Niemand kann den Naturgewalten trotzen. Aber herausfordern kann man sie
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Linus Bolzern und Silvan Wyss beim «Wellensurfen». (Bild: lbo)

Das Wochenende der Extreme – die Sicht eines Kanuten Niemand kann den Naturgewalten trotzen. Aber herausfordern kann man sie

6 min Lesezeit 1 Kommentar 07.10.2020, 10:57 Uhr

Freitag: starker Föhn mit heftigen Windböen. Samstag: Enorme Regenfälle und etliche Flüsse haben Hochwasser. Was gibt es da Besseres, als paddeln zu gehen? Für den Luzerner Kanuten Linus Bolzern jedenfalls nichts.

Paddeln ist in einer Hinsicht sehr ähnlich wie Surfen. Je mehr Wellen, desto lustiger. Damit es in der Meer-freien Schweiz Wellen gibt, braucht es entweder Wind auf dem See oder Wasser auf dem Bach. Letzten Freitag und Samstag gab es beides davon. Ich wollte es lustig haben, also paddelte ich an beiden Tagen, bis ich nicht mehr konnte.

Der föhnige Freitag

Schon am Freitag regnet es im Tessin wie aus Kübeln. Das führt bekanntermassen zum berühmten Föhn. Im Tessin regnen sich die Wolken aus und die Luft steigt über die Alpen und bläst auf der Nordseite wieder hinunter. Dabei gewinnt sie viel Energie und das kann so zu sehr hohen Windgeschwindigkeiten führen. Ein Hotspot für alle Föhn-Freunde ist der Urnersee.

Von Flüelen aus lässt es sich bei den richtigen Windbedingungen nach Brunnen surfen und von da aus je nachdem auch noch weiter bis Beckenried oder Buochs. Und genau das ist unser Plan. Mit sogenannten Surfskis, Booten, die speziell fürs Wellensurfen gebaut worden sind, machen wir uns auf den Weg. Zu viert fahren wir von unserer Basis in Beckenried los. Hier ist noch gar nichts von Wind zu spüren. Angesagt waren etwa 40 Knoten Wind mit noch stärkeren Böen.

Zuerst geht’s mit dem Auto nach Flüelen. Dort zeigt sich uns wieder mal, wie unberechenbar Wind ist und dass die Prognosen nicht immer stimmen. Wir wassern in Flüelen ein und freuen uns, dass der Wind perfekt aus der richtigen Richtung kommt. Obwohl er noch nicht so stark ist, kommen wir gut voran, richtige Wellen hat es noch nicht.

Unberechenbarer Wind

Fast in der Mitte, zwischen Flüelen und Brunnen, dreht auf einmal der Wind. Innerhalb von zwei Minuten weht der Wind in die entgegengesetzte Richtung. Na ja, denken wir uns, dann paddeln wir eben gegen den Wind bis Brunnen und surfen dann den ganzen Weg bis nach Flüelen zurück. Beim Schillerstein legen wir eine kurze Pause ein und machen uns auf den Weg zurück.

Doch der Wind hat uns irgendwie verlassen. Nein, nicht nur verlassen, er spielt gegen uns. Keine fünf Minuten nachdem wir losgefahren sind, dreht er wieder und eine Rückkehr nach Flüelen wird unmöglich. Der Wind hat jetzt bestimmt die angesagten 40 Knoten Wind. Die Kursschiffe fahren den Urnersee auf jeden Fall nicht mehr an. Zu stürmisch.

Jetzt geht’s richtig los. Der Wind wird immer stärker. Nur langsam kommen wir gegen ihn an, also entscheiden wir uns, zurück nach Beckenried zu fahren. Als wir wenden, offenbart sich uns das wahre Gesicht des Sturms. Gischt peitscht von den Wellen hoch und die Windböen erzeugen kleine Wasserhosen. In diesen kleinen Wassertornados muss man sein Paddel richtig gut festhalten, sonst fällt man ins Wasser. Es ist extrem eindrücklich.

Das Wetter wird stürmischer. (Bild: lbo)

Paddeln auf dem «Vierwaldstättermeer»

Der Weg von Brunnen nach Beckenried fühlt sich an, als hätte sich der Vierwaldstättersee in ein «Vierwaldstättermeer» verwandelt. Die Wellen sind richtig gross und wenn sie brechen, wird es schon etwas wackelig. Doch genau das haben wir uns gewünscht. Grosse Wellen, perfekt zum Surfen. Wir übernehmen das Prinzip des Autoanhalters. Wir surfen auf einer Welle mit und sobald diese weg ist, schauen wir, wo wir als Nächstes mitreiten können. So geht es immer weiter.

Nach gut drei Stunden kommen wir in Beckenried an. Wir sind alle «fixxie und foxxie», wie mein Paddelkollege Frans so schön sagt. Auf das Mittagessen haben wir den Wellen zuliebe verzichtet. Den knurrenden Magen ertrage ich aber für ein solches Abenteuer gerne.

Der schwimmende Samstag

Doch genug vom Abenteuer habe ich noch lange nicht. Weil Regen im Gotthardgebiet angesagt war, erwarteten wir einen extrem hohen Wasserstand auf der Reuss bei Amsteg. Wir freuten uns auf 200–300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Etwa drei- bis viermal so viel wie normalerweise.

Als wir am Samstagmorgen um 7.00 Uhr aufstehen und den Pegel der Reuss checken, sind wir selbst ein bisschen baff. Mehr als 500 Kubikmeter, Hochwasseralarm in Erstfeld und eine gesperrte A2. Die Reuss ist also keine Option. Viel Wasser ist geil, zu viel Wasser gefährlich.

Doch es hat nicht nur im Süden geregnet. Auch im Entlebuch kübelt es heftig. Der Vorteil: Ein grosser Teil des Regens des Entlebuchs landet in der kleinen Emme. Und das ist unser neues Ziel. Auch die kleine Emme hat Hochwasser, allerdings in einem gemässigten Rahmen.

Wellen, Walzen und Eskimorollen

Dieses Mal bin ich mit meinen vier Wildwasserkollegen unterwegs. Der Wasserstand ist richtig gut und die Wellen im Fluss hoch. Doch heute ist nicht mein Tag. Bereits kurz nach dem Einsteigen muss ich zum ersten Mal rollen. Ich bin nicht gefasst auf eine kleinere Welle und schon bin ich unter Wasser. Mithilfe der Eskimorolle bin ich aber schnell wieder oben. Doch es wird nicht die einzige bleiben heute.

Hohe Wellen auf der kleinen Emme. (Bild: lbo)

Nur fünf Minuten später wähle ich die falsche Linie auf dem Fluss und lande in einer Walze. Eine Walze kann man sich wie eine gebrochene Welle auf dem Meer vorstellen. Sie wirbelt einen herum und man weiss nicht mehr, wo oben und unten ist. Nur dass die gebrochene Welle auf dem Meer irgendwann am Strand ankommt, die Walze auf dem Fluss aber nicht.

Kanu muss verlassen werden

Die Walze bleibt so lange, bis es wieder weniger Wasser hat. Mit dem Kopf unter Wasser versuche ich mich mit der Eskimorolle wieder hochzudrehen. Es klappt, doch ich bin immer noch in dieser elenden Walze und gerade wieder hochgekommen, dreht es mich schon auf die andere Seite und wieder runter. Langsam wird die Luft knapp. Ich versuche nochmals zu rollen, doch es klappt nicht. Ich gebe auf und verlasse mein Kanu.

Ich schwimme nun den Fluss hinunter, doch das ist nicht das Gleiche wie Reussschwimmen oder Aarebööteln. Durch die grossen Wellen schlucke ich immer wieder Wasser und es ist wahnsinnig anstrengend. Am Ufer angekommen, muss ich den Fluss entlang runter joggen. Meine Freunde müssen derweil mein Boot und Paddel retten.

Linus Bolzerns Kollege Samuel Müller beim Paddeln auf der kleinen Emme. (Bild: lbo)

Die Natur ist stärker als wir

Keine einfache Aufgabe. Sie machen das aber souverän. Das Paddel ist geborgen, das Boot auch, aber leider auf der falschen Flussseite. Eine Brücke gibt es keine, also muss ich den Fluss schwimmend überqueren. Immer noch ausser Atem, kostet es mich ziemlich viel Überwindung, nochmals ins braune Wasser zu springen. Doch ich muss. Ich schwimme rüber. Hier nochmals ein Schluck Wasser, da nochmals den Kopf unter Wasser, aber ich schaffe es.

Den Rest der Strecke absolvieren wir alle einigermassen souverän. Meine Kollegen machen nochmals zwei weitere Fahrten. Doch mir reicht es für heute. Ich habe gelernt, dass wenn man mit der Natur spielt, man manchmal auch eins aufs Maul kriegt. Gefährlich war’s nicht wirklich, aber auf alle Fälle unangenehm.

Und wiedermal habe ich gemerkt, dass die Natur einfach stärker ist als wir. Egal wie gut man paddelt, der Wind ist immer stärker und egal wie viel Erfahrung man hat im Wildwasser, der Fluss reisst einen immer mit. Doch genau dann fühle ich mich lebendig – wenn mir der Wind um die Ohren peitscht und ich hineinschreie oder wenn ich sehe, wie die Wassermassen eine kleine Schlucht hinunterstürzen.

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1 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 07.10.2020, 14:02 Uhr

    Toller Bericht! In der Natur gibt es noch richtige, unvergessliche Abenteuer zu erleben.

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