Brasilien – Chile: Nervenkitzel beim Boarding

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Spannung pur am Flughafen in Belo Horizonte. (Bild: mal)

Seine Brasilien-Reise findet ihr Ende und eine 50-stündige Reise stand Marco Liembd bevor. Doch bevor er den zweitletzten Flieger betrat, sorgte Brasilien gegen Chile für mächtig Spannung. Ein iPhone genügte, um rund 200 Personen mit dem Bild zu versorgen.

Am Tag meiner Abreise spielte Brasilien den ersten Achtelfinal gegen Chile. Meine zwei Favoriten trafen aufeinander, einer würde übrig bleiben. Das Spiel verfolgte ich am Flughafen von Belo Horizonte. Die offizielle Fanzone wurde geschlossen, von der Polizei. Man sah einzig ein Roboter mit einer Kamera das Gelände durchsuchen. Und so blieben genau zwei Orte am Flughafen, um das Spiel zu verfolgen. Einmal eine Lounge mit einem Screen (aber ohne Ton) und einmal eine Bar mit einem normalen Fernseher. Während dem Spiel gingen übrigens die meisten Geschäfte am Flughafen zu. Niemand wollte sich dieses Spiel entgehen lassen.

Die Verlängerung beim Stand 1:1 konnte ich noch fertig schauen, dann musste ich aber Richtung Gate. Und dort – unfassbar – gab es keine Möglichkeit, das Spiel zu verfolgen. Einzig ein Brasilianer hielt sein iPhone in die Höhe, damit rund 200 Personen das Elfmeterschiessen verfolgen konnten. Die Seleção kam noch einmal mit dem Schrecken davon. Und von meinen zwei Favoriten flog mit Chile der erste aus dem Turnier. Schade, ich hätte dem kampfbetonten Team mehr gegönnt. Aber für Friede, Freude, Eierkuchen ist ein Verbleib des Gastgebers an der WM wichtiger. 

997 Kulturveranstaltungen in Manaus

Einen Nachtrag möchte ich noch zu Manaus loswerden. Ich war durchaus kritisch vor meinem Besuch, was Manaus als Spielort angeht. Ein Stadion einzig für vier Spiele und das mitten im Dschungel. Wie viel Sinn macht das? Klar, man wollte ganz Brasilien in die Spiele einbinden und da kann man die Lunge der Welt – den Amazonas – doch nicht einfach ignorieren. Was ich in Manaus vorgefunden habe, war der beste WM-Host aller meiner besuchten Städte. Statt eines FIFA-Fanfestes weit ab vom Schuss anzubieten, putzten die Einheimischen den wunderschönen Platz vor der Oper im historischen Zentrum heraus, stellten zwei gigantische Leinwände auf eine Bühne und zeigten dort alle Spiele (an den FIFA-Fanfesten wurden nur die Brasilienspiele und jene, welche gerade in der aktuellen Stadt stattfanden gezeigt).

Die Menschen in Manaus nutzen die WM-Bühne dazu, ihr vielfältiges, kulturelles Programm zu präsentieren. Unter dem Jahr gibt es das Jazzfestival von Amazonas, das Rockfestival von Amazonas, das Opernfestival von Amazonas, und so weiter. Einzig während der WM präsentiert Manaus 997 kulturelle Präsentationen. Das sind pro Spieltag über 20 Stück. Wahnsinn. So sassen mein Toggenburger Kollege und ich auf diesem Platz, lauschten erst einem brasilianischen Opernsänger, dann einer Rockband und schlussendlich einer Sambatruppe. Währenddessen spielten im Opernhaus zwei Jazzbands. Das alles in geschätzten vier Stunden. Stolz präsentierten die Moderatoren immer wieder, dass Manaus das grösste Angebot für Fans während der WM habe. Vielleicht war es halt doch richtig, Manaus auch als Spielort einzubinden, wenn man sah, wie viel Mühe sie sich gaben. Schade nur, dass dort nur vier Spiele gespielt wurden. Die Einwohner hätten, nach dem was ich gesehen habe, mehr verdient.

Fotos von diesem Event habe ich leider keine gemacht. Einerseits blieb mein iPhone aus Sicherheitsgründen im Hotel, andererseits hatte es, als wir das Hotel verlassen wollten, gerade geregnet. Geregnet? Darum heisst der Regenwald Regenwald! Das war eine regelrechte Sintflut, eine Wand, die heruntergegossen kam. Das Problem dabei: Das Wasser kann nirgends abfliessen, Kanalisationssysteme wie wir sie kennen, gibt es in Manaus nicht. Und so wurden aus den Strassen regelrechte Flüsse. Zehn Sekunden ohne Dach über dem Kopf reichten aus, um bis auf die Unterhose durchnässt zu sein.

Der kleine Junge aus Ecuador

Eine Geschichte konnte ich bisher noch nicht unterbringen. Sie spricht aber Bände, daher nun an dieser Stelle. Vor dem ersten Schweizer Gruppenspiel gegen Ecuador, war die Zusammensetzung der Gäste in meinem Hotel bunt gemischt. Darunter war ein kleiner Junge aus Ecuador, welcher mit seinem Vater da war. Vor dem Spiel zogen wir uns immer gegenseitig mit Anfeuerungsrufen auf. Auf meine «Suiça, Suiça» Parolen, reagierte er mit entschlossenem Blick und geballter Faust: «Ecuador, Ecuador». Zwar stets mit gegenseitigem Respekt, aber durchaus ernst und für seine geschätzten acht Jahre doch einigermassen furchteinflössend. Am Abend vor dem Spiel schenkte ich ihm einen Schlüsselanhänger: Ein kleiner Weltmeisterpokal aus Gold. Der Bursche hatte natürlich seine helle Freude daran.

Während dem Frühstück nach dem Spieltag – die Schweiz konnte bekanntlich in letzter Sekunde mit 2:1 gewinnen – kam der Junge an der Hand seines Vaters an unseren Tisch. Er wolle sich von uns verabschieden. Der Reihe nach reichte er uns die Hand und verabschiedete sich auf Spanisch. Ein wunderschöner Moment. Wer in diesem Alter eine Niederlage auf diese Art akzeptieren kann, der wird wohl ein Leben lang zu den Gewinnern gehören. Dass Ecuador und Honduras so früh ausgeschieden sind, ist eigentlich schade. Die Fans hätten besseres verdient. Zudem haben sich von neun Mittel- und Südamerikanischen Mannschaften ganze sieben für die Achtelfinals qualifiziert. Einzig in der Schweizer Gruppe – eben mit Ecuador und Honduras – schieden diese aus.

Manaus – Zürich in 50 Stunden

Freitag frühmorgens, trat ich dann meine Rückreise an. Total werde ich 50 Stunden unterwegs sein, bis ich in Zürich lande. Manaus – Brasilia – Salvador – Belo Horizonte – Lissabon – Zürich lauten meine Stationen. Wobei ich immer Aufenthalte eingebaut habe, um mit den dazugehörigen Verspätungen zurechtzukommen. Natürlich wäre ich auch gerne an das Achtelfinale weitergereist, aber jede Reise hat mal ihr Ende und ich habe das mit der Spontanität hier unten schon ziemlich wörtlich genommen. Zudem wartet in Luzern eine andere fussballerische Aufgabe auf mich: Das Kick’n’Rush-Turnier, an dem auch Torpedo Zentral+ nach der Krone zu greifen versucht.

Der Kontrast wird kaum grösser sein können, nicht nur in der Qualität des gezeigten Fussballs. Fernab von Milliardenkosten, Korruption einer FIFA, welche sämtliche Gewinne aus einem Land abzügelt, welches sie wirklich benötigen würde, wird am Luzerner Kick’n’Rush Fussball in seiner schönsten Form gespielt: Aus purer Freude und Leidenschaft. Nebst diesem Kulturturnier gibt es wohl nur noch einen Ort, an dem der Fussball seine Jungfräulichkeit noch behalten hat: Auf jedem Pausen- und Bolzplatz rund um die Welt. Denn da hat die FIFA noch nichts zu sagen.

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