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Warum es an den Volksschulen mehr Männer braucht
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Für Jungs ist das lange stillsitzen im Frontalunterricht nich einfach. (Bild: Pixabay)

Buben werden mehrheitlich von Frauen unterrichtet Warum es an den Volksschulen mehr Männer braucht

4 min Lesezeit 15.08.2019, 11:14 Uhr

Jungen tanzen öfter aus der Reihe als Mädchen. Daran ist nicht nur die männliche Verhaltensweise schuld, sondern auch der Mangel an männlichen Lehrkräften, schreibt der Fraktionschef der Stadtzuger GLP, Stefan W. Huber.

Die Tatsache, dass Mädchen in der Volksschule signifikant bessere Noten schreiben und mittlerweile deutlich mehr Mädchen als Jungs die Matura machen, wird meistens als gute Nachricht für die Gleichstellung von Frauen und Männern gewertet. Das mag teilweise stimmen. Leider hat diese Medaille auch eine Kehrseite, der zu wenig Beachtung geschenkt wird. Denn die Erklärung, dass Mädchen generell einfach fleissiger und disziplinierter als Jungs seien, wird der Problematik nicht gerecht.

Vor allem Knaben fallen auf

An der Volksschule sind oft mehr als 80 Prozent der als verhaltensauffällig diagnostizierten Kinder und Jugendlichen männlich. Stellen Sie sich vor, es wäre umgekehrt. Was wäre, wenn fast ausschliesslich Mädchen als «verhaltensoriginell» und «besonders förderbedürftig» verurteilt würden?

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Ein Aufschrei ginge durchs Land! Die nationale, mediale Empörung wäre enorm. Bundesrat und Parlament würden sofort eine Sonderkommission einsetzen, um herauszufinden, wie es so weit kommen konnte. Da es aber um Jungs geht, wird die Problematik weitestgehend ignoriert, oder sie wird mit obenstehenden Stereotypen abgekanzelt.

Es braucht mehr männliche Lehrpersonen

Gemäss Schulstatistik des bevölkerungsreichsten Kantons der Schweiz sind in Zürich über alle Volksschul-Stufen hinweg gerechnet weniger als 20 Prozent der Lehrpersonen männlich. Tendenz ist weiter sinkend. Diese Entwicklung gilt auch für die Zentralschweiz. Wird dieser Trend in naher Zukunft nicht schnell und deutlich gebrochen, werden unsere Kinder in Zukunft praktisch ausschliesslich von Frauen unterrichtet und erzogen.

Jungs gelten zu schnell als «verhaltensauffällig»

Dabei wäre gerade in Erziehungsberufen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis besonders wichtig. Männer haben einen anderen Zugang zu Jungs. Genauso wie Frauen einen anderen Zugang zu Mädchen haben. Erfahrungsgemäss wird «männliches» Verhalten wie Lautheit, Körperlichkeit, Impulsivität und Aggressivität insbesondere bei Jungs schnell überbewertet und pathologisiert. Auch wenn dies ohne böse Absicht geschieht. Die Jungs fühlen sich dadurch unfair behandelt, was weiteres auffälliges Verhalten nach sich zieht.

«Dieser Ruf zieht sich dann oft durch die ganze Schulkarriere und prägt so manches Selbstbild nachhaltig negativ.»

Wurde ein Junge in der Schule erst einmal als «verhaltensauffällig» abgestempelt, wird er diesen Stempel für den Rest der Volksschule kaum mehr los. Dieser Ruf zieht sich dann oft durch die ganze Schulkarriere und prägt so manches Selbstbild nachhaltig negativ. Auffällig ist dabei, dass männliche Lehrpersonen mit diesen Schülern oft weniger Mühe haben, das heisst, Jungs fallen bei männlichen Lehrpersonen oft weniger stark auf. Weibliche Lehrpersonen hingegen empfinden das vor allem in der Pubertät ausgeprägte «männliche Gehabe» schneller als negativ.

Männliche Bezugspersonen sind wichtig

Damit möchte ich nicht sagen, dass weibliche Lehrpersonen weniger kompetent oder gar sexistisch urteilen. Nein, im Gegenteil. Es geht mir einzig und allein darum, zu betonen, wie wichtig ausgeglichene Geschlechterverhältnisse auch in der Volksschule sind. Stellen Sie sich nochmals vor, 80 Prozent der Lehrpersonen wären männlich, und die «Verhaltensauffälligen» fast ausschliesslich weiblich. Würden sie sich nicht ähnliche Gedanken machen?

Ein weiterer Umstand, der Jungs vor allem in der Mittel- und Oberstufe benachteiligt, ist ihr tendenzieller Entwicklungsrückstand im Vergleich mit den Mädchen. Das zunehmende Aufkommen von offenen und selbstgesteuerten Lernformen wie Lernlandschaften, Wochenplänen oder SOL (Selbstorganisiertes Lernen) benachteiligt Jungs in diesem Alter zusätzlich. Die Freiheit der Lernformen überfordert sie häufig und eine förderorientierte Führung wird den Jungs nicht selten verwehrt.

Oft hören die Jungs, sie müssten sich einfach mehr anstrengen und sich mehr Mühe geben. Bei den Mädchen funktioniere es ja auch. Dabei sind gerade bei Jungen jene Hirnstrukturen, die bei der Emotions- und Selbstkontrolle eine Rolle spielen, in diesem Alter noch nicht genug entwickelt, um im geforderten Mass zu planen und sich selbst motivieren zu können.

Mangelnde Selbstwirksamkeit führt zu fragwürdigen Rollenbildern

Das frustriert viele Jungs und äussert sich in besonderer Ablenkbarkeit, die dann wiederum sanktioniert wird. In solchen Situationen fühlen sie sich oft hilflos und unverstanden. Mit der Zeit lernen sie, aus ihrer Not ihre Tugend zu machen und kompensieren die mangelnde Selbstwirksamkeit mit überbordendem Selbstbewusstsein.

Da viele Männer leider immer noch glauben, Kindererziehung sei Frauensache, fehlen ihnen nicht nur in der Schule, sondern oft auch zu Hause positive, männliche Rollenbilder. Die Folge davon ist, dass «verhaltensauffällige» Jungs dazu neigen, sich fragwürdige Vorbilder zu suchen und sich zunehmend den geforderten gesellschaftlichen Normen widersetzen.

Um in der Volksschule allen Geschlechtern gleichermassen gerecht zu werden, braucht es von allen Geschlechtern gleich viele Lehrpersonen. Dieses Problem gilt es anzuerkennen. Der Trend muss endlich gebrochen und es müssen wieder mehr Männer für Erziehungsberufe gewonnen werden. Wenn wir dieses Problem auch in Zukunft ignorieren, werden die daraus entstehenden Probleme die Spaltung unserer Gesellschaft weiter vorantreiben.

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