Müssen sich Fussgänger in der Luzerner Altstadt dem Velo anpassen?
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Ob der Ausbau des Fahrradverkehrs auf Kosten der Fussgänger gehen soll, wird derzeit diskutiert. (Bild: bic)

Hertensteinstrasse soll Flaniermeile bleiben Müssen sich Fussgänger in der Luzerner Altstadt dem Velo anpassen?

4 min Lesezeit 18 Kommentare 02.07.2020, 11:03 Uhr

Velos sind als alltagstaugliche Verkehrsmittel längst selbstverständlich. Allerdings ist der begrenzte Platz für alle Verkehrsteilnehmer auch in Luzern kostbar. Der Plan, die Flanier- und Shoppingzone der Stadt Luzern für Velofahrerinnen ganz freizugeben, irritiert Polit-Bloggerin Karin Stadelmann.

Ja, bei diesem herrlichen und warmen Sommerwetter geniesst man den kühlen Fahrtwind auf dem Fahrrad, nicht wahr? Und nach diesen schwierigen Wochen mit Corona schätzt man so kleine Dinge doch noch etwas mehr.

Auch ich fahre gerne Velo, nehme aber auch mal das Auto, den ÖV oder bin zu Fuss in der Stadt unterwegs. Das darf in einer so schönen Stadt doch auch möglich sein und rücksichtsvolles Verhalten gehört für mich dazu.

Gesunder Mix ist Trumpf

Themen rund ums Velofahren und -parkieren dominieren schon länger die politische Agenda der Stadt Luzern. Allein 2019 sind zwei Projekte, die Velostation und der Velotunnel, vom Volk gutgeheissen worden, wenn auch letzteres vorderhand nur bezogen auf den Projektierungskredit.

Seit letzter Woche ist zudem auch ein Teil der Bahnhofstrasse autofrei und was schaffte man als Allererstes? – logisch – mehr Platz für Velos.

Man erkennt, die Stadt Luzern ist bestrebt, als velofreundlich wahrgenommen zu werden und investiert dafür viel Geld. Für mich ist das soweit in Ordnung, solange man bestrebt ist, auch die Ansprüche der anderen Verkehrsteilnehmer und des Gewerbes gleichermassen zu erfüllen.

Und solange man auch anerkennt, dass es gerade in unserer schönen Altstadt auch Zonen für die Fussgängerinnen gibt und weiterhin braucht. Leider zeigt sich die Realität diesbezüglich gerade etwas anders.

Hertensteinsstrasse bald für Velos geöffnet?

In einem anfangs Juni eingereichten Postulat bitten Vertreter der SP/JUSO zusammen mit den Grünen den Stadtrat, das tagsüber in der Hertensteinstrasse geltende Einbahnregime für Velofahrerinnen aufzuheben. Im Klartext heisst das: Man will die Hertensteinstrasse tagsüber für Velos beidseitig öffnen.

Zur Autorin

Karin Stadelmann ist Präsidentin der CVP Stadt Luzern und Vizepräsidentin der CVP Kanton Luzern. Sie arbeitet als Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Stadelmann kandidierte 2016 für den Luzerner Stadtrat und 2019 für den Kantons- und den Nationalrat.

Es wird argumentiert, dass eine rücksichtsvolle Koexistenz von Fuss- und Veloverkehr doch möglich sei und die Aufhebung auch zu mehr Klarheit führe. Denn Fussgänger wüssten so besser, dass auch Velofahrer das Recht haben, die Hertensteinstrasse zu passieren. Aktuell sei die Einbahnregelung sowieso unklar.

Gut, das mag vielleicht sein, aber diese Haltung, dass nun die Fussgängerinnen sich in der seit Jahren bekannten Flanierzone anpassen müssten, gefällt mir gar nicht. Sicher, auch ich bin für ein Miteinander, doch wenn wir ehrlich sind, ist doch beispielsweise der Veloverkehr an der Bahnhofstrasse vor dem Regierungsgebäude heute schon kritisch.

Wie würde das denn an der Hertensteinstrasse aussehen?

Kollisionsgefahr auf der Flaniermeile

Stellen Sie sich nun einmal vor, Sie wollen gemütlich an einem Samstag durch die Altstadt und somit durch die Hertensteinstrasse schlendern; ein Besuch im Laden dort, ein Blick in das Schaufenster da und plötzlich: Vorsicht – Fahrrad!

Etwas irritiert schauen Sie um sich und dann sagt jemand: «Wissen Sie, das ist eben in der Flanier- und Shoppingzone der Stadt Luzern jetzt auch erlaubt, freie Bahn für Velofahrer ganztags und beidseitig.»

Genau diesen Satz will ich weder hören noch selbst einer Luzernerin oder einem Touristen von nah oder fern sagen müssen. Die Hertensteinstrasse ist und soll auch zukünftig eine beliebte Einkaufs- und Fussgängerzone bleiben, denn irgendwo haben doch die Fussgänger, die Familien mit Kinderwagen, die älteren Menschen und unsere Gäste von nah und fern die Berechtigung, in Ruhe durch die Innenstadt zu gehen und einzukaufen.

Friedliche Koexistenz könnte illusorisch sein

Ich sehe das Argument der Velofahrer, dass die Alpenstrasse und der Schweizerhofquai gefährlich sind. Ich fahre da selbst mit dem Velo gar nicht gerne durch. Somit ja, wir müssen uns für diese Strecke – eigentlich auch für weitere Strecken in der Stadt – sicherere Lösungen überlegen, doch das darf jetzt nicht auf Kosten der Fussgängerinnen gehen.

Wenn ich mir die Reaktionen in diversen Leserbriefen in den Lokalzeitungen und in den Sozialen Medien anschaue, dann bin ich mit meiner Meinung wohl gar nicht so allein. Rücksichtsvolle Koexistenz? Ob wir die immer so haben, da bin ich mir unsicher.

Wer weiss …  vielleicht müssten wir doch – zum Wohle aller – über ein generelles Fahrverbot nachdenken? Denn, wenn sie mich fragen, der Fahrtwind auf dem Velo kann doch auf anderen Strassen in unserer schönen Stadt besser und gemütlicher genossen werden!

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18 Kommentare
  1. Delf Bucher, 24.07.2020, 12:33 Uhr

    Einen schönen Kompromiss habe ich in der Velostadt Burgdorf gelesen. Ein Veloschild mit der Zusatztafel: «Im Schritttempo erlaubt». Das wäre zielführender, als diese sich hier in der Kommentarleiste wiederspiegelnde, polarisierte Streit.

  2. Werner walter, 17.07.2020, 18:25 Uhr

    Etwas blöderes kann man nicht ausdenken, will denn die Regierung die ganze Altstadt kaputt machen?

  3. Brigitte Matteuzzi, 13.07.2020, 17:44 Uhr

    …und habe ich da richtig gesehen? Das einseitige Fahrverbot bei Barmettler-Käse ist bereits weg! Man ist „am Ende der Fussgängerzone“ angekommen. WO WAR DIE? Zählt man nun einfach auf die Vernunft der Velofahrer? Das scheint tatsächlich besser zu funktionieren, denn noch nie habe ich so viele gestossene Fahrräder gesehen. Bitte also am Boden Markierungen anbringen, dass man sich hier in einer Fussgängerzone befinde!! Und das Gleiche auf dem Quai: da verzichtet Herr Borgula seit Jahren freiwillig auf riesiges Bussengeld! Wenn er sich damit seine Rente verdienen müsste, sähe dies ganz anders aus…

  4. Patrick (Luzern), 04.07.2020, 15:20 Uhr

    Die Hertensteinstrasse soll eine Strasse für Fussgänger bleiben!!!

    Das Platzproblem und die gefährliche Situation für Velofahrer beim Schweizerhof, der Seebrücke und am Bahnhof ist die Ursache für solche Forderungen.

    Eine Fahrspurreduktion von zwei auf eine Spur im Bereich Schweizerhof, Seebrücke und am Bahnhof sowie eine bauliche Ausgestaltung zu einer breiten, sicheren Velofahrbahn vom Schweizerhof bis zum Bahnhof führt zu einer Verbesserung der Gesamtsituation.

    Auch gestalten Städte wie Kopenhagen schöne Fahrradbrücken, wie man eine vom Kapellplatz zum Bahnhof ziehen könnte.

  5. Sandra Püntener, 03.07.2020, 10:43 Uhr

    Mir reicht es nur schon vor dem Regierungsgebäude. Lautes klingeln und ein motorisiertes Velo mit 40-45 km/h rauscht unverhofft und sehr nahe an einem vorbei. Und dies trotz zahlreichen Fussgängern und Kindern. Das braucht es nicht auch in noch engeren Gassen.

  6. Dani Boss, 03.07.2020, 06:48 Uhr

    Wenn ich sehe wie sich die Velofahrer an die Regeln halten ( gibt es auch bei Fussgäger, nur weniger), wird mir Übel. Selber diese Woche erlebt; ein Paar und dazu meine Wenigkeit, gingen auf dem Trottoir und von hinten kamen junge Fahrradfahrer (ca. 14-15 Jahre) und eine Erwachsene Person. Sie fingen doch glatt an störrisch zu Klingeln um uns wegzutreiben. Ich machte sie darauf aufmerksam, das dies ein Trottoir sei und kein Veloweg. Sie sollen doch bitte auf die Strasse ausweichen. Von den Jungen Fahrern wurde ich blöd angemacht und die Erwachsene Person (Sie schwebte doch Ihr Fahrrad) lachte nur und sagt zu Ihrer Horte Schüler oder was es auch waren, nichts. Also ich werde bei einem Recht für Fussgänger nicht einem Fahrradfahrer ausweichen. Auch ich habe meine Rechte. Mehr Kontrollen wären besser. Vor allem im Bereich „Neubad“. Da ist es extrem schlimm. Sie kommen auch von der Voltastrasse und biegen Richtung Neubad ab. Was ja eigentlich nicht gestattet wäre. Sie nehmen sogar den Autos den Vortritt.

  7. Hans P. Wanner, 02.07.2020, 22:22 Uhr

    denn irgendwo haben doch die Fussgänger, die Familien mit Kinderwagen, die älteren Menschen und unsere Gäste von nah und fern die Berechtigung, in Ruhe durch die Innenstadt zu gehen und einzukaufen.

    Friedliche Koexistenz könnte illusorisch sein

    Das ist auch eine Illusion, nicht könnte.
    Jetzt schon zu beobachten am Grendel. Leider wurde diese wie eine Autobahn, geteert und mit einer Seitenleitplanke – Bodenmarkierung gebaut. Lädt die Velofahrer, insbesondere jene mit Hilfsantrieb ein, mit über 30 Km/h Richtung See zu radeln.
    Hinzukommt, im Moment spazieren wenig Fussgänger im Grendel. Die Hertensteinstrasse aber ist sehr oft proppenvoll. Overcroweded – übernutzt; bis ein Kind oder eben Flaneur*innen angefahren werden. Wer übernimmt bei einem Unfall dann die Verantwortung? Mindestens wurde hier klar auf die Gefahren hingewiesen, die ja leider bereits passiert sind. Hertensteinstrasse freigeben für Veloverkehr ist heute unverantwortlich.

  8. Roland Grüter, 02.07.2020, 17:22 Uhr

    Bestes Beispiel für den unhaltbaren Mischverkehr: ein Velorowdy fährt ein Kleinkind an, verletzt es und entfernt sich rücksichtslos. Der Fussgänger hat sich dem Velofahrer zu unterwerfen, also muss ausweichen und hat für diese Leute Platz zu schaffen. Absurd. Und das hat nichts mit nörgeln zu tun. Der Fussgängerbereich gehört den Fussgängern. Pasta!

  9. Höfi, 02.07.2020, 15:34 Uhr

    Ich bin auch der Meinung, dass wir Velofahrer (ich bin ein Viel-Velo-Fahrer in der Stadt) in der Fussgängerzone der Altstadt nichts verloren haben. Da spricht man so schön Marketingdeutsch immer von „Entflechtung der Verkehrsströme“ – und das ist auch richtig! Ältere Leute, Kinder die umherrennen, Touristen – und dann auch noch die Velos? Nein.
    Für den Schweizerhofquai ist meine Meinung: Strasse abtiefen, Dach drauf! Muss nicht gleich in einen Tunnel, so halb mit einer Art Galerieöffnugn gegen den See. Autos unten, oben sind dann nur noch Busse und Velos, zudem viel Flanierfläche! Kostet was, aber lohnt sich. Gäbe auch ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten für den Schwanenplatz. Dazu müssen aber erst mal die Cars weg dort.

  10. Kaufmann, 02.07.2020, 14:49 Uhr

    Liebe Frau Stadelmann
    Was wollen Sie uns eigentlich sagen mit ihren schönen Worten?
    Aus meiner Sicht müssen diese Flächen den Radfahrern frei gegeben werden.
    Es gibt leider bei den Fussgängern Stänkerer und Nörgeler, die Konfrontation suchen und Radfahrer die echt rücksichtslos unterwegs sind.
    Das ist kein Grund, dem Velo die sicheren Wege zu verschliessen.
    Die meisten sind nicht wegen des frischen Fahrtwinds unterwegs.
    Das Fahrrad ist auch in Luzern das schnellste und ökologisch sinnvollste Fortbewegungsmittel.

    1. Martin von Rotz, 02.07.2020, 16:16 Uhr

      Sie will sagen dass Fussgänger und Velofahrer in solchen Zonen mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht friedlich koexistieren können. Die Konsequenz wäre den Status Quo beibehalten oder nur noch Fussgänger, inklusive jener die ihr Fahrrad dann schieben müssen, zuzulassen. Ich teile diese Ansicht.

    2. Roland Grüter, 02.07.2020, 17:26 Uhr

      Eigenartig: den Fussgängern wird Nörgelei und Egosmus unterstellt. Blanker Egoismus spricht aus Ihrem Votum.

    3. Dani Boss, 03.07.2020, 09:14 Uhr

      Ja, dann gehen Sie doch bitte an den Wochenmarkt an der Bahnhofstrasse und Jesuitenplatz. Gerade diese Woche auch erlebt. So viele Besucher des Wochenmarktes aber die Fahrradfahrer haben immer noch das Gefühl, dass Sie durchfahren dürfen und nicht absteigen sollten um den Drahtesel zu schieben. Nein, sie Fahren Zickzack durch die Leute und die können dann schauen, dass sie nicht angerempelt werden. Mich wird einmal ein*e Fahrradfahrer*in Anrempeln. Den Rest können Sie sich denken. Danke!

    4. Levis, 03.07.2020, 10:48 Uhr

      Ihr habt das Gefühl, ihr müsstet eure „Freiheit“ voll auskosten auf Kosten der Schwächsten, nämlich der Fussgänger. Das ist engstirnig und egoistisch gedacht. Ihr habt das Gefühl, ihr könnt die Trottoirs in Beschlag nehmen, auf Kosten der Fussgänger (alles schon erlebt). Auch hier Egoismus pur. Ich erlebe viele rücksichtslose Velofahrer die sich ein Deut scheren, wo sie fahren. Das Recht hört dort auf, wo das Recht des anderen anfängt. Ist das klar soweit? Übrigens, ich fahre auch Velo, aber mit Rücksicht.

    5. Levis, 03.07.2020, 10:52 Uhr

      Die Freiheit hört dort auf, wo die Freiheit des anderen tangiert wird

    6. Walter Albrecht, 08.07.2020, 18:25 Uhr

      Mit anderen nicht schönen Worten: den Fussgängern auf Kosten der Velos den sicheren Weg in
      der Fussgängerzone wegnehmen. Gerade weil es in der Stadt das schnellste und leider nicht hörbare Verkehrsmittel ist, ist es für Fussgängerzonen gefährlich. Ob die wachsende Zahl der
      Elektrobikes auch am ökologisch sinnvollsten ist, darf wegen der Entsorgungsprobleme bezweifelt
      werden. Ausserdem kommen immer mehr Fahrräder aus asiatischer Tiefstlohnproduktion…

      P.S: bin selbst seit langem respektvoller Velofahrer, ÖV Benutzer und Fussgänger

  11. Margrit Grünwald, 02.07.2020, 14:06 Uhr

    Eine Forderung kann aus meiner Sicht, und sei es noch so eine gute Absicht, erst gestellt werden, wenn sie einer Machbarkeitsprüfung standhält. So in groben Zügen müsste diese schon vorliegen. Das Problem ist der Mangel an guten Veloverbindungen besonders auf Seite der Altstadt. Alle sollten an der Lösung mitdenken!

    1. Marion Aregger, 02.07.2020, 19:02 Uhr

      Genau. Eine Lösung wäre z.B einen Teil des Gehsteiges am Schweizerhofquai als Veloweg umzugestalten. Vom Schwanenplatz her könnte man so das kurze Teilstück, bzw. die Hertensteinstrasse bequem aussen rum umfahren (zur Migros z.B).

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