Kreativität in der Mode
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Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird. (Bild: creative commons)

Kreativität in der Mode

4 min Lesezeit 17.12.2014, 17:33 Uhr

Weshalb das Modehaus Chanel nach dem Tod von Coco Chanel nicht unkreativ wird.

Mitarbeiter der Universität Luzern schreiben für den Wirtschafts-Blog Beiträge zur Luzerner Organisationsforschung.

Luzerner Organisationsforschung (Teil 3)


Modehäusern eilt oft der Ruf eines in der Öffentlichkeit durchaus bekannten Gesichts voraus: das, des Designers. Diese Aushängeschilder verkörpern eine geballte Ladung Kreativität. Sie sind verantwortlich für den Ruhm der Häuser, entwerfen regelmässig erfolgreiche Kollektionen und mit ihnen steht und fällt das Unternehmen. So scheint es jedenfalls zu sein. Doch wenn dem so wäre, weshalb ist Chanel noch immer eines der bekanntesten und erfolgreichsten – kreativsten? – Häuser der Modewelt, auch wenn seine Gründerin Gabrielle «Coco» Chanel schon vor mehreren Jahrzehnten gestorben ist?

Kreativität ist ein weit gestreuter Begriff, für den sich seit den 1950er-Jahren vermehrt auch die Wissenschaft interessiert. Mit dem «Sputnik-Schock» wurde die Kreativitätsforschung 1957 eingeläutet. Die Psychologie versuchte als erste Kreativität zu erklären. Schnell wurde klar, dass Kreativität nicht nur von Intellekt und Kognition abhängt, sondern dass auch das Umfeld die Kreativperformance eines Menschen beeinflusst. Kreativität wurde Gegenstand sozialpsychologischer Forschung.

Auch in der Organisationsforschung wird Kreativität nun zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt und Themen wie Kreativität und Interaktion, Ressourcen oder die Formalität einer Organisation sind Beispiele für organisationstheoretische Auseinandersetzungen in der Kreativitätsforschung. Wie Kreativität als soziales Phänomen beschrieben werden kann und wie Kreativität kollektiv entsteht, rücken zunehmend ins Zentrum. Ich will nun kurz mögliche Erklärungsweisen skizzieren.

Bei verschiedenen Unternehmen steht Kreativität in irgendeiner Weise auf dem täglichen Programm: Anwälte lösen Fälle und wenden das Recht auf sie an, Architekten zeichnen zur Umwelt passende Entwürfe, Geologen suchen nach Ölfeldern, manchmal auch da, wo kein Erdöl mehr erwartet wird, und Designer kreieren neue Stile. Diese Beispiele haben drei zentrale Merkmale gemeinsam: Erstens wird kreativ nach Lösungen, Vorschlägen und Entwürfen gesucht und das nicht im stillen Kämmerchen, sondern in Gruppenräumen und Teams. Zweitens wird von «aussen» bestimmt, was als kreativ gilt und was nicht. Der «relevante Andere», der Teil der organisationalen Umwelt ist und Wissen und Erwartungen an die Organisation heranträgt, definiert wie sich Kreativität auszudrücken hat. Daraus resultiert drittens, dass Kreativschaffende weniger einem «Genie» gleichen, sondern vielmehr eine Aufgabe im ganzen Prozess übernehmen und somit zwar geübt sind, aber austauschbar werden. Auf diese drei Punkte will ich nun eingehen.

Kreativität als eine alltägliche Aktivität zu verstehen, bedeutet auch, dass Teams Kreativität erlernen und kollektiv trainieren können. Kreativitätshervorbringung wird dadurch ermöglicht, dass alle Beteiligten ihren Beitrag zu einem (zielgerichteten) Prozess leisten. Wie erahnt werden kann, besteht dieser Prozess nicht nur aus den kreativsten Menschen mit den kreativsten Ideen, sondern umfasst alle Grade an (kreativer und nicht so kreativer) Arbeit. Ebenso wird Kreativität wie andere alltägliche Aktivitäten auch oft mittels Routinen und standardisierten Teilprozessen hervorgebracht. Obwohl das Muster, die Farbwahl und der Schnitt eines Kleidungsstücks in der Designabteilung ausgewählt und entwickelt werden, so wünscht man sich keine «kreativen» Utensilien, mit Hilfe derer der Stoff gewoben, zugeschnitten oder vernäht wird.

Der zweite Punkt adressiert die Frage, wie Kreativität wahrgenommen und definiert wird. Organisationen finden in ihrer Umwelt ein «Gegenüber», in der die «relevanten Anderen» zu verorten sind. Was kreativ ist wird in erster Linie nicht vom Unternehmen bestimmt, sondern ist als Kompatibilität zwischen Erwartungen in der Umwelt und dem Hervorgebrachten zu verstehen. Eine unabhängige Definition von Kreativität gibt es folglich nicht, denn mit den sich verändernden Erwartungen in der Umwelt, ändert sich auch das Verständnis davon, was als kreativ wahrgenommen wird.

Die oben aufgeführten Punkte treffen jedoch nicht nur auf Kreativität in Unternehmen zu. Auch an Universitäten und in der Wissenschaft allgemein wird von Kreativität gesprochen. An der Uni in Luzern findet täglich Kreativität statt: Beim Ausdenken von Forschungsfragen, bei der Anwendung von Recherche-Möglichkeiten wie auch während der Lehre. Was hat nun Kreativität in der Mode mit derjenigen an der Uni in Luzern zu tun?

Kreativität kann organisiert und überliefert werden

Sowohl aufgrund der Möglichkeit, dass Kreativität organisiert und überliefert werden kann, wie auch der sozial und kulturellen Bedingtheit dessen, können Kreativschaffenden in Organisationen ersetzt werden. Das Zu- und Abwandern von Designern und Wissenschaftlern ist eine übliche Begebenheit und spricht dafür, dass Kreativität als Teil der Organisationsgeschichte – und des Erfolgs verstanden werden sollte. Somit kann erklärt werden, weshalb die Organisation der Kreativität und deren Hervorbringung sozialer Natur ist, die seine ersten Grundzüge in den Ideen eines Individuums haben mag, die Umsetzung aber kollektiv erzeugt wird.

Dank des Bedingungsgeflechts und der Kontextgebundenheit lebt das kreative Flair des französischen Modehauses weiter – auch ohne den ursprünglichen «créateur».


Weitere Blogs aus dieser Reihe

Teil 1: Warum die Universität so oft aneckt

Teil 2: Wen interessiert schon der Demographische Wandel?

Teil 4: Was Managementkonzepte in der Kirche machen

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