Barbara Gysel
Familie und Beruf: Der ungenügende Zuger «Plan Hoffnung»

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«Regierungsräte täten gut daran, sich mit Fantasie und Tatkraft realpolitisch für verbesserte Kinderbetreuungsplätze einzusetzen.» (Bild: Mon Petit Chou Photography)

Sechs von zehn Haushalten mit Kindern unter dreizehn Jahren beanspruchen mindestens einmal wöchentlich eine familien- oder schulergänzende Betreuung. Polit-Bloggerin Barbara Gysel fordert mehr Unterstützung und Fantasie von den Zuger Regierungsräten Heinz Tännler und Matthias Michel.

Ob man sein Kind in einer Krippe oder durch eine Privatperson betreuen lässt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Anders als etwa in unserem Nachbarkanton Aargau, sind im Kanton Zug institutionelle Angebote gefragter als Privatpersonen. Das kann von der Angebotspalette, aber auch vom familiären Umfeld, dem Einkommen und der Arbeitssituation und von persönlichen Wünschen abhängen. Damit jede Familie frei entscheiden kann, braucht’s die passenden Rahmenbedingungen durch Gesellschaft, Wirtschaft und Staat.

Lohnt sich die Arbeit?

Sind die finanziellen Aufwändungen für die externe Kinderbetreuung zu hoch, überlegt man sich zweimal, ob sich das Arbeiten «lohnt». Um die finanziellen Barrieren zu mindern, schlägt der Bund vor, dass Familien ihre Kinderbetreuungsabzüge bei den Bundessteuern bis zu 25’000 Franken und bei den Kantonssteuern bis mindestens 10’000 Franken erhöhen könnten.

Die Reaktion der Zuger Regierung: Sie will diese Bundespläne bachab schicken. Unser Regierungsrat lässt zwar immerhin verlauten, die «Bekämpfung des inländischen Fachkräftemangels und die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie […] wären eigentlich sehr unterstützenswert» – aber entweder wird jeder konkrete Vorschlag zur Zielerreichung zerpflückt oder man legt die Hände in den Schoss.

So schickte die Regierung nur wenige Tage nach der Antwort an den Bund eine eigene Verordnung zum kantonalen Kinderbetreuungsgesetz in die Vernehmlassung; Massnahmen, die punkto Vereinbarkeit von Familie und Beruf zentral wären, sucht man darin vergebens. Schliesslich müssten wir zuerst in die schwarzen Zahlen kommen, dann schauen wir weiter. Geschätzter Herr Finanzdirektor Tännler, diese Haltung ist nicht nur zynisch allen Familien gegenüber, nein, sie ist auch volkswirtschaftlich reichlich kurzsichtig.

Hohe Beschäftigungsquote

Unser Land und unser Kanton haben ein grosses, aber unausgeschöpftes Potenzial von gut ausgebildeten Frauen, bei ihnen hat die Schweiz die nahezu höchste Erwerbsquote – aber im europäischen Vergleich ein geringes Erwerbsvolumen: Die Schweiz hat mit 75.1 Prozent den nahezu höchsten Anteil von Frauen unter den Beschäftigten im europäischen Raum (zentralplus berichtete). Fast zuvorderst stehen wir ebenso bei der Teilzeitquote bei weiblichen Arbeitnehmerinnen: Fast 61 Prozent der erwerbstätigen Schweizerinnen arbeiten in einem Teilzeitpensum.

Diese Quote ist viermal höher als bei den Männern. Beruf und Familie werden bei der Mehrheit der Frauen bei uns kombiniert, aber sie arbeiten im Gesamtvolumen trotzdem weniger. Fehlende Kinderbetreuungsplätze und/oder zu hohe Kosten für die Betreuung sind eine gewichtige Hürde.

Grosser Bedarf an Kinderbetreuung

Es liegt auf der Hand, dass wir mehr bezahlbare Kinderbetreuungsplätze bräuchten. Zum Beispiel in der Stadt Zug. Der Stadtrat wies bereits im August 2015 aus, dass viel mehr subventionierte Betreuungsplätze gefragt wären: Der Bedarf bei Kitas könne bei Kindern im Vorschulalter gerade mal in 50 Prozent der Fälle gedeckt werden, bei der Baby-Betreuung ist er zu sage und schreibe 89 Prozent ungedeckt!

Zu den Kitas mit städtischer Leistungsvereinbarung berichtet der Stadtrat ebenfalls von Herausforderungen bei den subventionierten Plätzen. Im damaligen Bericht hiess es wörtlich: «[…] Dies bedeutet, dass die bestehenden Möglichkeiten heute ausgeschöpft sind. Die grosse Nachfrage zeigt auf, dass der Bedarf an Kinderbetreuung generell gestiegen ist. Die finanziellen Mittel sind aber nicht erhöht worden.»

Die städtische Geschäftsprüfungskommission – die beileibe nicht in den Verdacht kommt, ein linker Think-Tank zu sein – gab in ihrem Bericht zudem wieder, dass private Einrichtungen zwar genügend freie Plätze hätten, diese aber aufgrund der hohen Kosten für die Eltern nicht entsprechend genutzt würden. Das muss in unserem Kanton besonders zu denken geben, weil die Lebenshaltungskosten überdurchschnittlich sind.

 «Plan Hoffnung»

Der Befund ist klar: Es ist für ein hochproduktives Land – verzeihen Sie – volkswirtschaftlicher Mumpitz, wenn den Frauen und ihren Familien keine echten finanziellen Anreize geboten werden, überhaupt arbeiten zu gehen. Das hat mindestens die Zuger FDP bestens begriffen und daher in der Stadt schon einiges für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan. Beispielsweise forderte sie über eine Motion die Einführung von Betreuungsgutschriften für die Kinderbetreuung. Auch über diese kann und soll man kritisch-konstruktiv nachdenken, aber immerhin, die Freisinnigen begnügen sich nicht mit dem «Plan Hoffnung».

Ganz anders die kantonale Regierung: Das hehre Ziel vom Abbau des Fachkräftemangels wird gerühmt, aber auf effektive politische Massnahmen, die ja notabene auch der Wirtschaft zugutekämen, warten wir seit Jahren vergebens. Der Möglichkeiten gäbe es genügend – nicht mal nur über Subventionen über die Staatskasse, sondern auch über die Arbeitgebenden. Erklären Sie mir doch zum Beispiel einmal, warum der fünftgrösste Arbeitgeber im Kanton, die Zuger Kantonsspital AG mit 974 Mitarbeitenden (darunter wohl nicht wenig Schichtarbeitende!) über keine eigene Kinderbetreuung verfügt?

Anstatt aktive junge Erwachsene vors Gericht zu ziehen (zentralplus berichtete), täten die Regierungsräte Tännler und Michel gut daran, sich mit Fantasie und Tatkraft realpolitisch für verbesserte Kinderbetreuungsplätze einzusetzen.

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