Vom Mythos der traditionellen Familie zur Tagesschule
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80 Prozent der Frauen sind erwerbstätig – viele Familien sind daher auf ausserschulische Betreuung angewiesen. (Bild: pexels)

Sollen Zuger Schulen alles aus einer Hand anbieten? Vom Mythos der traditionellen Familie zur Tagesschule

4 min Lesezeit 17.02.2021, 11:02 Uhr

Das Zuger Kantonsparlament debattierte kürzlich über die Motion der CVP zur bedarfsgerechten Einführung von Tagesschulen. Ist der Anspruch auf schulergänzende Betreuung im Kanton Zug immer noch ein Minderheitenmodell? Politblogger Fabio Iten sieht eher das traditionelle Familienmodell als Mythos und wünscht sich eine Tagesschule.

Eigentlich wollen alle Parteien die Familien stärken. Dabei wird über Familienzulagen, Steuerabzüge, externe Kinderbetreuung, Vaterschaftsurlaub, Rabenmütter und eben Tagesschulen diskutiert. Die Meinungen zur richtigen Unterstützung gehen weit auseinander. Unser Gesellschaftsbild basiert dabei auf der traditionellen Familie. Sie gilt als die richtige und seit Ewigkeiten etablierte Familienform. Ein Blick zurück zeigt, dass dieses Bild oft auf Mythen beruht.

Der Mythos der traditionellen Familie

Die traditionelle Familie mit strikter Rollenverteilung – der Vater ist der Ernährer, die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kind – wurde erst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von der breiteren Bevölkerungsschicht geteilt und hielt nur rund drei Jahrzehnte an.

Es entsprach weder vorher noch nachher der Realität einer Mehrheit von Menschen in der Schweiz. Seit Jahrhunderten ist es normal, dass die Frau einer Erwerbstätigkeit nachgeht. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten die Frauen beispielsweise die Mehrheit in den boomenden Industrie- und Textilfabriken.

Im 18. und 19. Jahrhundert wuchsen sehr viele Kinder nicht bei ihren Eltern auf, da die Eltern verstorben waren oder sie keine Zeit für ihren Nachwuchs hatten. Sie mussten arbeiten. Bis zur Einführung der AHV im Jahr 1948 war es üblich, Kinder in fremden Familien zu platzieren. Die traditionelle Normfamilie gibt es nicht und gab es nie. 

Dem Fachkräftemangel entgegenwirken

Die gesellschaftliche Entwicklung und die familienpolitischen Massnahmen stehen nicht im Gleichgewicht. Noch immer sind es meistens die Frauen, die beruflich kürzertreten, sobald Kinder zur Welt kommen. Der Wirtschaft gehen viele gut ausgebildete Frauen verloren und Fachkräfte müssen aus dem Ausland rekrutiert werden.

Um Familien zu stärken, könnte ein grösseres Angebot an externen Betreuungsplätzen sowie die Einführung der Tagesschule Abhilfe schaffen.

Die Angst der Verstaatlichung unserer Kinder

Die Gegner von Tagesschulen befürchten, dass zu stark in die Autonomie der Gemeinden eingegriffen werde, und finden, es brauche keine kantonale Regelung. Die heutigen Angebote an flexiblen, modularen Tagesstrukturen würden ausreichen. Allerdings sieht die Realität anders aus. Viele Betreuungsangebote in den Gemeinden sind überbucht und Eltern finden keinen Platz für ihre Kinder.

Aus der Freiwilligkeit der schulergänzenden Angebote werde ein Zwang, die Schuluniform hält Einzug und die Verstaatlichung unserer Kinder ist perfekt. So eine weitere Argumentation einiger Kritiker im Kantonsrat.

Schule und Betreuung aus einer Hand

Das Motionsbegehren verlangt eine kantonale Regelung, damit die Gemeinden verpflichtet werden, ausserschulische Kinderbetreuung auf der Kindergarten- und Primarschulstufe anzubieten und die Schule als Tagesschule zu führen. Die Teilnahme an diesen schulergänzenden Angeboten ist für die Schülerinnen und Schüler freiwillig.

Zum Autor

Fabio Iten wohnt in Unterägeri, ist seit 2018 Kantonsrat, im Vorstand der CVP Unterägeri und der Jungen Mitte Kanton Zug, Mitglied Hochbaukommission und Kommission Gesundheit und Soziales.
Beruflich arbeitet der 29-jährige als Projektleiter Türfachplanung/Türplaner, er ist gelernter Elektriker und absolvierte die Höhere Fachschule Betriebswirtschaft.

Wir dürfen nicht die Augen vor der gesellschaftlichen Entwicklung verschliessen. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie optimal zu gewährleisten, sollten alle Kinder eine Garantie auf einen Betreuungsplatz haben. Nur so kann für die Eltern Planungssicherheit geschaffen werden. Über 80 Prozent der Frauen sind in irgendeiner Form erwerbstätig. Die Zahl der Familienhaushalte ist sinkend.

Vom Minderheiten- zum Mehrheitenmodell

Demgegenüber gab es noch nie so viele Alleinerziehende und Ein-Personen-Haushalte. Das sind die Fakten und diesen gilt es Rechnung zu tragen. Die familienergänzende Kinderbetreuung galt lange als Minderheitenmodell. Doch die Nachfrage nach Betreuungsangeboten steigt und aus einer Minderheit wurde mittlerweile eine Mehrheit.

Dies führt bei den Gemeinden gezwungenermassen dazu, ihre heutigen Tagesstrukturen und Betreuungsangebote auszubauen. In Zukunft müsste ein Doppelsystem, einerseits die Schule und andererseits die schulergänzende Betreuung, unterhalten werden. Schon nur aus ökonomischer Sicht ist diese Doppelspurigkeit nicht sinnvoll. Sollte nicht besser alles aus einer Hand kommen, in der Struktur der Tagesschule?

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