Vom Ausreizen der Sprache
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woerdz 2018 im Südpol Luzern Saul Williams (Bild: Franca Pedrazzetti)

woerdz – Das Spoken Word Festival Vom Ausreizen der Sprache

4 min Lesezeit 13.10.2020, 00:05 Uhr

Von Mittwoch, 21. Oktober, bis Samstag, 24. Oktober 2020, geht im Südpol die vierte Ausgabe des Spoken Word Festivals woerdz über die Bühne, das alle zwei Jahre stattfindet. Auch heuer lockt es mit einer ausgewogenen Mischung aus bekannten Namen und zu entdeckenden Künstlerinnen und Künstlern. Aufgrund von Covid-19 lokaler als in anderen Jahren – und selbstverständlich mit Schutzkonzept.

Ein Kreis schliesst sich: Stargast Linton Kwesi Johnson, der heuer den renommierten PEN Pinter Prize entgegennehmen durfte, trat vor exakt zwanzig Jahren an einem Vorgängerfestival des heutigen woerdz, an den «literarischen Ostern» in der noch immer schmerzhaft vermissten Boa auf.

Der Legende nach wurde er damals von einem bekannten Journalisten in einem Chevrolet vom Flughafen abgeholt. Bereits in Oerlikon habe man kaum mehr aus der Frontscheibe gesehen, weil der Wagen so vernebelt war. Ebenfalls legendär soll der abendliche Auftritt gewesen sein.

Woerdz – Spoken Word Festival

woerdz, 21. bis 24. Oktober 2020, Südpol und Kleintheater Luzern

woerdz Festival (Bild: Franca Pedrazzetti)

www.woerdz.ch
Hier gibt’s die Tickets fürs Festival!

NACHTRAG: Aufgrund der gestiegenen Covid-Fallzahlen in CH und GB, kann Linton Kwesi Johnson den Auftritt nicht wahrnehmen. Er wird vertreten durch «Trampeltier of Love» (feat Simon Hari aka King Pepe, Matto Kämpf, Benjamin Dodell & Marc Unternährer).

2020 ist die Dichtung des so scharfzüngig-wütenden wie bissig-ironischen Dub-Poeten Johnson («Inglan Is A Bitch»), der der weissen Mehrheitsgesellschaft den Spiegel vorhält, akuter denn je. In seinen Worten:

«Was heisst es, schwarz zu sein in Grossbritannien? Es heisst, dass du eigentlich einen unglaublich aufwendigen Kampf um Dinge führen musst, die für den grössten Teil der Gesellschaft selbstverständlich sind: Wohnungssuche, Bildung, gewerkschaftliche Rechte usw. Es bedeutet, dass du, obwohl du in England geboren bist, für immer als Immigrant giltst.»

Johnsons Dichtung und Vortrag entstehen im Spannungsfeld zwischen dem Jamaican Creole, dem Jamaican English und dem British English.

Ebenfalls in einem interessanten Spannungsfeld bewegt sich der seit über dreissig Jahren in Einsiedeln wohnhafte Lee «Scratch» Perry. Er produzierte unter anderem Bob Marleys «Exodus» und fackelte sein eigenes Aufnahmestudio ab, das legendäre «Black Ark», das als Epizentrum der jamaikanischen Musikszene galt. Nebenbei erfand Perry den Dub, oder prägte ihn zumindest entscheidend, und legte so das Fundament für die moderne elektronische Musik.

Linton Kwesi Johnson (Bild: zvg)

Geschichten, die im eigenen Sound aufgehen

Die beiden Werkaufträge gingen dieses Jahr an die Rapperin Big Zis, die zusammen mit Patrick Hari mit Worten und Dingen experimentiert, und an den Erzähler Michael Fehr, der gemeinsam mit dem Jazz-Schlagzeuger Rico Baumann die Bühne teilen wird. Fehrs und Baumanns Konzept: Vier Hände, zwei Schlagzeuge, eine Stimme. Das ist Tom Waits mit dem Mojo, aber ohne den Suff.

Die Textminiaturen wirken wie abstrakte Gemälde aus Farbe, Stimmung und skelettierter Narration. Es sind Geschichten, die in ihrem eigenen Sound aufgehen, bis sie plötzlich verschwunden sind. Sie wirken wie der komplexe Meistertrick eines geübten Magiers, der sich dem Publikum in unfassbarer Leichtigkeit präsentiert.

Die diesjährige Werkschau versammelt aktuelle Höhepunkte des Schweizer Spoken Word Schaffens. Etwa mit dem Luzerner Journalisten und Dramatiker Christoph Fellmann («Die grosse Menschenschau») oder der Musikpreisträgerin 2019, der Walliserin KT Gorique. Vom Mundart-Doyen Franz Hohler über den bärbeissigen Blueser Endo Anaconda bis hin zu Daniela Dill, deren jüngstes Werk «Durzueständ» in diesen Tagen im Verlag der gesunde Menschenversand erscheint, wird dem interessierten Publikum ein vielfältiger Strauss dargereicht.

Am Samstagabend treten neben der Rapperin KT Gorique eine Entdeckung und eine alte Bekannte auf. Ersteres ist Narcisse. Als Musikwissenschaftler und Doktor der Philosophie arbeitete Narcisse lange Zeit als IT-Spezialist, bevor er Slam Poetry entdeckte. Er arbeitete mit Marc Smith, dem Gründer des Poetry Slams, und gewann 2013 die French Slam Championship.

Narcisse ist bekannt für sein gesprochenes Stakkato und seine rhythmischen Wortspiele. Die alte Bekannte ist Nora Gomringer, gern und oft gesehene Gästin am Barfood-Poetry, der Nachfolgereihe der literarischen Ostern im ebenso schmerzlich vermissten La Fourmi.

Narcisse (Bild: Silvano Prada)

Seit 2000 hat sie zahlreiche Lyrikbände und eine Essay-Sammlung veröffentlicht. Unter anderem wurden ihr der Ingeborg-Bachmann-Preis (2015), der Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache (2011) und der Joachim-Ringelnatz-Preis (2012) zugesprochen. 2020 erschien ihr jüngster Gedichtband «Gottesanbieterin».

Am Eröffnungsabend findet ein Poetry Slam statt u.a. mit Lisa Brunner, Valerio Moser und dem amtierenden Schweizermeister Marco Gurtner, moderiert von Marguerite Meyer und Etrit Hasler. Musikalische Unterhaltung dazwischen und danach leistet  die One Man Band und Kultfigur Reverend Beatman.

Selbstverständlich existiert ein Schutzkonzept; es werden 300 Personen mit Masken in den Saal gelassen. Das Konzert von Lee «Scratch» Perry geht mit 100 Personen ohne Masken im Club über die Bühne.

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