Auch im Sport geht es nicht immer nur nach oben
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Erfolg im Spitzensport ist wie eine abenteuerliche Liftfahrt. (Bild: Spono Eagles)

Erfolg ist wie eine ruckelige Liftfahrt Auch im Sport geht es nicht immer nur nach oben

4 min Lesezeit 20.10.2020, 10:42 Uhr

Als Spitzensportler ist man nicht immer nur erfolgreich. Rückschläge muss man da verkraften können. Dass dies nicht immer einfach ist und wie man lernt, damit umzugehen, schreibt die Luzerner Handballerin Sabrina Amrein in ihrem Blogpost.

Erfolg ist nicht wie ein Lift, der dich bequem von einem Stockwerk zum nächsten, immer höher und höher bringt, bis du zuoberst ganz gemütlich aussteigen kannst und die Aussicht geniessen darfst. Vielmehr steigst du in einen alten, klapprigen Lift, der schon im Erdgeschoss etwas schief im Schacht steht. Sofort merkst du, das wird abenteuerlich.

Langsam, aber immerhin stetig, schleppt er dich nach oben, bis er nicht mehr kann und mittendrin stecken bleibt. Irgendwie bringst du das Ding dann selber wieder zum Laufen, bloss damit es kurze Zeit später wieder spinnt. Das Licht geht aus, es ruckelt, aber immerhin geht es noch nach oben. Wieder stockt es, nur mühsam, kaum wahrnehmbar bringt der Lift dich nach oben. Manchmal zweifelst du, ob es überhaupt noch vorwärtsgeht.

Irgendwann kann der Lift nicht mehr, reisst dich all die Stockwerke wieder nach unten, die er zuvor so mühsam hochgeklettert ist. Du wartest. Wartest, bis jemand zu Hilfe kommt, der den Lift flickt, damit du dich wieder auf deinen Weg an die Spitze machen kannst. Aber niemand kommt. Schliesslich wird es dir zu bunt und du willst die Treppe nehmen, nur um zu merken, dass das Treppenhaus in Flammen steht … Etwa so kann man sich Erfolg vorstellen.

Bei wichtigen Spielen nicht im Aufgebot

Während meiner Juniorinnenzeit ist der Lift ziemlich zuverlässig nach oben gestiegen. Handball hat super viel Spass gemacht. Es war das Grösste, jeden Abend mit meinen besten Freundinnen zu verbringen und an den Wochenenden stundenlang im «Büssli» durch die Schweiz zu fahren. Wir waren erfolgreich und ich habe viel gespielt, mehr brauchte ich damals nicht.

Dann durfte ich mit der zweiten Mannschaft trainieren. Plötzlich waren alle älter als ich, älter und stärker. Gleichzeitig war ich zwar weiterhin eine der Besten in meinem Juniorinnen-Team und wurde für die U-Nationalmannschaft aufgeboten; bei wichtigen Spielen mit der Schweizer Auswahl war ich aber meist nur im erweiterten Kader.

Es holperte kräftig in meinem Lift. Ich erinnere mich an einen Samstag, an dem ich zuerst mit den Juniorinnen in Bern spielte und danach sofort nach St. Gallen gefahren wurde für das Spiel mit der SPL2, nur, um da dann 60 Minuten auf der Bank zu sitzen.

Dabei, um die Bank zu wärmen

Nach einigem Hin und Her habe ich den Lift schliesslich wieder zum Laufen gebracht. Ich erhielt immer mehr und immer längere Einsätze in der SPL2, bis ich schliesslich einmal, dann zwei-, dreimal mit der ersten Mannschaft trainieren durfte. Der Trainer der ersten Mannschaft nahm mich mit an ein Freundschaftsspiel nach Deutschland.

Frühmorgens fuhren wir los und kamen erst spätabends wieder zurück. Dazwischen sass ich 60 Minuten auf der Bank. Auch in der Meisterschaft war ich meistens dabei, war aber nie gut genug für längere Einsatzzeiten. Gegen die «schlechteren» Teams durfte ich für die letzten fünf Minuten aufs Feld oder mal einen Penalty werfen. Ich war mir nicht sicher, ob mein Lift überhaupt noch unterwegs war oder wieder einmal feststeckte …

Chefcoach verhängt Trainingsverbot

Ein paar Monate später stürzte mein Lift weit nach unten. Nach einem schlechten Spiel verhängte mir der Chefcoach der ersten Mannschaft, enttäuscht von mir und meiner Leistung, glatt ein Trainingsverbot. Er ignorierte mich komplett, würdigte mich keines Blickes mehr.

Ich war wie Luft für ihn. Obwohl ich wusste, dass mir, sobald ich gute Leistungen in der zweiten Mannschaft zeigte, «vergeben» würde, war es nicht einfach. Ich begann mit mir zu hadern. War ich wirklich gut genug für die SPL1? Hinzu kam auch noch eine Verletzung und ich war für drei Monate out.

Fremde werden zu besten Freunden

Das ist jetzt fast vier Jahre her. Seither ging es immer wieder auf und ab. Ganz sicher wird es auch noch oft so gehen. Vielleicht ist es ein neues Team oder ein neuer Trainer, der einen anderen Handball spielen will, ein schlechtes Spiel, eine langwierige Verletzung. Es wird immer etwas geben, das den Lift ins Ruckeln bringt.

Wenn er wieder läuft, wird er mich höher bringen als zuvor. Solange er nach oben klettert, lohnt es sich, ab und zu auszusteigen und bewusst die Aussicht zu geniessen. Schau mal, wie weit ich schon gekommen bin! Aber das Schönste ist doch, dass man nie ganz allein auf dem Weg nach oben ist. Immer wieder steigen Leute zu. Zuerst sind es Unbekannte und es herrscht diese merkwürdige, gezwungene Stimmung, die eben typisch ist, wenn man mit Fremden im Lift steckt.

Mit der Zeit werden diese Unbekannten zu Freunden und Freundinnen, mit denen man zusammen die abenteuerliche Liftfahrt bestreitet. Ab und zu geniesst man zusammen die schöne Aussicht, feiert. An anderen Tagen starrt man sich nur wütend an. Aber sie sind immer da, diese neuen Freunde, und wenn der Lift mal wieder spinnt und stockt, helfen sie, ihn noch einmal zum Laufen zu bringen.

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