Warum die Universität so oft aneckt
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(Bild: Judith Nyfeler)

Luzerner Organisationsforschung Warum die Universität so oft aneckt

4 min Lesezeit 16.10.2014, 09:43 Uhr

Für protestierende Studierende, reformorientierte Politiker und Management-Enthusiasten sind Universitäten ein «zäher Brocken». Woran liegt das? Dieser Frage geht Raimund Hasse, Professor für Soziologie an der Universität Luzern auf den Grund.

Prof. Dr. Raimund Hasse und Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

(Luzerner Organisationsforschung Teil 1)

Universitäten zählen zu einem sehr alten Organisationstypus, der sich seit 200 Jahren rasant ausbreitet und mittlerweile auch, in relativ entlegenen Regionen, angekommen ist. Sie erfreuen sich extremer Beliebtheit bei Studierenden und deren Eltern, denen eine gute Ausbildung ihrer Kinder am Herzen liegt. Zugleich ist in Politik und Gesellschaft die Überzeugung gewachsen, die grossen Probleme der Gegenwart könnten vor allem auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschung und Bildung gelöst werden. Universitäten scheinen insofern unverzichtbar zu sein. 

Zu den bemerkenswerten Auffälligkeiten der weltweiten Erfolgsgeschichte von Universitäten zählt, dass sich ihre Grundzüge im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte nur wenig verändert haben. Nach wie vor geht es in erster Linie um Forschung und Lehre und noch immer sind Universitäten nach Fachgebieten wie Theologie oder Rechtswissenschaft organisiert (und nicht etwa nach «Serviceaufgaben» wie BA-Studium, Grundlagenforschung oder Weiterbildung) und stets werden Universitäten und ihre Abteilungen in Form von Fakultäten, Instituten und Seminaren von Wissenschaftlern (aber zunehmend auch von Wissenschaftlerinnen) geleitet, wenngleich die Zunahme an Verwaltungs- und Organisationsaufgaben zur vermehrten Einstellung nicht-wissenschaftlichen Personals geführt hat. 

Diese Stabilität hat praktisch immer schon provoziert: «Unter den Talaren, der Muff von 1000 Jahren», skandierten vor Jahrzehnten die Studentenproteste. Heute beherrschen andere Forderungen die Agenda. Man erwartet z.B. eine stärkere wirtschaftliche Orientierung, mehr Dienstleistungs-Spirit oder strafferes Management. Wie es scheint, sind Universitäten aber relativ träge. Nur ungern lassen sie sich auf derartige Forderungen ein.

Für protestierende Studierende, reformorientierte Politiker oder auch für Management-Enthusiasten sind Universitäten deshalb ein «zäher Brocken».

Hinzu kommt, dass Universitäten mit ihrer Trägheit ausserordentlich erfolgreich sind. Jedenfalls kommt es nur in seltenen Ausnahmefällen zur Auflösung oder Übernahme bestehender Universitäten und wenn doch, dann trifft es vor allem diejenigen, die sich zuvor zu stark an vorherrschende Erwartungen angepasst haben.

Für Aussenstehende ist das Erfolgsrezept der Trägheit zuweilen ein Ärgernis. Hinzu kommt, dass Universitäten der Entdeckung und Vermittlung von Innovationen verpflichtet sind. Eine Universität, die nicht ausprobiert und experimentiert, hat etwas falsch gemacht; Experimente, die nie misslingen, sind zu vorsichtig angelegt; und neues Wissen, das nicht zu Irritationen und Verunsicherungen führt, ist letztlich bedeutungslos.

Erfolgreiche und gute Universitäten müssen insofern innovativ sein. Sie sind verpflichtet, Bestehendes in Frage zu stellen und anzuecken. 

Wie es scheint, gelingt es der Universität Luzern sehr gut mit dem Anecken. So hat man bei der Lektüre der regionalen Medienlandschaft stets den Eindruck, bei Universitätsthemen lasse sich der Auftrag kritischer Berichterstattung gut erfüllen. Vermeintliche Missstände werden breitwillig aufgegriffen und in Auseinandersetzungen scheinen stets die Voten der Gegener universitärer Positionen zu überzeugen. Auch wenn es um Unterstützung seitens der Politik oder um Verlautbarungen der Wirtschaftsverbände geht, wird deutlich, wie zögerlich die Unterstützung ist.

«Zu teuer», «zu gewagt», «zu gross» oder «passt nicht in die Region» lauten im Regelfall die Bedenken. Woran liegt das?

Organisationswissenschaftlich gibt es eine einfache Erklärung. Sie lautet: Weil die Universität neu ist und weil das politische, wirtschaftliche und mediale Umfeld der Region nur wenig vertraut ist mit Universitäten. Für die Universität Luzern würde demnach etwas gelten, was nicht nur andere Universitäten erfahren haben, sondern was praktisch bei allen neuen Organisationen zutrifft.

Die Organisationstheorie spricht hier von einer «liability of newness», d.h. von einer besonderen Gefährdungslage neuer Organisationen.

Neue Organisationen haben demnach noch keine guten Kontakte zu relevanten Anspruchsgruppen aufbauen können und ihre Repräsentanten verfügen über vergleichsweise schlechte persönliche Netzwerke, so dass sie um Unterstützung kämpfen müssen.

Die sog. liablility of newness kann der Theorie zufolge nur durch besonderen Einsatz ausgeglichen werden. Zugleich können neue Organisationen tatsächlich vergleichsweise leistungsstark sein, weil sie weniger Rücksicht auf bestehende Netzwerke und Kontakte nehmen müssen. In den USA ist dieser für junge Organisationen typische Zusammenhang von hoher Effizienz und geringer Unterstützungsbereitschaft in sehr unterschiedlichen Bereichen untersucht worden – auch in der Industrie und sogar bei Bierbrauereien und Gewerkschaften. Übertragen wir die hier gewonnene empirische Erkenntnis, so erhalten wir eine organisationswissenschaftliche Erklärung für das häufige Anecken der Universität. Es ist aber nicht die einzige.

Weitere Blogs aus dieser Reihe: 

Teil 2: Wen interessiert schon der Demographische Wandel? 

Teil 3: Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird.

Teil 4: Was Managementkonzepte in der Kirche machen

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