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Spüre ich gierige Blicke, frage ich: «Fastest du?»
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Sonnenuntergang: der Moment, auf den man den ganzen Tag wartet, weil dann das Fasten gebrochen wird. (Bild: Sarah Bischof)

Ramadan ist der Süssigkeiten- und Gebäckmonat schlechthin Spüre ich gierige Blicke, frage ich: «Fastest du?»

4 min Lesezeit 06.06.2018, 13:27 Uhr

Aufregung zum Sonnenuntergang – nicht aus Schönheitsgründen, sondern weil dann endlich die erste Dattel des Tages in den Mund gesteckt werden darf. Wieso das ein stressiger Moment auch für die nichtfastende Sarah Bischof in ihrer zweiten Heimat Marokko ist, schreibt sie in ihrem neusten Blog. Sie ist nicht unglücklich, ist die Hälfte des Ramadans vorbei.

Jeder und jede spürt, wie es ist, zu hungern oder durstig zu sein. Neben dem äusseren Fasten geht es aber auch um das innere Fasten. So hilft der Ramadan, die jährliche Fastenzeit der Moslems, dem Gläubigen, sich neu zu formen und seine physischen und geistigen Veranlagungen und Verhalten zu erneuern. So beobachte ich gespannt, ob die sonst zum Teil gierigen Blicke der Männer auf dem marokkanischen Souk (Wochenmarkt) oder am Strand ausbleiben. Eigentlich wäre das «Gegaffe» während des Ramadans strengstens untersagt. Doch es ist menschlich: Nicht jeder ist sich der Essenz dieser Zeit bewusst oder aber ist einfach zu getrieben. Ertappe ich Typen, wie sie mir nachgaffen, frage ich manchmal: «Fastest du?»

Auch den ganzen Tag zu «verschlafen», ist nicht das Ziel. Dennoch gibt es solche, die den Ramadan so verstreichen lassen: «Ich muss das mit meinem Gott ausmachen», lautet ihre Antwort. So ist es, jeder und jede findet den eigenen Weg der Umsetzung der Fastenzeit. Das gilt auch im Umgang mit den Mitmenschen: Das Miteinander, die Familie, ebenso die Barmherzigkeit sind in dieser Zeit besonders wichtig.

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Man spendet nicht einfach an die Moschee, sondern verteilt unter den Ärmsten: angefangen bei sich selber, dann der Familie und schliesslich den Nachbarn. Zur Nachbarschaft gehören die nächsten 40 Türen im Umkreis. Auch hier gibt es solche, die mit gleich düsterer Miene wie sonst rumlaufen, sich gegenseitig übers Ohr hauen oder einen Hund mit der Eisenstange angreifen. Es «menschelt».

19.30 – das Warten hat ein Ende

Besonders kritisch sind die Stunden vor dem Sonnenuntergang. Nichts essen und vor allem nichts trinken, keine Zigi bei einer stressigen Situation anzünden und auf den geliebten Kaffee verzichten – das zerrt an den Kräften. Darum schliessen die Bank, der Tierarzt oder die Büros bereits Anfang Nachmittag. Man wartet auf den Moment, wenn sich die Sonne senkt, sich der Horizont rosa verfärbt und aus dem Lautsprecher der Moschee der Aufruf zum Iftar, dem Bittgebet, ertönt.

Die Männer eilen mit wehenden Gewändern zum Gebet. Es ist 19.30 Uhr, das Zeichen zum täglichen Fastenbrechen. Für mich persönlich bedeutet dieser Moment immer Stress. Genau dann muss nämlich das Ftour (=Frühstück), die erste Mahlzeit des Tages, für meinen Partner auf dem Tisch stehen. Endlich: Wasser und Datteln! So starten die meisten, denn zu viel auf einen leeren Magen essen können die Wenigsten. Wie beim Frühstück gang und gäbe, fühlt sich der Magen blockiert an.

Paket mit 5 Kilo Zuckerbomben

Kurz darauf wird in den meisten Familien Harira, eine Linsentomatensuppe, begleitet von Datteln, Eiern und Süssigkeiten wie Shebekia, einem frittierten Gebäck aus einem Gewürzteig, übergossen mit Honig und gewendet in Sesam, serviert. Teuflisch süss und teuflisch verlockend – auch für jemanden, der nicht Ramadan macht. Während in der Yoga- oder Gesundheitsszene Fasten mit Säftetrinken oder Reiskuren gleichgesetzt wird, gilt hier das komplette Gegenteil.

Der Ramadan ist der Süssigkeiten- und Gebäckmonat schlechthin. Der Pöstler bringt uns ein Paket mit mehr als fünf Kilo Zuckerbomben – geschickt von der Mutter meines Partners. Die Läden verkaufen Teller mit Bergen von salzigem und süssem Gebäck. Bei den Suppen bestehen grosse Unterschiede: Jede Familie hat ihre eigene Rezeptur und behauptet stolz, die beste zu kochen. Essen sie die Suppe an einem anderen Ort, wissen sie meist etwas zu bemängeln.

Der Magen schreit

Viele Mägen reagieren sensibel auf die veränderte Tagesstruktur. Nach einigen Tagen Suppe hat mein Partner genug gelöffelt und will für einmal Abwechslung. Er entscheidet sich für Köfta: Hackbällchen mit frischem Koriander, normalerweise mit Kreuzkümmel und anderen schmackhaften Gewürzen angereichert. Eine schlechte Idee! A) ist das Fleisch komplett überwürzt – vor lauter Fasten vergass der Metzger wohl sein reguläres Würzmass – und B) liegt mein Freund danach mit gekrümmtem Magen im Bett.

Zu schwer verdaulich! Auch zu viele Früchte sind nicht zu empfehlen, da sie schnell hungrig machen. Datteln aber nähren und halten lange an. Trotzdem: Das Hauptnahrungsmittel Brot bleibt bei den meisten weiss – auch wenn Vollkorn viel länger sättigen würde. Nach dem Frühstück um 19.30 Uhr folgen gegen Mitternacht ein grösseres Mahl und die letzte Mahlzeit dann vor dem ersten Gebet am Morgen. Gebet und Essen geben also in der Nacht den Takt an. Ins Bett fällt man meist erst zum Morgengrauen.

Als Nichtfastende ist man während dieses Monats ziemlich auf sich alleine gestellt. Am Anfang findet man es noch toll. Tagsüber Zeit für sich, niemand schwatzt einem rein, die Strände sind leer … doch irgendwann wird es anstrengend und man fühlt sich desozialisiert. Willst du mal auswärts essen, findest du kaum ein Restaurant, das mittags offen hat, Einkäufe können erst nachmittags getätigt werden, mit gewissen Geschäftspartnern entstehen unnötige Diskussionen. Das im Vergleich zum Westen schon massiv verlangsamte Leben entschleunigt sich nochmals massiv. Und: Lebt man in einer Beziehung mit einem Fastenden, mutiert man oft zum «Anseichpfosten» – wenigstens gilt das nur auf Zeit.

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