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208 Millionen Schweizer Fans für ein Hallelujah

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Grosses Polizeiaufgebot vor dem Hotel der Schweizer Nationalmannschaft. Mit einer Eskorte ging es dann zur Arena da Amazônia.
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Grosses Polizeiaufgebot vor dem Hotel der Schweizer Nationalmannschaft. Mit einer Eskorte ging es dann zur Arena da Amazônia. (Bild: Marco Liembd)

Weiter geht es für Marco Liembd ans nächste WM-Spiel der Schweizer Nationalmannschaft. Doch eine ungeahnte Begegnung im Hotel und eine Kuhglocke lösen schon vor dem Spiel grosse Aufregung aus.

Die Schweizer Nationalmannschaft hat es tatsächlich geschafft und zieht in das 1/8-Finale ein. Die Kuhglocke meines Toggenburger-Freundes hat es nicht ins Stadion geschafft, aber uns einen Abend voller Herzlichkeit beschert. Und: In unserem Hotel waren wir nicht alleine.

Der Spieltag Schweiz – Honduras hat für mich um vier Uhr morgens in Salvador begonnen. Via Brasilia führte meine Reise nach Manaus, in den Amazonas. Während dem zweiten Flug hatte ich ein interessantes Gespräch mit zwei Fans aus Honduras, einem Kolumbianer und einem Brasilianer. Es wird mit der Zeit schon etwas mühsam, sich immer und immer wieder für den Sepp Blatter entschuldigen zu müssen. Das Fass ist voll, es ist Zeit zum Abtreten. Die zwei Honduraner glauben dann mittlerweile, dass die Schiedsrichter so pfeifen, wie es die FIFA vorgibt. Und hier unten – da sind sich die zwei sicher – werden die Spiele so geleitet, dass schlussendlich Brasilien gewinnen wird. Das Vertrauen in den Walliser ist endgültig weg und somit auch die Glaubwürdigkeit im Fussball. An was genau klammert er sich nur, der alte Mann? An die Macht oder sein Ego? Wohl beides.

Im Hotel der Schweizer Nationalmannschaft

Mein Flug hatte eine halbe Stunde Verspätung. Nichts aussergewöhnliches. Einerseits sind die Flughäfen in Brasilien nicht rechtzeitig fertig geworden, andererseits finden aufgrund der WM so viele Flugbewegungen statt, dass man im Sekundentakt Flieger starten sieht. Alleine ich werde bis zu meiner Landung in Zürich 13 Flüge hinter mir haben. Die Flughäfen sind auch dermassen überlastet, dass die Gates beinahe im Minutentakt geändert werden. Aber es funktioniert und schlussendlich bin ich dann in Manaus angekommen, setzte mich in das nächste Taxi und fuhr zu meinem Toggenburger Freund, welcher bereits eine Stunde früher aus Natal kommend in unserem Hotel eintraf.

Der Krienser Valentin Stocker mit der mittlerweile legendären Toggenburger-Kuhglocke.

Der Krienser Valentin Stocker mit der mittlerweile legendären Toggenburger-Kuhglocke.

(Bild: Marco Liembd)

Vor dem Hotel hatte es eine Armada von Polizei, Armee und Journalisten. Und stolz stand da der Mannschaftsbus der Schweizer Nationalmannschaft. Ja, wir landeten tatsächlich im gleichen Hotel wie das Team. Alle schlichen sie an uns vorbei in den Car: Shaqiri, Benaglio, Rodriguez und natürlich der Chef, Hitzfeld. Zu guter Letzt waren wir im brasilianischen «Globo TV» zu sehen, welches angetan von der Toggenburger-Kuhglocke, ein Interview mit uns machte. Die Abfahrt der Schweizer Nationalmannschaft haben wir zusammen mit Einheimischen und Hotelangestellten beklatscht.

Keine Chance für die Kuhglocke

Während mein Kollege seine Kuhglocke beim ersten Spiel in Brasilia noch ohne Probleme in das Stadion brachte, scheiterte der Versuch in Salvador gegen Frankreich bei der letzten Kontrolle. Hier in Manaus war schon beim ersten Ring fertig mit Bimmeln. Auffallend: Je ärmer die Region, desto strenger die Sicherheitsvorschriften und desto weniger Chancen hatte die Kuhglocke, im Stadion zu läuten. Die Militärpolizei schüttelte streng den Kopf und verwies auf eine Kartonschachtel, in der irgendwelche Plastiktröten lagen. Geht natürlich nicht. Frustriert wollte mein Kollege das Prachtsteil zurück in das Hotel bringen. Gut 40 Minuten vor dem Anpfiff. Er hätte nichts anderes, als den Anpfiff verpasst.

Da kam uns ein einheimischer Mann um die 30 Jahre zu Hilfe. Wir könnten die Kuhglocke bei im zu Hause abgeben, er wohne gleich um die Ecke. Dass wir in diesem Moment dem jungen Mann vertrauten, sollte sich später noch auszahlen. Begleitet von der Militärpolizei ging es also ab in seine 1-Zimmer-Wohnung, wo er mit seiner Frau und seinem Kind lebt. Ohne Kuhglocke aber mit viel Zuversicht ging es dann weiter ins Stadion. Dort fanden sich maximal 3’000 Schweizer Fans zusammen, um die Schmach in Salvador gegen Frankreich vergessen zu machen. Übrigens: Auf der Strasse haben die Einheimischen die Arena Fonte Nova in Salvador umgetauft. Weil es da so viele Tore gab, nennen sie das Stadion nun Arena Fonte Golidas – Quelle der vielen Tore.

Mit «Cojones», Shaqiri und der Hilfe von Frankreich

Die Schweizer Nationalmannschaft lieferte zweifellos ihr bestes Spiel an dieser Weltmeisterschaft ab. Endlich sind die Spieler an der WM angekommen. Sie entwickelten, sobald im Ballbesitz, einen ungeheuren Zug nach vorne. Klar, das Spiel lief auch für die Eidgenossen: Mit einem Traumtor eröffnete Shaqiri bereits in der 7. Minute das Score. Unglaublich wichtig, denn in dieser Hitze musste nun Honduras dem Ball nachlaufen und die Schweizer konzentrierten sich auf ihr Stellungsspiel. Und ja: Die Hitze war erdrückend, die Luft dick, der Schweiss lief auch allen Fans nur noch so runter.

Zwei Tore von Shaqiri hatte ich meinem Toggenburger-Freund prophezeit. Schlussendlich wurden es drei und die Schweizer Fans begannen zu rechnen. Reicht das Torverhältnis, sollte Ecuador gegen Frankreich in Führung gehen? Oder braucht es doch noch ein viertes Tor? Die Rote Karte gegen den Kapitän von Ecuador machte die Runde. Die Zuversicht wurde grösser und grösser. Als der Schiedsrichter abpfiff, traute niemand so richtig den 1/8-Finaljubelschrei auszustossen. Plötzlich wurde es dann aber unüberhörbar: Die Schweiz hat es geschafft. Noch was zum Team: Shaqiris Dreierpack ist natürlich in aller Munde und überstrahlt alles. Aber auch was ein Benaglio und Rodriguez gestern gezeigt haben, war Weltklasse. Da war sie nun: Die von mir geforderte Mannschaft, mit Eiern und Herz. Was Cojones im Fussball bedeuten und wie wichtig sie sind, wurde gestern eindrücklich bewiesen.

Wilde Party und eine Aufgabe: Gravetos Argentinos

Die Schweizer-Fans wurden lange Zeit nach dem Spiel regelrecht aus dem Stadion geworfen. Niemand wollte die Arena verlassen, alle tanzten, sangen und lagen sich in den Armen. Es machte den Eindruck, die Verantwortlichen können gar nicht damit warten, die Arena da Amazônia endlich in das Gefängnis umzubauen, welches es jetzt werden wird. Das Spiel Schweiz – Honduras war die letzte von vier Partien in diesem ebenfalls wunderschönen Stadion. Getanzt haben aber nicht nur die Schweizer, sondern auch die Brasilianer. Denn mit einem Blick auf den Spielplan haben sie realisiert: Die Schweiz trifft nächsten Dienstag in São Paulo auf Argentinien.

Schon früher in diesem Blog beschrieben, gehen Brasilianer und Argentinier gar nicht gut zusammen. Zumindest im Fussball herrscht eine grosse Rivalität, welche ja erst vor kurzem in Belo Horizonte zu Ausschreitungen geführt hat. Nun sollen wir, die kleine Schweiz, dass Team rund um Messi aus dem Turnier kicken: «Gravetos Argentinos» – Kleinholz sollen wir aus den Argentiniern machen. Und so werden wir nächsten Dienstag eben nicht die kleine Schweiz sein, kurzfristig wird die Schweizer Bevölkerung um 200 Millionen Eidgenossen anwachsen. Ganz Brasilien wird hinter dem Schweizer Team stehen und alles in der Arena Corinthians, was nicht argentinisches Blut hat. Ich hoffe, die Schweizer Spieler sind sich bewusst, dass sie mit einem Sieg in die brasilianischen Geschichtsbücher eingehen werden. Vamos Suiça.

Fest mit den Einheimischen bei der Kuhglocke

Im ganzen Getümmel nach dem Spiel habe ich meinen Toggenburger-Freund verloren. Etwas ärgerlich, denn ich hatte nicht mehr allzu viel Geld dabei und keine Kreditkarte, da Manaus im Vergleich zu Salvador nicht weniger gefährlich ist. Ein Beispiel: Drei Menschen werden hier täglich ermordet. Handys hatten wir auch keine dabei und alles Suchen im Menschengetümmel brachte nichts. Aber da hatten wir ja noch seine Toggenburger-Kuhglocke abgegeben. Also war für mich klar, da auf ihn zu warten. Der junge Mann wartete dann auch schon freudig auf uns, also zu diesem Zeitpunkt noch auf mich und siehe da: Die Kuhglocke war heil und unversehrt.

Irgendwann traf dann auch mein Kollege ein, ebenfalls ahnend, dass dies unser Treffpunkt sein könnte. Dann gab es ein unglaublich herzliches Familienfest, welches mit der Zeit dann zu einem regelrechten Quartierfest ausartete. Wir mussten – oder eher durften – für unzählige von Fotos hinhalten und wurden sogar noch bekocht. Übrigens: Der Mann und seine Frau verdienen pro Monat 1’500 Reais (ca. 700 Franken), wovon sie rund 500 Reais für die Miete ihrer 1-Zimmerwohnung ausgeben. Bleiben also gut 500 Franken zum Leben. Für sie, ihn und die siebenjährige Tochter.

Während ich meine letzte Schweizer Fahne bereits im Stadion einem behinderten Kind schenkte, vermachte mein Kollege seine «Bandeira» dem Kind unseres Kuhglocken-Betreuers. Ihre Augen strahlten, als hätte der Weihnachtsmann gerade eine 354-tägige Verlängerung eingegeben. Nur vier Augen strahlten noch ein wenig mehr, in der Nacht von Manaus. Die meines Freundes und meine. Sein Weg geht weiter nach São Paolo – zum Achtelfinale. Mein Abenteuer endet hier, nicht aber der WM-Blog. Und auch nicht die Reise der Schweizer Nationalmannschaft. Um diesen Blog-Beitrag mit einer Floskel zu beenden: Nun ist alles möglich.

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