Was Managementkonzepte in der Kirche machen
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Die Kirche bedient sich immer mehr der wirtschaftlichen Sprache und Logik. Erhofft sie sich so mehr Resonanz? Eine alternative Erklärung für den angeblichen Trend zur Ökonomisierung hält die Organisationsforschung parat. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Was Managementkonzepte in der Kirche machen

3 min Lesezeit 14.01.2015, 15:08 Uhr

Die Kirche bedient sich immer mehr der wirtschaftlichen Sprache und Logik. Erhofft sie sich so mehr Resonanz? Eine alternative Erklärung für den angeblichen Trend zur Ökonomisierung hält unsere Autorin für Luzerner Organisationsforschung parat.

Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

Das Parlament der Kirchengemeinde Luzern diskutierte im vergangenen Monat über ihre Zukunft. Der Finanzchef, Walter Wittmann, kommentierte die Situation in 2015 so: «Die Entwicklung der Steuererträge ist ungewiss. Wir haben rückläufige Mitgliederzahlen». So wie der Reformierten Kirche Luzern geht es auch vielen anderen Kirchen. Einzug gehalten haben hier und dort Qualitätsmanagement, Personalentwicklung, Marketing, Evaluationen und Kosten-Nutzen-Kalküle, die doch eigentlich für Unternehmen typisch sind und in Kirchen eher befremdlich wirken. Die Kirche orientiert sich immer mehr an der ökonomischen Sprache und Logik, anstatt ihre eigene Sprache und Logik zu verwenden.

Kirche in der Finanzkrise?

Schon seit einigen Jahren weisen Kirchen öffentlich auf ihre missliche finanzielle Lage aufgrund sinkender Steuererträge und Mitgliederzahlen hin. Kirchen, die sich mitunter auf ihren Internetseiten offensiv als Dienstleistungsunternehmen präsentieren, scheinen immer mehr die Nähe zur Wirtschaft zu suchen. Vor allem in ihren Reformpapieren verwenden kirchliche Organisationen die Sprache der Betriebswirtschaftslehre ausgiebig. So vergleicht sich beispielsweise die Evangelische Kirche Deutschland in ihrem Reformpapier «Kirche der Freiheit» auffallend oft mit Wirtschaftsorganisationen. Die Kirche orientiert sich hier selbst primär an der ökonomischen Sprache und Logik, anstatt ihre eigene Sprache und Logik zu verwenden. Erhofft sie sich so mehr Resonanz und gesamtgesellschaftliche Akzeptanz? Eine alternative Erklärung für den angeblichen Trend zur Ökonomisierung hält die Organisationsforschung parat.

Die skandinavischen Organisationsforscher Nils Brunsson und Kerstin Sahlin-Andersson betrachten Reform-programme, die sich unter der Überschrift New Public Management in den vergangenen Jahren besonders erfolgreich verbreiten konnten, nicht in erster Linie als Trend zur Ökonomisierung, sondern demonstrieren so die soziale Wirkmacht des Modells formaler Organisation. Reformversuche im öffentlichen Sektor sind für Brunsson und Sahlin-Andersson ein Indiz für die zunehmende Organisationswerdung sozialer Einheiten. Damit ist gemeint, dass soziale Einheiten wie Universitäten, Schulen oder Krankenhäusern neuerdings als entscheidungsfähige Akteure konstruiert werden, die über eigene hierarchische Strukturen verfügen und eine eigene Identität besitzen.

Obwohl es in den Organisationswissenschaften unterschiedliche Auffassungen über Organisationen gibt, herrscht doch einigermaßen Konsens darüber, was formale Organisationen sind und was sie gegenüber anderen sozialen Einheiten auszeichnet. Rationalität, Hierarchie und eine erkennbare Identität als Organisation zählen auf jeden Fall dazu. Reformen sind deshalb primär Organisationsreformen und stellen für die Organisationsforscher Versuche zur Vervollständigung bislang unvollständiger Organisationen dar.

Die Kirche der Moderne ist, genauso wie die Universität, ein Hybrid zwischen Institution und Organisation.

Die «Vervollständigungs»-These findet zumindest in der angewandten Hochschulforschung und Ratgeber-Literatur ihre Bestätigung: Hier überwiegen so genannte Defizitbeschreibungen. Um Defizite oder – positiv formuliert – die Besonderheiten des Organisationstyps Hochschule herauszustellen, dient meistens das Unternehmen als implizite Vergleichsfolie. Unternehmen verfügen nämlich über eine eindeutige Identität, die sie der Öffentlichkeit präsentieren können, und – zumindest auf dem Papier – über klare Hierarchien und effiziente Entscheidungs-prozesse. Reformversuche im Wissenschaftsbetrieb der vergangenen Jahre illustrieren, inwiefern einzelne Aspekte des Modells der formalen Organisation konstruiert und zunehmend betont werden. Die vieldiskutierte Organisationsschwäche von Universitäten wird oft als Makel angeführt, dabei könnte sie aber auch als ihre eigentliche Stärke betrachtet werden. Und genau darin, so die These dieses Beitrags, ähneln sich Universitäten und Kirchen. Statt in ihren Reformpapieren bloß nach Unternehmen zu schielen, könnten Kirchen und Universitäten voneinander lernen.

Die Kirche der Moderne ist, genauso wie die Universität, ein Hybrid zwischen Institution und Organisation. Damit ist gemeint, dass Kirchen wie die evangelische Kirche institutionelle, d.h. nicht frei variierbare Grundlagen haben, die sich ausserhalb der Reichweite organisatorischer Entscheidungen befinden, die heutzutage oft unter Kosten-gesichtspunkten getroffen werden. Doch das Problem ist nicht die Finanzkrise der Kirche. Die eigentliche Kirchen-krise scheint mir im Überhandnehmen der Organisationsperspektive zu bestehen. Kirche ist und sollte nicht bloß eine organisierte Veranstaltung sein. 

Weitere Blogs aus dieser Reihe

Luzerner Organisationsforschung Teil 1: Warum die Universität so oft aneckt

Luzerner Organisationsforschung Teil 2: Wen interessiert schon der Demographische Wandel?

Luzerner Organisationsforschung Teil 3: Kreativität in der Mode

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