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Abschlachten von Strassenhunden für die Fussball-WM
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Bild: zvg

Blutige Szenen aus der Region Agadir Abschlachten von Strassenhunden für die Fussball-WM

6 min Lesezeit 26.04.2018, 15:33 Uhr

In den Dörfern um Agadir erschossen die lokalen Behörden in den letzten zwei Wochen jeden Hund, der ihnen vor die Augen kam – auf brutale Art und Weise. Bloggerin Sarah Bischof lebt inmitten dieser Szenerie und sieht einen Zusammenhang mit der Kandidatur Marokko für die Fussball-WM 2026.

«Hundemassaker in Aourir, Tamraght und Taghazout», diese Nachricht geht um die Welt. Muss sie auch. Denn was hier vor Ort passiert, ist absolut unzulässig und setzt ganz Marokko in ein schlechtes Licht. Dabei ist es diese Region, sind es diese Behörden, die sprichwörtlich hinter dem Mond leben. Der internationale Druck muss steigen, dann werden sie vielleicht aufwachen.

Donnerstagabend vor drei Wochen, Freunde vor Ort melden: Hunde werden am Banana Beach in Aourir von bewaffneten Männern auf Pferden erschossen. Auf brutale Art und Weise. Die Killer sind ausgerüstet mit Pistolen, die man normalerweise für Tauben verwendet. Blutspuren überall. Alles unter dem kontrollierenden Blick des Caids, dem Bürgermeister.

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Nächster Alarm in Taghazout

In meinem Nachbardorf werden Hunde mit Netzen eingefangen und auf einer Ladefläche gefangen gehalten. Alle mit Chip im Ohr. Das heisst: Sie wurden von Tierschutzorganisationen vor Ort bereits kastriert, gegen Tollwut geimpft und registriert. Die Tollwut, das ist die grosse Angst der Locals, nachdem vor einigen Jahren ein Kind von einem Hund gebissen wurde. Dass es ihr heute gut geht, interessiert niemanden.

Dass bei dem Hundemassaker in Agadir versehentlich ein Knabe angeschossen wurde, will man auch unter den Tisch kehren. Strassenhunde, die Schande der Region oder eher die Sündenböcke? Was ist mit all den Abfallbergen im ganzen Dorf und am Strand, verursacht durch die Menschen? Was mit der qualitativ schlechten Arbeit, die viele hier abliefern? Niemand kümmert sich darum.

(Bild: zvg)

Dass Strassenhunde in einer jährlichen Aktion geschlachtet werden, gehört leider zur Geschichte Marokkos und vieler anderer Länder. Doch niemals dauerten diese Aktionen so lange und wurden während Tagen vor den Augen von verängstigten Touristen durchgeführt. Eigentlich hätten sie gar nicht mehr stattfinden dürfen, denn es gibt eine Abmachung zwischen den lokalen Behörden und Tierschutzorganisationen, dass keine Hunde mit Ohrmarke mehr erschossen, vergiftet oder gequält werden dürfen. Denn mit Spendengeldern und dem TNR-Programm (Trap-Neuter-Release) wollen diese Organisationen die Population in den Griff bekommen. So konnten in den letzten fünf Jahren bereits 1’000 Hunde in der Region Agadir kastriert und geimpft werden. Dann aber kündigte die FIFA ihren Besuch an …

Kandidatur für Fussball-WM

Marokko will die Fussball-WM 2026 austragen. Dass diese Aktionen und die daraus entstehenden News um die Welt wohl die schlechteste Werbung für Marokko sind, daran denken die lokalen Behörden nicht. Für sie sind die Hunde schuld. Von der FIFA müsste ein offizielles Statement kommen, damit die Caids in Aourir und Co. wohl endlich aufwachen würden. Ihre einzige Stellungnahme: «Zu Marokko dürfen wir uns allerdings nicht äussern, da das Bewerbungsverfahren für die Fussball-Weltmeisterschaft 2026 läuft und eine Aussage dieses beeinflussen könnte.» («20 Minuten» von Mitte April).

Wir wissen, was den Hunden auf der Ladefläche in Taghazout blüht: Der kaltblütige Tod. Meine Freunde schreien, machen Aufstände, hängen sich an den Truck. Zwei, drei Locals schreiten ein – irgendwie schaffen sie es die Hunde zu befreien. Sie werden in Sicherheit gebracht. Bei den Locals steht am nächsten Tag die Polizei vor der Tür. Die Beamten versuchen sie einzuschüchtern. Die Einheimischen wissen, wenn die Polizei will, kann sie ihnen Probleme machen – und zwar so richtig.

«Päng»! Tot!

Am nächsten Tag fährt der Caid eine andere Strategie: Keine Hunde werden mehr eingesammelt, sondern sie werden sofort getötet. Egal, wo – ob inmitten des Dorfes Taghazout oder auf einer abgelegenen Strasse. Egal, ob mit einer Ohrmarke versehen. Egal, ob sie ein Halsband tragen und jemandem gehören. Sogar egal, ob sie vom eigenen Halter, zum Beispiel einem Parkwächter an der Leine gehalten werden.

«Päng»! Tot! Meistens aber nicht sofort – denn die Schützen sind unausgebildet und die Pistolen ungeeignet. Die Situation ist zu gefährlich. Die freiwilligen Tieraktivisten fokussieren sich auf das Festhalten dieser schockierenden Szenen in Bild und Ton. Wer dabei erwischt wird, wird so lange bedroht, bis die Szenen vom Handy gelöscht werden oder sogar mit Gefängnis bedroht.

«Sind wir hier etwa in Bagdad?»

Massenkillerei mitten in den Dörfern – und das in einer Touristenregion, wo Tausende Schweizerinnen und Schweizer jährlich ihre Surfferien verbringen und immer noch Hauptsaison ist. Wer denkt, dass um drei Uhr nachts alle schlafen und niemand etwas mitbekommt, irrt sich. Freiwillige vor Ort tracken nächtelang den Weg des Killerwagens. Wo möglich werden Hunde eingesammelt und privat oder in einer Auffangstation untergebracht. Auch Locals und Touristen wachen auf.

«Woher nimmt sich der Mensch das Recht einem Tier Leid zuzufügen? Sind Tiere etwa weniger wert?»

«Stoppt, spinnt ihr? Sind wir hier etwa in Bagdad?», traut sich ein Local in Tamraght mitten in der Nacht auf der Strasse zu schreien. Die Nachbarn hören es, doch niemand hilft. Es sind die, die – sogar bei Tageslicht – kaum sehen sie einen Hund, einen Stein werfen. Ich habe selber zwei Hunde und ich weiss, wovon ich schreibe. Woher nimmt sich der Mensch das Recht einem Tier Leid zuzufügen? Sind Tiere etwa weniger wert?

Ich habe schlaflose Nächte

Ich habe schlaflose Nächte. Diese Fragen beschäftigen mich und ich frage mich, wie es mich an so einen Ort verschlagen konnte, wo Menschen so eigennützig, lieblos und kaltblütig handeln? Eben, um ein anderes Gedankengut zu verbreiten! Ich will nicht missionieren, aber ich weiss, dass dunkle Energie in Licht umgewandelt werden kann. Sofern wir uns gegenseitig supporten. Ich meine, die Menschen vor Ort. Und da glaube ich, hat diese schlimme Geschichte in einigen etwas wachgerüttelt.

Expats untereinander, Expats mit aufgeklärten Locals – man unterstützt sich gegenseitig. Etwas, das vorher eher weniger gelebt wurde. Die Verhaltensweise der Menschen in diesem Dorf – und damit betone ich in diesem Dorf, denn es ist nicht überall so – nur für sich zu schauen und den anderen möglichst Probleme zu bereiten, hat auch auf einige Expats ausgestrahlt. So zumindest meine Erfahrung. Gut möglich, dass dies eine Art Schutzmechanismus ist, weil man im Alltag bereits viele schlechte Erfahrungen gemacht hat. Dabei ist das komplett unnötig. Wir kommen im Leben nur weiter, wenn wir uns gegenseitig supporten.

Bilder sprechen andere Worte

Und das spüre ich jetzt durch diese tragische Geschichte des Hundemassakers. Viele ziehen zusammen an einem Strang: Die einen retten Hunde, die anderen schicken die News um die Welt oder starten eine Petition, um die Massenkillerei zu stoppen. Dass die Population von Strassenhunden gerade in der Region Agadir und den umliegenden Dörfern nicht gerade klein ist, wissen wir alle. Doch gibt es hier eben Organisationen, die versuchen diese Gruppe in den Griff zu bekommen.

Was in den letzten Tagen geschehen ist, bedeutet: Abmachungsbruch durch die lokalen Behörden. Wie wir wissen, wurden in Tamraght, Taghazout und Aourir alle Hunde erschossen, die sie vorfanden – auch die mit Ohrmarke. Angesprochen von der lokalen Presse lässt die zuständige Behörde verlauten, dass sie die Hunde nur eingesammelt hätten, um sie zu kastrieren. Die Bilder sprechen Worte. Die Gerechtigkeit wird dies ausbalancieren – irgendwann. Wir kämpfen dafür.

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