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Spitzensport, aber untauglich fürs Militär?
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Linus Bolzern beim leisten seiner Diensttage in der Spitzesport-RS. (Bild: Linus Bolzern)

Mein Kampf gegen die Armee Spitzensport, aber untauglich fürs Militär?

4 min Lesezeit 1 Kommentar 16.07.2019, 11:33 Uhr

Ich will ins Militär. Die Spitzensport-RS ist der erste und wichtigste Schritt zum Profisportler in der Schweiz. Das Militär will mich nicht. Untauglich. Ich will trotzdem. Ein Kampf gegen die Armee.

Mein halbes Leben lang fahre ich Kanu. Mein ganzes Leben lang leide ich nun an Zöliakie. Das Paddeln macht mir wahnsinnig Spass. Meine kleine Autoimmunerkrankung weniger. Aber man gewöhnt sich daran. Nie hat mich meine Krankheit an etwas gehindert, bis die nette Einladung zum Orientierungstag des Militärs in meinem Briefkasten landete.

Die Spitzensport-RS

Vor neun Jahren bin ich zum ersten Mal in einem Kanu gesessen. Als ich mich an meiner ersten Kanuclub-GV vorgestellt habe, sagte ich, ich wolle Rennen gewinnen. Ich wurde belächelt. Vor sieben Jahren gewann ich meinen ersten Schweizermeistertitel. Vor drei Jahren eine Medaille an der Junioren-EM.

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Letztes Jahr habe ich entschieden, dass ich Spitzensportler werden will. Der erste Schritt dazu: die Spitzensport-RS. Wer das harte Aufnahmeverfahren übersteht, erhält beste Sportförderung. Als Sportsoldat verbringt man einen grossen Teil seiner Militärzeit damit, im Sportzentrum Magglingen zu trainieren. Dies hat zwei Vorteile: Erstens absolviert man seinen Militärdienst, was allein für manchen Sportler trainingstechnisch ein grosses Hindernis darstellt, und zweitens: Für das Training, das man «in grün» absolviert, erhält man Erwerbsersatz, sprich Geld. Letzteres ist vor allem in den Randsportarten ein klarer Vorteil.

Die Zöliakie

Entdeckt wurde die Zöliakie 1950. Seither geht es den Menschen, die darunter leiden, wesentlich besser. Wir Zöliaken sprechen schlecht auf das Protein Gluten an, welches in vielen Getreiden enthalten ist. Das Resultat ist Bauchweh, Durchfall und in manchen Fällen Erbrechen.

Noch blöder: Das Gluten löst in unseren Bäuchen einen Bürgerkrieg zwischen Darm und dem Körper aus. Der Darm zieht dabei den Kürzeren und wird geschädigt. Die Nahrung kann schlechter vom Körper aufgenommen werden und langfristig verbessert man seine Chancen auf Darmkrebs signifikant.

Eine Heilung oder Medikamente gibt es nicht. Die Lösung ist der völlige Verzicht auf Gluten. In der Militärarzt-Bibel ist Zöliakie unumstritten als Grund für doppelte Militärdienstuntauglichkeit eingestuft. Das ist für mich ein klarer Nachteil.

Ich will trotzdem

Eigentlich ist der Fall klar. Zöliakie und Militär passen nicht zusammen. Ich will aber Spitzensportler werden und setze mich über die Regeln hinweg. Versuche es zumindest. Unbeirrt von den bevorstehenden Hindernissen bestreite ich das Vorstellungsgespräch für die SpiSpoRS (Spitzensport RS) und werde provisorisch aufgenommen. Die erste grosse Hürde ist geschafft. Der Chef der SpiSpoRS will mich, die Militärärzte aber noch nicht. An der Rekrutierung muss ich mich ihnen stellen.

Bis dahin geht es aber noch ein Weilchen. Bevor ich zur Rekrutierung kann, brauche ich die definitive Bestätigung, dass mich der Spitzensport-Stab will. So meine Taktik. Zweimal verschiebe ich die Rekrutierung. Dann ist es so weit. Wer von sich weiss, dass er UT (untauglich fürs Militär) ist, bringt am Anfang der Rekrutierung sein Arztzeugnis und darf wieder nach Hause. Ich tue das nicht und stelle mich der Herausforderung.

Die Herausforderung besteht vor allem darin, in der allergienfeindlichen Atmosphäre einer Kaserne meine Diät durchzuhalten. Sportlich und psychisch bin ich topfit, wie sich herausstellt. Am Ende muss jeder noch zum Militärarzt. Der Härtetest für mich. Ich versuche dem freundlichen Herrn zu erklären, dass ich den grössten Teil meines Dienstes in Magglingen absolvieren werde, wo es eine hochprofessionelle Küche gibt, die gegen jedes Allergen gewappnet ist. Der Herr Doktor ist nicht einsichtig und ich untauglich. Wenn ich nicht einverstanden sei, soll ich Rekurs einlegen. Oh ja, das werde ich.

Der Rekurs

Mit einem Schreiben vom Kanuverband, einer Bestätigung für die Erfüllung der sportlichen Kriterien für die SpiSpoRS und einer zweiseitigen Erklärung, wieso ich in die SpiSpoRS gehöre, reiche ich meinen Rekurs ein. Die Antwort ist eine Einladung nach Bern zum militärärztlichen Dienst.

Vier Stunden warte ich, dann werde ich angehört. In einem kleinen muffigen Raum wird mir ein Platz zugewiesen. Mir gegenüber zwölf Ärzte. Ich erkläre nochmals meine Ausgangslage. Die Zeit während der RS sei organisierbar mit Zöliakie. Doch wie ich mir meinen Dienst im Ernstfall vorstelle, wird eingewendet. Ich überlege kurz. Schliesslich antworte ich, dass wir im Kriegsfall wohl noch andere Probleme hätten, als einen Soldaten mit Bauchweh. Die Ärzte lachen und akzeptieren. Ich bin drin.

Nur einen Monat vor RS-Start werde ich aufgenommen. Die Schuhe kann ich gerade noch abholen vor dem Start und die Namensschilder lassen bis Mitte RS auf sich warten. Doch ich habe es geschafft. Mein Leben als Profisportler kann beginnen.

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1 Kommentare
  1. Daniel Huber, 16.07.2019, 15:55 Uhr

    …und ich hätte damals alles gegeben, um als Untauglich zu gelten!