Wen interessiert schon der Demographische Wandel?
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Der demographische Wandel wird als Problem erkannt, jedoch nicht konsequent angegangen. (BIld: Emanuel Ammon)

Wen interessiert schon der Demographische Wandel?

4 min Lesezeit 24.11.2014, 16:23 Uhr

Der Demographische Wandel ist eines der zentralen Themen mit sehr langem Zeithorizont. Er beschäftigt zwar Unternehmen und Organisationen, wird aber nicht nachhaltig bearbeitet. Warum das so ist, erklärt Sven Kette von der Universität Luzern. 

Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

Luzerner Organisationsforschung (Teil 2)
 

Der Demographische Wandel ist – vielleicht vor allem neben dem Klimawandel – eines der derzeit zentralen Themen mit sehr langem Zeithorizont. Angesprochen ist mit dem Schlagwort des Demographischen Wandels eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur. So wird – je nach Studie – für die nächsten 15 bis 30 Jahre eine Entwicklung prognostiziert, in der die Gesamtbevölkerung abnimmt und zugleich der Anteil der «Alten» (über 65-Jährige) zunimmt. Die einzelnen Staaten sind von dieser Veränderung in unterschiedlichem Ausmass betroffen. Während etwa für Deutschland und Japan eine rapide Schrumpfung vorausgesagt wird, sieht sich die Schweiz allein angesichts einer (noch) recht hohen Zuwanderungsquote mit einer Situation konfrontiert, die eher ein Bevölkerungswachstum erwarten lässt. Gleichwohl wird – unabhängig vom Erfolg der Masseneinwanderungs- und der Ecopop-Initiativen – der Anteil der Alten auch in der Schweiz steigen.

Fachkräftemangel und Belastung für Pensionskassen

Vor diesem Hintergrund werden in politischen und massenmedialen Debatten vor allem das Problem eines drohenden Fachkräftemangels und steigende Belastungen für die Pensionskassen diskutiert: Auch für die Schweiz gilt, dass sich mit drastisch niedrigeren Zuwanderungszahlen das Verhältnis von erwerbstätiger und nicht-erwerbstätiger Bevölkerung so verschieben würde, dass entweder die Beiträge zur Pensionskasse erhöht, oder das Leistungsniveau gesenkt werden müsste.

Vom Problem des Fachkräftemangels sind jedoch vor allem Organisationen – also etwa Unternehmen oder Spitäler – bedroht. Trotzdem scheinen sich diese Organisationen nicht in besonders starkem Ausmaß bzw. nur in spezieller Weise für das Thema zu interessieren. Obwohl in politischen Debatten ebenso wie in der Wirtschaftspresse immer wieder auf entsprechende Problemlagen verwiesen wird und viele Organisationen den Demographischen Wandel als grundsätzliches Problem oder «strategisches Thema» durchaus anerkennen und für wichtig erachten, zeigen eigene Untersuchungen, dass Organisationen (in Deutschland) sich des Themas nicht recht annehmen mögen. (Für die Schweiz ist – zumal angesichts eines derzeit noch geringeren Problemdrucks – ein ähnliches Ergebnis zu erwarten.)

Organisationen lassen das Problem analysieren…

Konkret zeigt sich, dass viele Unternehmen, Krankenversicherer, öffentliche Verwaltungen und Pflegeeinrichtungen Arbeitsgruppen zum Demographischen Wandel eingerichtet haben, in denen sie zu klären versuchen, in welchen Hinsichten genau der Demographische Wandel für sie problematisch werden könnte: Handelt es sich eher um ein Problem der Rekrutierung neuen (Fach-)Personals, eher um ein Problem des Gesundheitsmanagements, um auch ältere Arbeitnehmer arbeits- und leistungsfähig zu halten, eher um ein Problem der Produktentwicklung (weil die Zielgruppe immer älter wird und nun möglicherweise Telefone mit größeren Tasten benötigt werden, oder die Produktion von Kinderspielzeug angesichts rückläufiger Geburtenraten nicht mehr die gleichen Absatzmöglichkeiten verspricht) oder gar um etwas ganz anderes. 

… und vergessen es dann

Ergebnis dieser Arbeitsgruppen ist zumeist – ganz nach dem Management-Lehrbuch – die Definition von Problembereichen und Arbeitspaketen, die dann in einem «Demographie-Konzept» zusammengefasst werden. Bemerkenswerterweise werden diese Arbeitspakete jedoch häufig nach kurzer Zeit nicht mehr weiter verfolgt. Wie nun lässt sich dies erklären?

Wieso wird ein Thema als problematisch und wichtig beurteilt aber dennoch nicht konsequent bearbeitet?

Die Organisationsforschung legt eine zweistufige Erklärung für diesen Sachverhalt nahe. Erstens, stehen Organisationen unter einem gewissen Druck, sich mit Themen zu befassen, die in der Gesellschaft als für sie relevant erachtet werden. Über verschiedene Fachpublikationen und Managementberatungen werden sie sowohl mit relevanten Problemen als auch mit «Best practice»-Lösungen versorgt und folgen so den «Moden und Mythen des Organisierens» (Alfred Kieser). Dies erklärt aber nur, dass kaum ein Unternehmen die Bedeutung des Demographischen Wandels bestreitet.

Dass Organisationen sich nicht nachhaltig um diese Entwicklung kümmern, sie teilweise sogar wieder vergessen, wird verständlich wenn man auch noch sieht, dass die wenigsten Organisationen exklusive Zuständigkeiten (z.B. durch die Einrichtung neuer Stellen) schaffen. Gerade weil solche gesellschaftlichen Grossthemen häufig rein symbolisch behandelt werden können, ist die Arbeit an ihnen – z.B. im Rahmen von Arbeitsgruppen – eine Zusatzaufgabe, die neben der regulären Tätigkeit erledigt wird und mit dieser um Zeit und Aufmerksamkeit konkurriert.

«Vordringlichkeit des Befristeten»

Für den Demographischen Wandel kommt nun noch hinzu, dass dieser (für Organisationsverhältnisse) einen sehr langen Zeithorizont betrifft. Vor diesem Hintergrund kommt ein Mechanismus zum Tragen, den der Soziologe Niklas Luhmann einmal die «Vordringlichkeit des Befristeten» genannt hat: Ad hoc anstehende Probleme und das weiterlaufende Tagesgeschäft verdrängen längerfristige und strategisch anzugehende Probleme aus dem Blickfeld – mit der Folge, dass ein anerkanntes Problem, zwar symbolisch, aber gerade nicht nachhaltig bearbeitet wird.
 

Weitere Blogs aus dieser Reihe: 

Teil 1: Warum die Universität so oft aneckt

Teil 3: Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird

Teil 4: Was Managementkonzepte in der Kirche machen

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