Warum die Qualitätssicherung in der Spitex zwei Gesichter hat

4 min Lesezeit 11.04.2015, 09:56 Uhr

Der Unterhalt von Qualitätssicherungssysteme bedeutet einen nicht zu unterschätzenden administrativen und organisatorischen Aufwand für die Mitarbeitenden. Was dies für die Spitex Betriebe heisst, zeigen die Ergebnisse einer organisationssoziologischen Masterarbeit der Universität Luzern.

Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

Luzerner Organisationsforschung (Teil 6)

Qualitätssicherungssysteme dienen Organisationen unter anderem dazu, ihr Handeln gegenüber ihren Anspruchsgruppen zu rechtfertigen. Der Unterhalt solcher Systeme bedeutet dabei einen nicht zu unterschätzenden administrativen und organisatorischen Aufwand für die Mitarbeitenden. Was dies für sechs Spitex Betriebe in einem Kanton in der Deutschschweiz heisst, zeigen die Ergebnisse einer organisationssoziologischen Masterarbeit der Universität Luzern.

Die Qualitätssicherung bei der Spitex

Qualitätssicherungssysteme können als Managementinstrument verstanden werden, welches Organisationen mit «Best-Practice»-Lösungen zur Strukturierung ihrer Arbeitsprozesse versorgt. Einerseits gibt es internationale Qualitätssicherungssysteme, wie ISO 9000, die in Unternehmen aller Art anwendbar sind. Andererseits gibt es Varianten, wie bei der Spitex, welche regionale oder organisationsspezifische Gegebenheiten in den Systemanforderungen berücksichtigen.

Um das System auf die Betriebe abzustimmen, werden diese stark in dessen Entwicklung miteinbezogen. Nebst einer detaillierten Dokumentation betrieblicher Kennzahlen sind die Mitarbeitenden beauftragt, allgemein formulierte Qualitätsanforderungen in betriebsspezifische Richtlinien umzusetzen. Die Tätigkeiten die sie dabei verrichten, und die das Ergebnis des entstehenden Systems mitgestaltet, wird von Organisationssoziologen als «institutionelle Arbeit» bezeichnet.

Dabei unterscheidet man zwischen Arbeitsformen, die das System (oder Teile davon) stärken, die es verändern oder die es unterbinden wollen. Je nachdem, welche Formen die Arbeit in spezifischen Betriebsbereichen annimmt, zeigt sich, was die Einführung der Qualitätssicherung für die Betriebe bedeutet und wo Spannungen mit bestehenden Strukturen auftreten können.

Einer zu detaillierten Dokumentationspflicht steht man kritisch gegenüber.

Engagiert sind die befragten Spitex Betriebe insbesondere, wenn es um die Weiterentwicklung der Pflege geht. Einer zu detaillierten Dokumentationspflicht steht man kritisch gegenüber. Dieser Mehraufwand muss von den Pflegenden und/oder der Betriebsleitung meist innerhalb eines gleich bleibenden Arbeitspensums erledigt werden und tangiert daher die Zeit für die Pflege. Besonders kleinen Betrieben fehlt neben ihrem Alltagsgeschäft dazu teilweise die Zeit.

Grosse Betriebe vs. kleine Betriebe

Dennoch muss jeder Betrieb, klein oder gross, die gleichen Anforderungen erfüllen. Vieles scheint für Kleinbetriebe übertrieben, denn deren Vorteil liegt gerade in ihrer Flexibilität und einem geringeren Bedarf an schriftlichen und rigiden Prozessen. Damit «nicht jeder das Rad neu erfinden muss» tauschen grosse und kleine Spitex Betriebe, mit Unterstützung des Verbands und des Gesundheitsdepartements, Qualitäts-Vorlagen aus. Gegen übermässige Formalitäten wehrt man sich aber auch in grossen Betrieben, auch weil insbesondere ältere Patienten durch die Konfrontation mit komplizierten Einwilligungserklärungen verunsichert werden. Oft fehlt auch Wissen im Umgang mit der Qualitätssicherung, welches nicht im Fachgebiet der Spitex Angestellten liegt. Man befürchtet, dass es wie in den Spitälern aus Frustration zu einer Abwanderung von gutem Pflegepersonal kommen könnte. Weiterbildungen oder Autodidaktik werden nötig. Oder es muss teures Personal eingestellt werden, welches sich um die administrativen Aufgaben kümmert.

Die Schaffung neuer Stellen für die Qualitätssicherung ist aber die Ausnahme, da diese erst von den Gemeinden bewilligt werden müssten. Dort stossen die Spitex Betriebe oft auf taube Ohren, weil der tatsächliche Aufwand für die Qualitätssicherung nicht bekannt ist. Vermehrt beobachtet man nun Fusionen weniger rentabler Spitex Stellen, um Kosten durch zentrale Koordination zu sparen. Aber, so eine Befragte die sich mit fusionierten Betrieben auskennt: «Man spart null Kosten es kostet mindestens gleichviel, aber die Qualität ist besser». Je grösser die Organisation desto grösser wird der administrative Aufwand. Dafür werden Prozesse für eine einheitliche Arbeitsweise genau definiert.Vereinfachen, nicht verkomplizieren scheint der Wunsch der Mitarbeitenden.

Aus Angst fusionieren zu müssen, kann es allerdings zu Konkurrenzdenken kommen, welches den Austausch unter den einzelnen Betrieben hemmt.

Dennoch: Die Spitex Betriebe schätzen ihre Eigenständigkeit. Sie begrüssen aber die gemeinsame, übergreifende Erarbeitung von Unterlagen für die Qualitätssicherung und wünschen sich Strukturen, die dies begünstigen. Aus Angst fusionieren zu müssen, kann es allerdings zu Konkurrenzdenken kommen, welches den Austausch unter den einzelnen Betrieben hemmt. Man will geleistete Arbeit nicht verschenken, um im innerkantonalen Vergleich anhand der Betriebskennzahlen nicht schlechter abzuschneiden. So scheint die Qualitätssicherung in der Spitex zwei Gesichter zu haben. Weiterkommen und auf dem neuesten Stand der Forschung pflegen will man, aber auch eigenständig bleiben und nicht in den Formalitäten ertrinken. Vereinfachen, nicht verkomplizieren scheint der Wunsch der Mitarbeitenden.

Eine internationale Erfolgsgeschichte

Schaut man international, so findet man Modelle in der ambulanten Pflege, die sich genau dieser Problematik angenommen haben. Eine internationale Erfolgsgeschichte schreibt dabei eine holländische Organisation. Mit halb so hohen Kosten im Vergleich zu zentral koordinierten Pflegeorganisationen (Studie EY) erreicht sie landesweit eine sehr hohe Mitarbeitenden- und Patientenzufriedenheit. Dabei fällt die strukturelle Ähnlichkeit dieser Organisation mit der ursprünglichen Organisationsform der Spitex auf. Organisationssoziologen interessieren sich nun beispielsweise dafür, ob und wie so ein Modell mit den strukturellen und kulturellen Gegebenheiten der Schweiz kompatibel wäre und wie Organisationen mit gleichen Zielen unter unterschiedlichen institutionellen Bedingungen von einander lernen können.

Weitere Blogs aus dieser Reihe: 

Teil 1: Warum die Universität so oft aneckt

Teil 2: Wen interessiert schon der Demographische Wandel?

Teil 3: Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird.

Teil 4: Was Managementkonzepte in der Kirche machen

Teil 5: Luzerner Zünfte – Wirtschaftsmotor oder Spasshaufen?

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