Philipp Federer
Kultivierung von Scheinproblemen

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Die Schulen sind vom Sparhebel des Kantons besonders betroffen. (Bild: Andreas Busslinger)

Kleiderprobleme an der Schule, absurde Diskussion zum Schwimmunterricht und fehlender Integrationswille bei verwöhnten Kids. Philipp Federer, ehemaliger parteiloser Grossstadtrat und Lehrer über seine Erfahrungen an einer städtischen Oberstufe.  


Kopftücher und Schwimmunterricht – ein Garant für politische Entrüstungsstürme! Dieses Jahr wurde das Kopftuchthema anfangs Juli zum nationalen Thema stilisiert. Seit das Bundesgericht eine Gemeinde im Kanton Thurgau kritisierte, schwärmten die politischen Ausbeutungsschwadronen aus.

Das Bundesgericht kritisierte eine Gemeinde, die ein Kopftuchverbot erliess, weil ihr dazu die gesetzliche Grundlage fehlt. Die SVP-Thurgau empörte sich über das Bundesgericht – wie die SVP generell gerne auf das Bundesgericht pfeift – und kündigte sofort eine Initiative für ein Kopftuchverbot an. Journalistinnen und Journalisten interviewten zahlreiche bejahende und ablehnende Experten und Expertinnen eines Kopftuchverbots. Am Kopftuch entzündet sich die ganze Palette von Liberalität, Libertarismus und Frauenbefreiung.

Am 11.8.2013 berichtete die «SonntagsZeitung», die CVP forciere nun solche Verbote an Schulen. Laut dem Generalsekretariat sind in verschiedenen Kantonen, u. a. Aargau, Luzern und den beiden Basel, Vorstösse beschlossen. Gemäss CVP-Präsident Christoph Darbellay ist eine gesetzliche Grundlage in allen Kantonen für ein Kopftuchverbot wichtig. Doch wie ist die Situation an den Schulen? Wird da nicht wieder ein Scheinproblem kultiviert und politisch ausgeschlachtet?

Das Kopftuch in der Schule ist kein Kleiderproblem

Der Schreibende unterrichtet an einer städtischen Oberstufe. In 24 Jahren erlebte er über 1600 Schülerinnen. Von diesen Schülerinnen trugen nur zwei Schülerinnen ein Kopftuch. Die Promillezahl relativiert die Empörung gewisser politischen Parteien. Die zwei Kopftuchträgerinnen waren zudem anständig und boten keinen Anlass zur Kritik. Wie waren die Kopftuchlosen? Da präsentiert sich mengen- und mentalmässig ein teilweise anderes Bild. Je nach Mode waren z. B. schon verletzende Sprüche auf T-Shirts vorhanden.

Oder ich erinnere mich an eine Schülerin (einer anderen Schule), die ich nach Hause schicken musste, weil sie stark nach Urin stank. Vor dem Unterricht bemerkte ich dies. Die Schülerin schickte ich in Rücksprache mit dem Klassenlehrer zum Umziehen nach Hause, zu ihrem und zu unserem Schutz.

Ein Phänomen, das ich jedes Jahr bezüglich Kleider mehrmals erlebe, und das den Unterricht erheblich belastet, ist das Folgende. Einige Jugendliche mit winterlichen Daunenjacken ziehen diese im Schulzimmer ungern ab. Selbst wenn im Schulzimmer die Temperatur über 22 Grad beträgt, tragen sie drinnen und draussen die gleichen Kleider. Sie lullen sich, sofern man sie lässt, in Jacken ein. Die Körpersprache ist stets so, lassen sie mich in Ruhe, ich will mit ihnen und der Klasse nichts zu tun haben. Diese Haltung treffe ich jedes Jahr mindestens in einer Klasse und meistens gleich gruppenweise an. Diese Abgrenzungshaltung mit Daunenjacken löste schon mehrere Machtkämpfe aus, weil ich sie in meinem gut geheizten Schulzimmer nicht akzeptiere.

Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, einige Lehrpersonen, vorwiegend von Frauen, tolerieren dies sogar. Noch öfters, jedoch weniger gravierend sind die Caps der Knaben. Je nach Unterrichtskultur lässt sich mit ihnen provozieren, spielen und abgrenzen. Und noch dies. Ein schönes Kopftuch ist ästhetischer als die Unterhosenkultur von tiefgelegten Hosen.

Absurde Diskussion zum Schwimmunterricht

Die politischen Diskussionen zum Schwimmunterricht sind noch absurder. Die gleiche Schule hat im Stundenplan auf der Oberstufe eine Wochenstunde Schwimmen. Mir ist in den 24 Jahren eine Schülerin bekannt, die aus religiösen und medizinischen Gründen eine Dispens erhielt. Die Gutheissung des Gesuchs erachte ich zwar als unglücklich, jedoch als nicht gravierend.

Gravierend sind jedoch die vielen «Kranken» und die wöchentlich menstruierenden Schülerinnen. Wenn Lehrpersonen diesen Jugendlichen erlauben am Computer in der Mediothek zu spielen, dann fehlen in jeder Klasse jede Woche viele beim Schwimmunterricht. Verlangt der Schwimmlehrer oder die Schwimmlehrerin eine Anwesenheit mit Kleidern in der Schwimmhalle, so fehlt kaum noch jemand oder wirklich nur diejenigen, die wirklich beeinträchtigt sind. Das blosse Zusehen beim Schwimmunterricht ist überhaupt nicht attraktiv. Das Kneifen des Unterrichts und das Spielen in der Mediothek dagegen schon. Das politische Problemthema der Parteien und der bürgerlichen Zeitungen wird beim näheren Betrachten zur alleinigen Frage der pädagogischen Führungskultur der Lehrperson.

Fazit: Was Parteien und Medien hochkochen ist erschreckend. Ihr Problembewusstsein tendiert gegen Null. Die wirklichen Probleme sind nicht religiös. Sie sind vor allem nicht durch den Islam und durch fehlenden religiösen Integrationswillen verursacht. Die genannten Beispiele der Abgrenzung mit Kleidern und die hier erwähnten Probleme beim Schulschwimmen weisen auf ganz andere Faktoren hin.

Die Haltung der Jugendlichen ist oft der Weg des geringsten Widerstands. Hier fehlt des Öfteren der Integrationswille verwöhnter und provozierender Kids. Falls die Lehrperson keine Führungskultur aufweist, wird der Unterricht zum Selbstbedienungsladen, auch ohne eine einzige Dispens. Wann hören gewisse Parteien endlich auf Scheinprobleme zu kultivieren und wie lange lassen sich Medien weiterhin damit abspeisen? 

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1 Kommentare
  1. Stefan Gisler, 23.08.2013, 18:00 Uhr

    Gut und praxisnah beschrieben und dem Kernproblem so näher gekommen. Zentral ist doch, dass alle Kinder und Jugendliche Zugang zu den Lerninhalten finden und weder kneifen, noch davon abgehalten werden.
    In Zug beantwortete der SVP-Bildungsdirektor eine Anfrage bezügliche «Religionsfreiheit» an der Schule ebenfalls sehr pragmatisch. Spannendes Detail: Anfragen für Schuldispensationen für Lager, Schwimmunterricht oder Biologie/Sexualkunde – die nicht gewährt werden – kommen primär von Eltern mit fundamental-christlichem Background.

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