stolzer. Ist man weg vom Turnier, ist man nur noch Tourist oder Gast. Heute morgen bin ich also komplett wieder in der Schweiz angekommen. Das wars.

Kurz nach dem Spiel habe ich auf Facebook gepostet, dass ich stolz bin auf diese Mannschaft. Ein Fussballfreund, den ich sehr schätze, schrieb darauf, er sei traurig. Aber wie hat es Mertesacker von Deutschland gesagt: Unter den letzten 16 Mannschaften ist kein Karnevalsverein mehr. Und erst recht Argentinien ist alles andere als eine Plauschtruppe, der es egal ist, ob sie weiter kommt oder nicht. Die wollten gewinnen und das haben sie. Nach knapp zwei Stunden Kampf. Was mich gefreut hat gestern, waren die Tränen der Schweizer Spieler. Tränen die gezeigt haben, dass jeder Spieler auf dem Platz daran geglaubt hat. Wie ich auch. Im Wissen, ein Final-Ticket für Rio zu besitzen.

Das war nicht die Schweiz, die sagte: «Ach, war nett. Wir gehen nun aber.» Das gestern war eine neue Schweiz: «Ja. Wir haben gegen Argentinien verloren. Wir wollten aber gewinnen und haben daran geglaubt.» Habe ich nach dem Spiel gegen Frankreich in Salvador noch Eier verlangt, zeigte die Mannschaft gestern eine Leistung, welche so viel Herz hatte, dass sich die Mannschaft während einer Besprechung automatisch zu einem solchen formte.

Ich musste gestern an den kleinen Jungen aus Ecuador denken, von welchem ich früher in diesem Blog berichtet habe. Wie hätte wohl dieser auf die gestrige Niederlage reagiert? Wenn ich etwas gelernt habe an dieser verrückten WM, ist es, dass nach den Gruppenspielen die Hälfte aller Teams nach Hause gehen muss und somit das Verlieren einfach dazugehört. Nur ein einziges Team von 32 Mannschaften wird schlussendlich als Sieger auf die WM zurückblicken. Nun sind wir dran, nach Hause zu gehen. Die Art und Weise, wie wir nun das Turnier verlassen, zeugt aber von Anstand und Moral. Nennt mich verrückt, aber ich habe daran geglaubt, dass wir Weltmeister werden. Nichts anderes.

Nun will ich es aber wie dieser junge aus Ecuador tun und mich vom Turnier verabschieden. Stolz und im Wissen, dass es gestern nicht hat sein sollen. Ab nun sind wir Zuschauer, haben keinen Einfluss mehr auf den «Copa». Ab nun ist es egal, wer gewinnt und wer nicht. Nur mein Herz flüstert mir leise, dass es Brasilien machen soll. Es war ein toller Gastgeber. Muito obrigado.

FIFA zeigt die heile Welt

Schon in Brasilien ist mir aufgefallen, dass die Bild-Signale einer strengen Zensur unterworfen sind. Der Fussballverband versucht, uns die heile Welt zu zeigen, alles was in diesem Zusammenhang nicht passt, wird einfach ausgeblendet. So zum Beispiel die üble Schlägerei auf den Zuschauerrängen während dem Spiel Mexico – Kroatien (Video 1, Video 2). In Brasilien konnte man diese Szenen zu später Stunde jeweils in Talkshows über die WM sehen. Doch schafften es diese beiden Videos auch bis nach Europa? Wohl auch kaum aufgefallen sind hier die Pyro-Einsätze (Video 1, Video 2) der algerischen Fans. Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, ob nun Pyro erlaubt sein soll oder nicht. Es geht darum, dass die FIFA eine mediale Wirklichkeit zeigt, welche nach ihrem Gusto ausklammert. Laut meinen Informationen von Fans aus aller Welt soll in Brasilien an mehreren Spielen Pyro gezündet worden sein. Von den Schweizer-Spielen kann ich bestätigen, dass dies nicht der Fall war.

Ebenfalls nichts im Weltbild der TV-Zuschauer verloren haben Flitzer. Einer ist mir beim Spiel Deutschland – Ghana aufgefallen. Doch nur eine Sekunde, nachdem man ihn erkennen konnte, schwenkte die Kamera auf dem Feld um. Auch diese Szene konnte ich mittlerweile im Netz finden. Der Spiegel hat dieses Thema aufgenommen und zeigt in einer Bilderstrecke Flitzer aus den Stadien oder auf den Trainings-Geländen.

Ebenso gefunden habe ich ein Video, welches die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen brasilianischen und argentinischen Fussballfans zeigen. Diese fanden in Belo Horizonte statt, nachdem Messi sein Team in letzter Sekunde gegen den Iran zum Sieg geschossen hatte (Video).

Zurück in der Schweiz sehe ich eine andere WM

Trotz 50-stündiger Reise wollte ich mir nach meiner Ankunft den Knüller Holland gegen Mexiko nicht entgehen lassen und besuchte das Spiel in der Bar Capitol am Bundesplatz. Kaum hingesessen, beklagten sich die Personen hinter mir. Dies, obwohl es in der Bar eine grosse Leinwand plus zwei kleinere Screens als Sehalternativen gab. Wenn ich zurück denke, wie man in Brasilien zu hunderten einen TV teilte, dann, ja, «Welcome back to Switzerland». Ich fand dann schlussendlich einen weiteren Platz um zu sehen, wie die Helden meiner Kindheit das Spiel noch in letzter Sekunde drehten. Freuen mochte ich mich nicht. Zu viele tolle Mexikaner habe ich während meinem Trip kennengelernt.

Dann muss ich der Schweiz an dieser Stelle aber noch einen Blumenstrauss winden. Obwohl unsere Generation eigentlich gar nichts dafür kann: Reisen wir um die Welt, sind wir privilegiert. Und zwar nicht wegen dem dicken Portemonnaie, sondern wegen der Sprachkultur in unserem Lande. Wenn ich gesehen habe, wie schlecht zum Teil Besucher aus anderen Länder einerseits Englisch sprachen, andererseits sich nicht auf Portugiesisch durchsetzen konnten, bin ich dankbar, eine Sprachvielfalt im Blut zu haben. Oder zumindest, dass es für uns normal ist, sich auf eine solche einzulassen. Das wird dann auch weltweit geschätzt, keiner der nicht wusste, dass in unserem Land drei Sprachen gesprochen werden – aber auch keiner, dem es bewusst war, dass es eigentlich deren Vier sind. Gerne zeigte ich jeweils meine Passkopie und wie darin alles in fünf Sprachen ausgestellt ist. Ja, darauf bin ich stolz.

Genau so stolz bin ich, dass die Schweiz bereits eine Rangliste der WM anführt: Die Schweiz hat mit 21 Verbindungen in alle Welt die meisten weltweiten Wurzeln aller Teams auszuweisen. An letzter Stelle stehen Brasilien und Kolumbien, welche genau eine Verbindung eines Spielers in ein anderes Land aufweisen. Wem das jetzt alles Spanisch tönt, der schaut sich diese spannende Grafik an. Und apropos Spanien: Die haben zwei Spieler, mit ausserspanischen Wurzeln. Und Platz 1 in dieser Rangliste ist auch nach dem Debakel der Masseneinwanderungsinitiative nichts anderes als meine Schweiz! Nebenbei: Der Widerspruch unserer Multikulti-Truppe mit dem Abstimmungsresultat vom Februar ist zum Beispiel auch bei der BBC ein Thema.

Weniger Freude macht mir das Verfolgen der Spiele am TV. Während in Brasilien die Sportmoderatoren mit einer Leidenschaft, wie sie nur Sepp Blatter beim Verteidigen seines Präsidentenamtes hat, an den Tag legen können, herrscht hier Schnarchnasen-Alarm. Das wäre eigentlich noch erträglich, man kann ja aus keinem einen Latino machen, der keiner ist. Aber wenn dann Spielernamen laufend falsch gesagt werden (ich sah nur zwei Spiele!) oder Spielsituationen derart falsch eingeschätzt werden, dass man kontrolliert, ob Bild und Ton auch wirklich dasselbe Spiel betreffen, dann wünscht man sich zurück in das Land der «Gooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooool»-Schreie.

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