Frauenförderung – veraltet oder nötig?
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Sind 50 Jahre Frauenstimmrecht überhaupt ein Grund zum Feiern? (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Demokratie soll die Gesellschaft abbilden Frauenförderung – veraltet oder nötig?

4 min Lesezeit 15.04.2021, 11:01 Uhr

Politbloggerin Claudia Huser freut sich als Vizepräsidentin des Vereins 50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern zwar über das Jubiläum und findet es toll, dass immer mehr Frauen den Weg in die Politik finden. Trotzdem sind Frauen immer noch klar untervertreten – das soll sich aus Sicht der GLP-Kantonsrätin ändern.

Luzern war 1970 der dritte Deutschschweizer Kanton, der den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zusprach. Wow, dachte ich mir, als ich das zum ersten Mal hörte. Und das in einem katholischen Kanton! Doch die Euphorie wich schnell einer gewissen Nachdenklichkeit. Sind 50 Jahre Frauenstimmrecht überhaupt ein Grund zum Feiern? Oder doch eher ein Grund sich fremdzuschämen? Dafür, dass wir in Europa die allerletzten waren, die den Frauen das Stimmrecht zugestanden. Ich habe mir das sehr lange überlegt und sage heute voller Überzeugung: Ja, das ist ein Grund zum Feiern, auch in Luzern. Als Vizepräsidentin des Vereins 50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern hatte ich bereits im letzten Herbst das Thema aufgenommen. Zusammen wollen wir dem Jubiläum die verdiente Achtung verschaffen.

Schweizerinnen mussten mit Geschick und Sachlichkeit überzeugen

Doch, zurück zum Feiern. Klar muss man sich fragen, warum es so lange gedauert hat. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich unser Land – und darauf bin ich stolz – von den anderen Ländern unterscheidet.

Bei uns in der Schweiz konnte vor 100 Jahren nicht ein Präsident, ein Kanzler oder gar ein Kaiser in Eigenregie einfach einen Gesetzesartikel ändern. Es konnte auch niemand das Frauenstimmrecht für seine Zwecke nutzen, sich dadurch «modern» geben und sich so seine Wiederwahl sichern oder eine drohende Revolution verhindern. Zur Einführung des Frauenstimmrechts brauchte es bei uns eine Volksabstimmung – und zu dieser Zeit bestand das (Stimm-)Volk halt nur aus Männern.

Deshalb musste der Weg der Frauen, der Kämpferinnen von damals, anders begangen werden, als dies beispielsweise die sich ankettenden und hungerstreikenden Suffragetten in England tun konnten. Bei uns hätte ein solches Verhalten die Männer von damals in ihrer (leider weitverbreiteten) Meinung bestärkt, Frauen seien zu emotional und hätten nicht die nötige Reife für politische Entscheidungen. Unsere Vorkämpferinnen mussten mit politischem Geschick und Sachlichkeit überzeugen, um einen Konsens zu finden. Und das braucht Zeit und Durchhaltewillen. Das erlebe ich auch heute noch in meiner politischen Arbeit.

Zur Autorin

Claudia Huser ist Fraktionspräsidentin und Kantonsrätin der GLP Luzern. Sie ist Präsidentin des Vereins zur Erhaltung der Museggmauer und Vizepräsidentin des Vereins 50 Jahre Frauenstimmrecht Luzern.

Es braucht noch immer eine Frauenförderung

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will hier nicht unsere Langsamkeit beschönigen, aber ich will klar und deutlich zum Ausdruck bringen: Wir müssen umso mehr feiern! Denn unsere Vorkämpferinnen und -kämpfer von damals haben eine echte Mammutleistung erbracht. Und dafür gebührt ihnen unser grösster Respekt! Auch wenn sich – seien wir ehrlich – erst im Jahr 1996 so richtig etwas geändert hat, als nämlich das Gleichstellungsgesetz umgesetzt wurde. Vor weniger als 30 Jahren … Bis dahin konnten wir Frauen einen Arbeitsvertrag nicht ohne das Einverständnis unseres Ehemanns unterzeichnen. Unsere erste Bundesrätin hätte ihr Amt ohne Einwilligung ihres Mannes gar nicht antreten können …unglaublich, nicht?

Genau das zeigt auf, warum es heute immer noch eine Frauenförderung braucht und warum diese durchaus auch mit meinen liberalen Werten vereinbar ist. Schliesslich soll unsere Demokratie die Gesellschaft abbilden, und da sind wir noch lange nicht so weit. Frauen sind in der Politik noch immer klar untervertreten. Und das muss sich ändern.

Feiern ja, aber nicht nur!

Oft fragen mich die Leute: Warum tust du dir das eigentlich an mit der Politik? Da antworte ich jeweils ohne zu zögern: Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich nicht den Weg in die Politik hätte gehen dürfen. Denn auch wenn wir als (noch) kleinste Fraktion im Kantonsrat sehr häufig «eins aufs Dach» bekommen, so bereitet es mir wirklich Freude, zu politisieren und meinen Beitrag dafür zu leisten, dass unser wunderschöner Kanton sich weiterentwickelt. Ich komme an so viele spannende Themen heran, wie sonst in keinem meiner bisherigen Tätigkeitsgebiete. Ich lerne enorm viel und ich kann mitgestalten – was gibt es Besseres?

Lasst uns in diesem Jahr also feiern. Aber nicht nur. Bereits haben im Hinblick auf die nächsten Wahlen die Vorbereitungen des Netzwerks Frauen Luzern Politik, das ich mitgegründet habe, begonnen. Sie erinnern sich: Im letzten Wahljahr hatten wir mit unseren Aktivitäten mitgeholfen, dass sich mehr Frauen für die Kantonsratswahlen aufstellen lassen. Das war ein Erfolg – aber eben: Solange wir noch nicht die 50-Prozent-Marke geknackt haben, machen wir weiter. Weitersagen!

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