Bloss nicht Argentinien

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Der FIFA-Präsident Sepp Blatter erhielt in São Paulo eine Audienz mit der legendären Toggenburger-Kuhglocke. (Bild: Martin Stadler)

Der WM-Blog machte kurz eine Pause. Hinter uns liegen nun die Achtel- und Viertelfinals. Und es ist zum Haare raufen: Alle Überraschungsteams sind draussen. Was zurückbleibt, sind die altbekannten Mannschaften: Deutschland, Brasilien, Argentinien und Holland. Alle vier Jahre spielen mehr oder weniger dieselben Teams um den Titel. Derweil habe ich News von der Toggenburger Kuhglocke. Und ja: Mein Freund, der das Aus der Schweiz live im Stadion mitverfolgt hat, brauchte ebenfalls ein paar Tage, um sich von der Niederlage zu erholen.

Die Kuhglocke traf Sepp Blatter

Nach dem Spiel der Schweiz gegen Argentinien hatte ich eine Weile nichts mehr von meinem Freund mit der Kuhglocke gehört. Er versuchte auch in São Paulo, die goldene Glocke ins Stadion zu bringen, um die Eidgenossen zu unterstützen. Erneut klappte es aber nicht. Sie wurde ihm vor dem Stadion durch die Polizei abgenommen und während des Spieles auch von dieser bewacht. «Es hat mich brutal frustriert, schade», kommentierte mein Kollege das Spiel. Es sei toll gewesen, wie die Brasilianer die Schweiz im Stadion unterstützt hätten. Und er meinte, dass er wohl als Schweizer für den Rest seines Aufenthalts alles gratis bekommen hätte, wenn die Argentinier aus dem Turnier geflogen wären.

Drei Tage verbrachte der Toggenburger nach dem Spiel an einem Strand. «Ich brauche ein bisschen Abstand», liess er mich wissen. Inzwischen ist er nach Belo Horizonte gereist, wo er heute das Spiel Brasilien gegen Deutschland zu sehen versucht. Ob er es schaffen wird? Gerade gestern machte ja die Meldung die Runde, dass ein FIFA-Partner in Brasilien den Ticket-Schwarzmarkt im grossen Stil aufmischte. Auch hier sehe ich wieder einmal, wie wenig Ereignisse der WM bis nach Europa durchdringen.

Haben sie also einen Ticket-Händler verhaftet? Ein Tropfen auf einen heissen Stein, denn vor den Stadien wird ein reger Bazar mit den Tickets betrieben. Besucher müssen zwar auf dem Ticket persönlich mit Namen registriert sein. Kontrolliert wurde das aber nie. Unter dem Strich fallen dann halt wieder die vielen leeren Plätze in den Stadien auf. Das angewandte System funktioniert also nicht.

Dass nun aber ein FIFA-Partner als Ticket-Händler auflog, das sollte schon zu denken geben. Aber dafür gibt es ja die mittlerweile legendäre Toggenburger Kuhglocke. Sepp Blatter hielt sie persönlich in seinen Händen. Möge der Geist der Glocke dem Sepp zeigen, welche Probleme wirklich auf die FIFA warten – oder ihn noch besser zum Rücktritt führen und damit den Weg für Neues ebnen.

Es ist egal, wer Weltmeister wird…

Das Spiel Schweiz gegen Argentinien habe ich in Luzern, in der Bar Capitol am Bundesplatz, verfolgt. 118 Minuten Leiden, um dann doch verdient auszuscheiden. Vor allem in der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung, wurde die Schweiz zunehmend nervöser. Und zwar immer dann, wenn sie den Ball hatten. Defensiv war das eine Meisterleistung, aber eben: Mit dem Ball war nicht viel los. Und wer kommt eigentlich weshalb auf die Idee, dass wir das Elfmeterschiessen gewonnen hätten? Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 2006 in Köln war – im Stadion – und die Schweizer gegen die Ukraine jeden Penalty verschossen. Nein es ist gut so, wie es ist. Argentinien war das «Mü» besser.

Trotzdem hatte auch ich mindestens zwei, drei Tage an der Niederlage zu beissen. Ein Blick auf das Spiel-Tableau schmerzte umso mehr, weil im Viertelfinale Belgien gewartet hätte. Und das ist, was eine WM eben ausmacht: Erst in vier Jahren wird es die nächste Möglichkeit geben, es besser zu machen. Shaqiri wird dann schon 26 Jahre alt sein, Benaglio 34 Jahre und wohl nicht mehr im Tor der Schweizer stehen. Und auch ich muss nun wieder vier Jahre warten, um mit der gleichen Motivation das Turnier zu verfolgen. Es ist mir egal, wer Weltmeister wird. Das Turnier endete für mich in der 118. Minute der Verlängerung. Und trotzdem: Kann es mir ganz egal sein, wer Weltmeister wird?

…nur nicht Argentinien

Wie schon früher darauf hingewiesen, gibt es ein Team, das nicht Weltmeister werden darf: Argentinien. Die enormen Kosten der WM sind das Eine, all die Infrastruktur aber im Land aufzustellen, damit der Erzfeind Argentinien den Pokal in die Luft stemmen kann, das Andere. Fussball ist in Latein- und Mittelamerika einfach nochmal eine Nummer grösser als hierzulande. In Kolumbien wurden nach dem Sieg über Uruguay acht Menschen getötet – bei der Siegesfeier. Ich will mir nicht vorstellen, was passiert, wenn Argentinien Weltmeister wird. Vielleicht tue ich Brasilien an dieser Stelle unrecht, aber ich habe das Gefühl, dass die Stimmung schlagartig umschlagen würde. Doch zuerst muss Argentinien noch gegen Holland ran. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich Argentinien durchsetzen wird.

Im zweiten Halbfinal trifft Brasilien auf Deutschland. Aus Brasilien weiss ich, dass die Verletzung von Neymar den Glauben an den Titel weitgehend zerstört hat. Aber man hat es bei Frankreich gesehen, was passiert, wenn der Star ausfällt: Ribéry musste zu Hause bleiben und die Mannschaft reagierte so darauf, dass alle verbliebenen Spieler noch näher zusammenrückten und mehr Verantwortung übernahmen. Vielleicht wird das Brasilien auch gelingen. Aber eben. Sie spielen gegen Deutschland.

Wie sagte der ehemalige englische Fussballer Gary Lineker einmal: «Fußball ist, wenn 22 Mann dem Ball hinterherrennen und am Ende gewinnen immer die Deutschen.» So sehr ich es Brasilien wünsche, die Deutschen sind so was von bereit für ihren vierten Titel. Also tippe ich auf einen Final Deutschland gegen Argentinien. Und so würde die Seleção auch nicht der ungeliebten Präsidentin von Brasilien – Dilma Roussef – in die Karten spielen: Im Oktober sind Wahlen und sollen die Probleme der WM auf den Tisch kommen, dürfen sie nicht vom Pokalgewinn überlagert werden.

Algerier sind die Weltmeister der Herzen

Schon 2010, als die WM in Südafrika stattfand, prophezeiten Fussballkenner den ersten Weltmeister aus Afrika. Bekanntlich wurde nichts daraus. Auch in Brasilien zeigten die Teams von Ghana, Kamerun und Nigeria, dass es noch viele Turniere dauern wird, bis diese Mannschaften reif sind für den Titel. Während Nigeria vor dem Achtelfinal vier Tage lang nicht trainiert hatten, weil sie ihre Prämie noch nicht bekommen hatten, zeigte das Team aus Algerien, dass Fussballer doch auch über ihr Bankkonto hinaus denken können: Die gesamte Prämiensumme – acht Millionen Franken – spendete das Team in den Gazastreifen, weil es die Menschen da besser brauchen können. Bravo Algerien.

Ich bin seit über einer Woche wieder in der Schweiz und Brasilien ist schon sehr weit weg. Was ich vermisse, ist diese Leichtigkeit des Seins, dieses «Calma, Calma» – immer schön mit der Ruhe. Und wenn ich mir die blauen Striche auf den Luzerner Trottoirs ansehe – diejenigen, welche den Beizen anzeigen, wie viel Platz ihre Aussenbestuhlung einnehmen darf, dann frage ich mich halt schon, ob wir keine anderen Probleme haben. Andererseits haben wir viele Probleme nicht. Was mir am meisten auffällt, ist die Sicherheit. Ich muss nicht mehr zwei Brieftaschen und zwei Handys auf mir tragen, sondern laufe auch zur späten und dunklen Stunde noch alleine nach Hause. Eine Lebensqualität, welche mir erst hier wieder bewusst wurde.

Nun. Das ist der zweitletzte Teil des WM-Blogs von zentral+. Ich werde mich dann noch einmal nach dem Final melden. Einem Final, den alle gewinnen dürfen, nur Argentinien nicht.

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