Die Spiele haben begonnen

  • Lesezeit: 5 min
Auf diesem Balkon am Platz «Largo de Pelourinho» in Salvador di Bahia stand der «King Of Pop» im Video zu seinem Hit «They Don’t Care About Us».
  • Blog
  • WM-Blog
Auf diesem Balkon am Platz «Largo de Pelourinho» in Salvador di Bahia stand der «King Of Pop» im Video zu seinem Hit «They Don’t Care About Us».

Am Montag startete die WM so richtig. Die letzten Gruppenspiele bieten täglich Entscheidungen. Und: Marco Liembd kann nun die Berichte über das gefährliche Brasilien bestätigen. Er wurde zur Halbzeit bestohlen. Aber Liembd verliert nicht den Kopf. Stattdessen schreibt er über eroberungswütige Chilenen, über seine spontane Reise nach Manaus und darüber, weshalb sein Bauch mittlerweile anders tippt, als sein Verstand.

Gestern startete die WM so richtig. Die letzten Gruppenspiele bieten täglich Entscheidungen. Und: Ich kann nun die Berichte über das gefährliche Brasilien bestätigen. Ich wurde bestohlen – so was aber auch. Zudem gab es heftige Randale in Belo Horizonte. Und ab Mittwoch bin ich in Manaus. Aber alles schön der Reihe nach.

Brasilien an der eigenen WM angekommen

Die letzte Runde der Qualifikation für die Finalspiele läutete die Gruppe B ein. Ein netter Zufall, ist es doch die einzige Gruppe, die schon nach zwei Spielen mehr oder weniger entschieden war. Gestern ging es nur noch um den Gruppensieg, welchen sich die Holländer holten. Danach, um 17:00 Ortszeit, ging es für Brasilien um die Wurst. Verlieren verboten, lautete ihr Motto.

Das Spiel schaute ich im «Pelourinho» an, im historischen Zentrum von Salvador di Bahia. Vor und nach der Partie spielte die legendäre Samba-Truppe «Olodum». Jene Truppe, welche im Musikvideo «They Don’t Care About Us» von Michael Jackson aufspielte. Das Public Viewing der Einheimischen fand dann auch exakt auf dem Platz statt, wo Jacksons Musikvideo gedreht wurde (Das Video wurde in Rio de Janeiro und Salvador gefilmt: Siehe unten). Im Vorfeld wurden wir gewarnt, dass dieser Ort für Gringos alles andere als ungefährlich sei. Wir sind übrigens ich und zwei Berner Mädels, welche ich hier kennenlernte. Der Deal war einfach: Ich bring euch lebend rein – ich bring euch lebend raus. Mein Toggenburger Kollege und der Dreiviertel-Italiener haben sich gestern schon auf den Weg nach Natal gemacht. Dort spielen heute die Italiener gegen Uruguay. Und eben: Die Spiele haben begonnen, auch für Italien. Wer gewinnt, kommt weiter, wer verliert, fliegt.

Die Stimmung war schon vor dem Spiel ausgelassen. Und bei jedem Schritt, den man tat, hatte man zig Hände in den Hosentaschen, die versuchten zu klauen, was zu klauen ist. Bis kurz vor Verlassen des Geländes waren die Langfinger bei uns chancenlos. Wir entschieden uns, zur Pause zu gehen. Denn was uns auf keinen Fall passieren sollte, das ist, auf jenem Platz die letzten Gringos zu sein. Das Chaos beim Pausenpfiff spielte dann den Strassendieben in die Hände. Meinen Begleitungen wurden die Taschen geklaut, mir das Portemonnaie. Aber wie schon früher beschrieben, hat man hier unten stets eine Brieftasche zum geklaut werden dabei. Ausser geschätzten 20 bis 50 Reais und zwei leeren Damentaschen haben sie uns nichts abnehmen können. Mein Geldknäuel war an anderer Stelle untergebracht. Ich lasse jetzt mal offen, wo.

Das Spiel war der bisher beste Auftritt der Seleção. Wohl mit Kamerun gegen den schwächsten Gegner der Gruppe, aber die Offensivmaschine der Brasilianer ist endlich in Schwung gekommen. Allen voran zeigte Neymar mit zwei Toren eine fantastische Leistung. Er ist mit seinen 22 Jahren jetzt schon ein Gott in diesem Land. Und nun kommt es im Achtelfinale zur Eliminierung einer meiner Favoriten: Brasilien trifft auf Chile. Auf den Gastgeber als Weltmeister tippt mein Verstand, auf Chile mein Bauch. Ich hoffe an dieser Stelle auf Brasilien, denn wenn die Seleção ausscheidet, kann die Stimmung hier unten sehr schnell kippen.

Ausschreitungen zwischen Fans in Belo Horizonte

Wie schnell das passieren kann, sah man nach dem Spiel Argentinien gegen den Iran in Belo Horizonte. Nach dem Spiel gingen in jener Public Viewing-Zone, in der ich das Spiel Brasilien gegen Kroatien geschaut habe, die Fans der Argentinier und Brasilianer aufeinander los. Schlussendlich musste die Polizei eingreifen, mit Tränengas und Knüppeln. Das ist in vielerlei Hinsicht sehr schade. Einerseits, weil die WM bisher so friedlich verlief (mit Ausnahme der 100 Chilenen, die ein Stadion stürmen wollten). Andererseits empfand ich gerade die Menschen in Belo Horizonte – und auch die Stadt selber – als sehr friedlich und offen. Es ist zu hoffen, dass dies ein Einzelfall bleibt. Und es ist ebenfalls zu hoffen, dass Argentinien hier nicht Weltmeister wird. Das könnte dann wirklich sehr gefährlich werden.

In der Altstadt von Salvador di Bahia habe ich übrigens das erste Graffiti gegen die WM gesehen. «Fuck The Cup» war da in roter Farbe auf eine Mauer gesprayt. Ansonsten nehmen die Proteste gegen den Cup ab – soweit ich das von meiner Warte aus beurteilen kann. Finden sie statt, sind sie eher klein und wie schon früher erwähnt, mehr gegen den Staat und das System gerichtet, als gegen die WM, die als Ventil dient. Ich glaube, die Brasilianer sind extrem stolz, dass so viele Menschen aus aller Welt «ihren» Copa besuchen. Das habe ich gestern gemerkt: Als mich ein Brasilianer während des Spiels zusammenstauchte, weil ich auf ihn gedrückt wurde, schaltete sich sofort ein Anderer ein und fragte, wo das Problem sei. 

Auf nach Manaus

In der Nacht auf Morgen geht meine Reise weiter in den Amazonas. Ich habe das Angebot meines Toggenburger-Freundes angenommen und beerbe das Ticket seiner Begleitung. Das ist zwar eine verrückte und spontane Entscheidung, aber die Möglichkeit, an einer WM in Brasilien alle Schweizer Gruppenspiele zu sehen, wird sich mir nie mehr bieten. Sollte das Turnier wieder mal an den Zuckerhut vergeben werden, müsste ich wohl schon am Gehstock hier runter reisen.

Und nun, da ich beraubt wurde, noch dies: Ich kann diese Menschen verstehen. Alleine meine Reisekosten für diese WM wird ihr Jahreseinkommen massiv übersteigen. Und wenn ich wieder in anderen Medien lese, wie man hier unten ausgeraubt wird: Tasche weg, Kreditkarte weg, Brieftasche weg, Handy weg, aber man habe Glück gehabt, nicht verletzt geworden zu sein. Dann frage ich mich, was solche Journalisten hier unten erwartet haben. Und warum sie sich nicht darauf einstellen können. Von gestern gibt es kein Bild vom Public Viewing. Warum? Weil mein iPhone im Hotelsafe lag. Neben meiner Tasche, meiner Kreditkarte und meiner echten Brieftasche. 

Nun gilt die Konzentration aber dem morgigen Spiel gegen Honduras. Zwei Fragen sind dabei entscheidend: Schaffen es die Schweizer Spieler, die von mir geforderten «Cojones» auf das Spielfeld zu tragen? Und in der Hitzehölle im Amazonas die notwendigen Punkte für das Achtelfinale zu holen? Und noch viel wichtiger: Schafft es mein Kollege dieses Mal, seine wunderschöne Toggenburger-Kuhglocke ins Stadion zu bringen? Beides sind keine Fragen, welche die Welt bewegen. Oder zumindest nur eine kleine Welt. Aber es sind Fragen, die morgen eine Antwort finden. Und die gibt es dann am Donnerstag hier im zentral+ WM-Blog zu lesen.

 

 

Du bist noch kein Möglichmacher? Als Möglichmacherin kannst Du zentralplus unterstützen. Mehr erfahren.

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare

Mach jetzt zentralplus möglich

Unterstütze mit einem freiwilligen Abo

Schon über 530 Personen stehen ein für Medienvielfalt in der Zentralschweiz. Denn guter Lokaljournalismus kostet Geld. Mit deinem freiwilligen Abo machst du zentralplus möglich. Wir sagen danke. Hier mehr erfahren

×
×
jährlich monatlich
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
zentralplus unterstützen
Du machst es möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglich
  • Du wirst klüger und glücklich (ohne Garantie)
CHF5.00 / Monat
CHF60.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst es möglicher
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du machst zentralplus möglicher
  • Du wirst klüger und glücklicher (ziemlich sicher)
CHF15.00 / Monat
CHF180.00 / Jahr
zentralplus unterstützen
Du machst das Unmögliche möglich
  • Zugriff auf alle Inhalte von zentralplus
  • Reiche Deine Ideen ein und bestimme monatlich mit, über welches Thema wir einen Artikel verfassen
  • Bewerten von Nutzerkommentaren
  • Täglicher und / oder wöchentlicher Newsletter
  • Du kannst an einer Redaktionssitzung teilnehmen
  • Du machst das Unmögliche möglich
  • Du wirst klüger und noch glücklicher (sicher)
  • Du machst uns sehr glücklich
CHF30.00 / Monat
CHF360.00 / Jahr
zentralplus unterstützen