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«Wer bewusst ökologisch lebt, sündigt mehr»
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(Bild: pixabay)

Barbara Gysel über die Energiewende im Kanton Zug «Wer bewusst ökologisch lebt, sündigt mehr»

4 min Lesezeit 08.12.2016, 09:23 Uhr

Die Zuger Bevölkerung hat am 16. November die Atomausstiegsinitiative abgelehnt. Die Präsidentin der SP Kanton Zug sieht daher die Notwendigkeit, auf anderen Ebenen die Energiewende voranzutreiben. Sie warnt jedoch vor dem Rebound-Effekt.

Die letzte Abstimmung zeigte, dass fast zwei Drittel der Zuger Bevölkerung nicht per sofort aus der Atomenergie aussteigen will. Umso wichtiger ist es, dass wir auf lokaler Ebene für die Energiewende sorgen. Die Stadtzuger Bevölkerung machte es vor: Sie beschloss schon 2011 die 2000-Watt-Gesellschaft. Im gleichen Jahr bekannte sich auch der Zuger Regierungsrat zu diesem Ziel. Nötig ist ebenso, dass wir unser individuelles Konsumverhalten ändern.

Der Kanton Zug will seit Längerem Vorbild für erneuerbare Energien sein (zum Weiterlesen das Energiekonzept des Kanton Zug). Im Zuger Energieleitbild 2011 ist Folgendes nachzulesen: «Der Kanton Zug will auch mit seiner Energiepolitik die Balance zwischen Wachstum und Wahrung natürlicher Ressourcen halten. Er verlangt eine sichere Versorgung mit Elektrizität und einen deutlich steigenden Anteil erneuerbarer Energien bei den Energieträgern. Energie muss wirksamer eingesetzt werden, der Energiebedarf soll insgesamt sinken. Er fordert die Gemeinden und die Versorger auf, seine Ziele partnerschaftlich zu unterstützen, und zählt auf die Unterstützung durch die Bevölkerung.»

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Weniger ist mehr

Der Zuger Regierungsrat steckt die Ziele hoch – zu Recht: Er bekennt sich zu Nachhaltigkeit («Nachhaltiges Wachstum ermöglichen»), will Veränderungen Vorschub leisten («Trendumkehr bewirken») und hofft auch auf die Mitwirkung der Bevölkerung («Gemeinsam handeln»). Ich hege zwar Hoffnungen beim neuen Zuger Energiedirektor Urs Hürlimann, doch Veränderungen fallen nicht vom Himmel. Selbstkritische Reflexionen sind eine der Grundlagen für Handlungsschritte. Nebst verstärkter Energieeffizienz braucht’s zum Beispiel auch Suffizienz, also Verzichtshandlungen. Das liesse sich auch mit «weniger ist manchmal mehr» zusammenfassen. Ein konkretes Beispiel.

«Wer mehr auf Effizienz und Kompensation setze, gehe davon aus, dass man mehr konsumieren könne.»

Von nicht wenigen Zugern habe ich gehört, dass sie ihre Flugreisen in die Ferien mit myclimate kompensieren. Planen auch Sie möglicherweise, der Kälte zu entfliehen und verbringen die Neujahrsferien fernab von Zug in der Wärme? Bei myclimate wird mit wenigen Klicks der CO2-Fussabdruck berechnet. Anschliessend kann eine Kompensation des eigenen CO2-Verbrauchs durch eine Spende an Klimaschutzprojekte vorgenommen werden. Eine schöne Idee. Und doch: «Wer ökologisch bewusst lebt, sündigt mehr.»

Ökologische Haltung mit negativen Effekten

Um diese provokative These geht es beim immer häufiger diskutierten «Rebound-Effekt». Er beschreibt die für die Umwelt negativen Effekte, die aus einer an und für sich ökologisch sensiblen Haltung entstehen können. Eine individuelle «mentale Buchhaltung» erklärt diese kontraproduktiven Wirkungen einer grundsätzlich positiven Massnahme. Wer mehr auf Effizienz oder eben Kompensation setze, gehe mental davon aus, dass man mehr konsumieren könne. So werden Einsparungen, die etwa durch effizientere Technologien entstehen, durch verstärkten Konsum überkompensiert. Konkretes Beispiel: Wer Energiesparlampen nutzt, lässt das Licht häufiger den ganzen Tag brennen.

Verschiedene Studien – unter anderem vom Grünen-Nationalrat Bastien Girod – belegen, wie menschliche Schwächen den Umweltschutz mindern können. Wer sich etwa einen sparsamen Neuwagen zulegt, fährt damit vielleicht mehr, gerade weil die Kilometer im Verbrauch günstiger sind. Ein weiterer Grund könnte sein, dass man mit einem Hybridwagen als Statussymbol punkten kann.

Ein weiteres Beispiel: Strombetriebene Geräte sind seit rund dreissig Jahren deutlich energieeffizienter geworden, die Reduktionen werden auf knapp 40 Prozent geschätzt. Weil sie aber auch grösser wurden und zudem mehr von ihnen konsumiert wurden, stieg der Stromverbrauch insgesamt dennoch um geschätzte 20 Prozent an.

Dem Rebound-Effekt entgegenwirken

Gemäss Konzept des mentalen «Rebounding» legen sich demnach wohl viele Menschen ein inneres «Budget» zurecht (zum Weiterlesen die Studie «Mental Rebound»). Wer im einen Bereich sehr ökologisch lebt, hat in einem anderen eher das Gefühl, dass man sich etwas «leisten» könne. So zeigte sich in einer Voruntersuchung im Kanton Zürich, dass Bewohner von Minergiehäusern weitere Flugreisen unternahmen. Für den Kanton Zug sind mir keine solchen Zahlen bekannt – aber komplett abweichen werden sie kaum.

Eine andere Studie im Auftrag einer Europäischen Kommission kam zum Schluss, dass der Rebound-Effekt je nach Zeit, Ort und Technologie zwischen 10 und 30 Prozent der ursprünglichen Energie-Einsparung wieder aufheben kann.

Verschiedentlich werden bereits Massnahmen empfohlen, die steuerliche, technologische und Verhaltensveränderungen kombinieren, damit die Effizienz intensiviert und der Rebound-Effekt begrenzt wird. Gleichzeitig liegt es aber auch an uns Konsumierenden selbst. Gewisse Widersprüche lassen sich wohl kaum auflösen. Aber wir können persönlich dazu beitragen, effizientere Technologien und die Nutzung erneuerbarer Energien noch mehr zu steigern. Oder eben: «Weniger ist manchmal mehr.» Das stimmt optimistisch.

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