Luzerner Zünfte – Wirtschaftsmotor oder Spasshaufen?
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Viele Luzerner Geschäfte sind Mitglieder bei den Zünften. Die Fahne vereint die vier Wappen der «Wey-Zunft», der «Zunft zu Safran», der «Maskenliebhaber» und der «Gesellschaft Fidelitas Lucernensis». (Bild: Thomas Tobler)

Luzerner Zünfte – Wirtschaftsmotor oder Spasshaufen?

6 min Lesezeit 25.02.2015, 12:10 Uhr

Feuchtfröhliche Feste, derbe Sprüche und dabei noch fix den Jahresumsatz des eigenen KMUs aufbessern. Für viele Aussenstehende sind dies die Bilder, die man spontan mit den Luzerner Zünftlern assoziiert. Aber ein genauerer Blick lohnt sich.

Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

Luzerner Organisationsforschung (Teil 5)

Die sogenannten rüüdigen Tage in Luzern sind vorbei: Die Fasnacht 2015, laut, bunt und chaotisch, ist passé. Über die Fasnacht zu schreiben, ist, als würde man ein Wo-ist-Walter-Bild beschreiben: Links unten hält ein Politiker eine Rede zur kulturellen Bedeutung der Fasnacht, in der Mitte tanzt eine Meute um eine Guggenmusik und rechts am Rand kotzt sich einer die Seele aus dem Leib. Beschränken wir uns also auf ein Element der Fasnacht: Die etablierten Herren, in den vornehm-schwarzen Anzügen. So werden die Zunftbrüder der Zunft zu Safran in der Luzerner Kantonschronik 2013 beschrieben. 

Mit der fünften Jahreszeit, wie die Fasnacht auch beschrieben wird, kommt im Raum Luzern auch die Zeit, in der sich die Zünftler der Zunft zu Safran, der Wey-Zunft oder der Krienser Gallizunft wieder der Öffentlichkeit präsentieren. Dabei ist die Fasnacht eigentlich nur eines von vielen Ereignissen im Zunftjahr. Aber was sind das für Leute?

Die Geschichte der ältesten Zunft in Luzern, der Zunft zu Safran, reicht weit zurück bis ins Mittelalter. Die Safranzunft war damals ein Gewerbeverband. Wer am lokalen Marktgeschehen teilhaben wollte, musste bei der Zunft zu Safran assoziiert sein (es herrschte ein Zunftzwang, die Unternehmen mussten sich in dieses Netzwerk einkaufen).

Aus organisationssoziologischer Sicht macht die Existenz von Zünften heute eigentlich, banal gesagt, keinen Sinn. Vergleichsweise spät wurde in der ganzen Schweiz die Gewerbefreiheit eingeführt. Dies hatte zur Folge, dass Unternehmen, Krämer und Handwerker nicht mehr länger dem Zunftzwang ausgesetzt waren. Durch diese Öffnung der lokalen Märkte, war eine Zunftmitgliedschaft eigentlich hinfällig. Trotzdem existiert die älteste Zunft der Stadt Luzern, die Zunft zu Safran, weiter. Aber warum hat sich die Zunft als Organisation gehalten und allen Widrigkeiten der Industrialisierung und der Modernisierung des 20. Jahrhunderts widersetzt?

Die Zunft: Ein Kind ihrer Zeit

Eine Antwort: Die Zunft nimmt immer noch wichtige gesellschaftliche aber auch wirtschaftliche Aufgaben wahr. Diese umfassen neben der Pflege denkmalgeschützter Einrichtungen und dem Erhalt einer Tradition auch informelle Bereiche. Der ehemalige Gewerbeverband aus dem Mittelalter ist auch heute noch ein Zusammenschluss lokaler Unternehmer und Wirtschaftsvertreter. Im Rahmen meiner Masterarbeit im Schwerpunkt Organisation und Management habe ich mich näher mit Zünften und Clubs beschäftigt und dabei interessante Dinge herausgefunden. Die grosse Mehrheit der Zünftler, rund 38 Prozent, besitzen ein eigenes Geschäft. Die Geschäftsfelder haben sich dabei der Zeit angepasst: Was früher der Krämer war, ist heute der Treuhänder oder Unternehmensberater. Den vermeintlich grössten Teil der Zünftler machen allerdings nach wie vor die Handwerker und Händler aus (nämlich knapp einen Fünftel).

In der Zunft zu Safran trifft sich das Who-is-Who der Luzerner Wirtschafts- und Politszene. Freilich nur Bürgerliche. Die politische Gesinnung ist eine von mehreren Aufnahmekriterien. Daneben wird ein Neuzünftler bei seiner Aufnahme von einem siebenköpfigen Gremium auf Motivation, Hintergrund und Ideologie geprüft. Die Kandidaten werden dabei «gegrillt», wie ein ehemaliger Zunftmeister mal sagte, schliesslich müsse der Bewerber auch zur Zunft passen. Hat man diese Hürde genommen, ist allerdings noch nichts erreicht. Nun folgt eine dreijährige Bewährungszeit, in welcher die Jungzünftler die Alteingesessenen bedienen, Festzelte aufbauen oder Theater für die Anlässe einstudieren. Eine Aufnahme in die Zunft zu Safran ist vergleichbar mit einem mehrstufigen Auswahlverfahren eines multinationalen Unternehmens.

Friends with benefits

Der Altersdurchschnitt in der Zunft zu Safran liegt etwas über 59 Jahre. Die Spanne reicht dabei von 27 bis 96. In der Regel versteht sich die Zunftmitgliedschaft auf Lebenszeit. Wenn man die Zunft verlässt, dann in der Horizontalen, meinte ein Zünftler dazu. Entscheidet man sich, der Zunft beizutreten, braucht man zuerst zwei Personen, die in der Zunft für die eigene Person bürgen. Übersteht man das Aufnahmeverfahren, folgen rund drei Jahre, in welchen die neuen Zünftler für die Bewirtung an Festen, den Aufbau von Infrastruktur oder die Unterhaltung zuständig sind. Erst nach dieser «Probezeit» gelten die Zünftler als endgültig aufgenommen. Die Zunft ist so organisiert, dass der Eintrittsjahrgang eine Kohorte bildet. Die neuen Zünftler müssen in ihren Anfangsjahren gemeinsam «unten durch», das schweisst sie zusammen. In der Zunft würden Freundschaften entstehen, die ein Leben lang halten, so der Tenor. Dabei stellt die Fasnacht nicht einmal das wichtigste Ereignis im Jahreskalender dar. Der Terminplan der Zünftler beinhaltet mehrere Treffen im Monat, je nach Position des Zünftlers. Ein Zunftmeister hat mit bis zu 200 Anlässen im Jahr zu rechnen. Der enorme Zeitaufwand wird von den Zünftlern allerdings nicht als belastend angesehen. Vielmehr bilden sich so verschworene Gruppen mit eigenem Selbstverständnis innerhalb der Zunft. Das markanteste Beispiel sind die Zunft-Grenadiere, die häufig bei festlichen Anlässen zum Einsatz kommen. Diese konstituieren sich folgendermassen: Ein ausscheidender Grenadier schlägt einen Nachfolger vor. Alle übrigen Grenadiere müssen mit diesem Nachfolger einverstanden sein, ansonsten wird dieser nicht gewählt.

Zunft als Statthalter für die Kreditwürdigkeit

Dass die Zunft auch ein wirtschaftliches Netzwerk von potentiellen Kunden und Verkäufern darstellt, erstaunt nicht. Die Zunft ist in dieser Hinsicht ihren Wurzeln eines Gewerbeverbandes treu geblieben. Ein wesentlicher Aspekt der Zunft ist die Rolle als Sicherheitsgarant für die Kredit- und Glaubwürdigkeit ihrer Mitglieder. Wer in der Zunft aufgenommen wurde, wurde geprüft und befindet sich fortan in einem Netzwerk, das einem auch bei finanziellen Schwierigkeiten über die Runden hilft. Diese Tatsachen sind keineswegs zunftspezifisch. So beschreibt der Soziologe Max Weber bereits im Jahr 1910, wie amerikanische Baptisten ihre Aspiranten vor dem Eintritt detailliert überprüfen. «Wirtshausbesuch, Beziehungen zu Damen, Kartenspiel, […] alle nicht bezahlten Dinge […] werden herausgesucht, ehe er die Taufe erreichen kann» (Weber 1910: 442). Weiter bringt Weber das Beispiel eines Nasenspezialisten, der von seinen amerikanischen Patienten jeweils vor der Behandlung auf ihre Vereinsmitgliedschaft aufmerksam gemacht wird. Das Ziel der Patienten war damals der Beleg ihrer Kreditwürdigkeit, für die ihr Verein Statthalter war.

Dieses System der totalen Hingabe, der immense Zeit- (und in manchen Fällen auch Geld-)Aufwand und die systematische Verbrüderung führen dazu, dass die Zunft aus organisationstheoretischer Sicht eine bodenlose Quelle für soziales Kapital darstellt. Mit sozialem Kapital ist dabei die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen und dem gegenseitigen Kennen und Anerkennen verbunden sein können, gemeint (vgl. dazu Pierre Bourdieu 1983). Gemäss Bourdieu kann dieses soziale Kapital, das aus den unterhaltenen Beziehungen entsteht, auch in kulturelles Kapital oder Geld transformiert werden.

Soziales Kapital in der Zunft zu Safran

In dem Buch «Das soziale Kapital der Schweiz» (2014) untersucht der Soziologe Markus Freitag das Vorkommen von diesem so genannten sozialen Kapital in der Schweiz. Er kommt zum Schluss, dass das soziale Kapital letztlich der Kitt für ein funktionierendes Zusammenleben der Schweizer Gesellschaft ist und warnt: Soziales Kapital nehme vor allem in Städten immer mehr ab. Das kann Folgen haben. Wo das Sozialkapital hoch ist, liegt die Arbeitslosigkeit tief, konstatiert Freitag. Wo man sich noch kennt, ist der soziale Zusammenhalt demnach noch stärker. Das Wesen der Zunft zu Safran steht stellvertretend für einen Vereinstyp, der auch heute noch in dieser Form sehr verbreitet ist. Die Vernetzung von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft oder Kunst ist das zentrale Merkmal von Rotary Clubs, BNI-Meetings, Lions Clubs oder Kiwanis. Diese Organisationen weisen häufig karitative Elemente auf und sind meist nicht profitorientiert, dienen aber dennoch auch der wirtschaftlichen Vernetzung. Trotzdem: Was bei der Zunft zu Safran im Vordergrund zu stehen scheint, ist das Kollegiale und Brüderliche. Meist im Zusammenhang mit gegarten oder gebrannten Säften, wie sich vor allem in fasnächtlichen Zeiten beobachten lässt.

 

Weitere Blogs aus dieser Reihe: 

Teil 1: Warum die Universität so oft aneckt

Teil 2: Wen interessiert schon der Demographische Wandel?

Teil 3: Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird.

Teil 4: Was Managementkonzepte in der Kirche machen

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