Das Debakel von Salvador

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17 Tore in drei Spielen in der Arena Fonte Nova (Übersetzt: Neue Quelle): Der Geist von Salvador di Bahia sorgt für Spektakel pur.

Oder: Ein offener Brief an die Nationalmannschaft.

Ich habe in einem früheren Bericht darüber geschrieben, dass es an einer WM auch dazugehört, verlieren zu können. Ausser für ein Team. Dem schlussendlichen Champion. Die Schweizer Fans haben gestern nach dem 5:2 bewiesen, dass sie gute Verlierer sind. In der Altstadt von Salvador waren die Eidgenossen in Teil Gassen sogar besser zu hören, als die siegreichen Franzosen. Frankreich war gestern besser. Keine Frage, keine Diskussion, sondern schlicht Realität. 

Doch wie es für die Fans gilt, verlieren zu können, sollte dies doch auch für die Spieler auf dem Platz gelten. Ich frage mich, ob es einzelnen Spielern bewusst ist, dass die ca. 20’000 Schweizer Fans in der Arena Fonte Nova, alle zusammen etwa so viel Geld für den Spielbesuch ausgaben, wie die Herren Söldner in einem Monat mindestens verdienen? Ich frage mich, ob ihnen bewusst ist, wie mühsam es hier unten zum Teil ist, sich fortzubewegen, was für Distanzen die Fans von Spielort zu Spielort zurücklegen. Oder nehmen wir die Gruppe von sieben älteren Herren, welche ich hier ohne Tickets angetroffen habe. Die haben es nebenbei geschafft, schlussendlich alle im Stadion zu sitzen. 

Und dann so etwas? Eine Leistung, die tatsächlich noch das in der ersten Halbzeit gegen Ecuador Dargebotene im negativen Sinne toppte. Ich selber spiele auch Fussball, ganz bescheiden, beim FC Inter Altstadt. Dort spiele ich mit einem Chilenen – Raul heisst der. Und neben vielen Dingen die ich von Raul gelernt habe, ist eine seiner Lektionen grundlegend für ein erfolgreiches Gestalten eines Spieles: Man spielt mit «Cojones», übersetzt: Mit Eier. Das tönt jetzt natürlich sprachlich überhaupt nicht geschliffen, und viele fragen sich, ob ich nichts Besseres zu schreiben habe. Nein, habe ich nicht: Denn ohne Cojones, gewinnt man an einer WM in Südamerika keinen Blumentopf.

Gestern fehlte aber auch noch mehr. Es fehlte das Herz. Der Respekt, an einer WM spielen zu dürfen. Noch einmal soll die Frage erlaubt sein: Ist den Spielern bewusst, was für Strapazen und Kosten die Schweizer Fans auf sich nehmen? Nun geht es in Manaus gegen Honduras um die Wurst. So Fussballgott will, ist der Einzug in das Achtelfinale noch möglich. Unter bestimmten Umständen sogar mit einer Niederlage (Frankreich müsste dazu mit zwei Toren mehr gegen Ecuador gewinnen). Manaus liegt von Salvador sechs Flugstunden weg. Auf der Brasilianischen Flagge ist Manaus der einzige Stern oberhalb des Banners mit «Ordem e Progresso» (Ordnung und Fortschritt). Genau deshalb, weil es eben so weit weg liegt. Warum soll nun ein Schweizer Fans für einen so blutleeren Auftritt wie gestern diese halbe Weltreise auf sich nehmen. Gebt mir einen Grund, liebe Spieler der Schweizer Nationalmannschaft.

Nichts mit Kuhglocke

Hier in Salvador habe ich zwei Schweizer getroffen. Nun gut: Einen Schweizer und einen mehr Italiener als Schweizer. Für den Eidgenossen mit italienischem Blut war es gestern ein doppelt harter Tag. Erst verliert die Squadra gegen Costa Rica, dann das Debakel von Salvador. Aber auch der Andere hatte zu beissen: Es war ihm nicht erlaubt, seine wunderschöne Toggenburger Kuhglocke ins Stadion zu nehmen. Klar, diese könnte man natürlich einem aufdringlichen Franzosen über die Rübe ziehen. Aber bis auf die 100 Chilenen, welche das Stadion in Rio stürmen wollten, verlief ja jetzt alles sehr friedlich. Andere brachten ihre Kuhglocke rein. Es kam halt ganz drauf an, welchen Eingang man erwischte. 

Eine nette Fussnote zu meinem Freund aus dem Toggenburg ist, dass ich diesen noch nie auf Schweizer Boden getroffen habe. Entweder ziehen wir in Korea um die Häuser oder eben gestern in Salvador. Seine Begleitung muss übrigens früher abreisen, so wäre er in Manaus alleine unterwegs. Somit hätte er also ein Ticket und ein Hotelbett übrig, im Amazonas. Soll ich jetzt da hin? Es wäre schön, die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft würden mir in den nächsten Tagen während den Interviews einen guten Grund dafür liefern.

Zum Schluss noch dies: Stunden nach dem Spiel feierten Franzosen und Schweizer gemeinsam. Irgendwo in einer Bar in Salvador. Es wurde das «steht auf, wenn ihr Schweizer seid» angestimmt. Ein Schweizer blieb mehr oder weniger – oder doch mehr? – frustriert sitzen. Ich fragte ihn warum. Er stehe für diese Mannschaft sicher nicht auf, sagte er mir. Dass seien so oder so nur alles Kosovo-Albaner, welche nur für sich selber spielen würden und kein Herz für die Schweiz hätten. Das war für mich der eigentliche Tiefpunkt des gestrigen Tages. Und da sass er dann, der schlechte Verlierer. Alleine an seinem Tischchen. Vielleicht ist ihm nicht aufgefallen, dass Spanien sogar noch höher gegen Holland verloren hat. Oder dass in der Arena Fonte Nova die Uhren halt anders ticken. 

17 Tore sind da in drei Spielen gefallen:

Spanien – Holland 1:5

Deutschland – Portugal 4:0

Schweiz – Frankreich 2:5

Verrücktes Salvador. Und bisher eine tolle WM. Mit Siegen und Niederlagen, wie sie nicht nur zum Fussball, sondern in jeden Lebensbereich gehören. Nun gilt es, zusammenzurücken. Das Wunder von Salvador klappte nicht, das Wunder von Brasilien ist aber immer noch möglich. Auf geht’s Schweiz. Denn Aufgeben hat im Fussball genau so wenig verloren, wie eine Mannschaft ohne Herz – und ohne Cojones.

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