Familie Eichwäldli: Der mutlose Stadtrat hat sich das eingebrockt
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Der Kampf um das Eichwäldli dürfte in Luzern nicht der letzte Diskurs um Freiräume gewesen sein. (Bild: zentralplus Archiv)

Eine lange Liste verdrängter Kulturräume in Luzern Familie Eichwäldli: Der mutlose Stadtrat hat sich das eingebrockt

3 min Lesezeit 4 Kommentare 06.05.2021, 11:01 Uhr

Spätestens seit Beginn dieses Jahres ist die Soldatenstube mit der Familie Eichwäldli allen in Luzern bekannt und ein politischer Dauerbrenner, der sich zwischen dem Stadtrat und der Bevölkerung zunehmend erhitzt hat. Der Polizeieinsatz in Abwesenheit der Familie Eichwäldli (zentralplus berichtete) stellt den bisherigen Höhepunkt dar und widerspiegelt die lange, mühselige Geschichte, die Kultur- und Freiräume in Luzern zu verzeichnen haben, glaubt Léon Schulthess in seinem Politblog.

«Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce», sagte bereits Karl Marx, womit er wohl nicht die unkommerziellen Freiräume in Luzern meinte, jedoch lässt sich diese Aussage auch in diesem Politikum wieder erkennen.

Erinnert man sich an die Boa, ähnelt diese Thematik sehr stark dem heutigen Diskurs. Auch damals sollte ein einzigartiger Frei- und Kulturraum in Luzern verschwinden, auch damals wehrte sich die Bevölkerung gegen das Vorhaben des Stadtrats und auch damals wollte kein Ersatz gleicher Art gefunden werden (zentralplus berichtete). Obwohl der Südpol als Nachfolge tituliert wird, kann man nicht davon sprechen, den alternativen kreativen Geist der Boa noch am Leben gelassen zu haben.

Lange Liste mit ehemaligen Räumen

Und die Liste verdrängter Kulturräume, geschaffen durch und für Luzernerinnen, ist noch länger. Das Gewerbegebäude an der Tribschenstrasse wird von der CSS einverleibt (zentralplus berichtete), das Frigorex und das Uferlos wurden ersatzlos für Überbauungen abgerissen, die Belebung freistehenden Wohnraums in den Bodum-Villen musste durch die Gundula initiiert werden und der Wärchhof musste lange dafür kämpfen, dass das Treibhaus die Nachfolge wurde.

Das Eichwäldli scheint sich nun auch einreihen zu müssen, obwohl der breite Wille zum Erhalt aus der Bevölkerung und dem Quartier kommt und die Familie Eichwäldli erheblichen Anteil an der Aufwertung dieses Stadtteils zu verzeichnen hat.

Der mutlose Stadtrat hat sich das eingebrockt

Das Verhalten des Stadtrats, sich anderen Wegen zu verschliessen und den Diskurs um einen Ersatz repressiv zu umgehen, entspricht nicht dem, wie ein Stadtrat mit seinen Wählerinnen umzugehen hat. Dass die Bevölkerung per Selbstinitiative für solche alternativen Orte zu kämpfen hat, ist unter anderem Verschuldung der Stadtverwaltung, sich zu wenig für Visionen und Experimente der Bevölkerung einzusetzen und mit Mut kreative und bunte Projekte anzupacken.

Zum Autor

Léon Schulthess studiert in Bern Osteuropa-Studien und Theaterwissenschaft und ist seit Oktober 2020 Co-Präsident der JUSO Luzern.

Bleibt die Stadtluzerner Exekutive weiterhin stagnierend und ideenlos, werden in Zukunft solche Kämpfe für unkommerziellen Freiraum, alternativen Wohnraum, Zwischennutzungen und experimentellen Kulturraum immer wiederkehren. Die Geschichte soll sich aber nicht wiederholen, sondern es soll eine neue angepackt werden!

Luzern braucht Visionen für Abwechslung

Was man daraus erkennt, ist die fehlende Akzeptanz und Mutlosigkeit der Stadtverwaltung gegenüber Freiräumen und der kreativen Szene. Eine Gesellschaft braucht Ablenkung, Freizeit, ein ausgewogenes Pendant zum Arbeitsalltag und gemeinsame Nenner – kurz gesagt Kunst und Kultur. Ob als Konsumentin oder als Schaffender, es wird einem der Horizont geöffnet und der Kopf durchgelüftet, was bei den steigenden Erwartungen in unserer Leistungsgesellschaft dringend vonnöten ist.

Orte müssen generiert werden, bei denen kein Konsumzwang herrscht und die freie Entfaltung aller ermöglicht sein muss. Zentrale Kulturstätten dürfen nicht gänzlich oder in die Agglomeration verdrängt werden aufgrund von Überbauungen. Das blosse Brachlegen oder Überbauen umgenutzter Industriezonen in der Stadt ist nicht mehr zeitgemäss – es braucht moderne Visionen für Umgestaltungen, damit Freiräume und offene Plätze Abwechslung bieten und der Innenstadt wie auch den Quartieren erhalten bleiben.

Ein abwechslungsreiches und lebendiges Luzern hat dann überregionalen Charakter, wenn es sich neu erfindet und Schiefes zulässt. Eine Stadt lebt von den Menschen, die sie gestalten; und Menschen leben dort, wo sie sich frei entfalten und für eine Vision einstehen können.

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4 Kommentare
  1. Goeggeler, 06.05.2021, 22:39 Uhr

    Ja, liebe Nachbarn Ihr habt vollkommen recht. Ich laufe ab und zu durch dieses Quartier und ich habe noch nie einen grösseren Schandfleck in der Schweiz gesehen, nicht mal im Ausland. Das der Stadtrat mutlos kann ich aber nur unterstützen. Hätte der Stadtrat nur ein bisschen Mut hätte er diesen Schandfleck der Stadt Luzern schon lange wegräumen lassen. Also liebe Luzerner Stadträte hat Mut und tut sich so zimperlich, die Eich- oder Hinterwäldler tun es auch nicht.

  2. Peter Bitterli, 06.05.2021, 20:24 Uhr

    „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste mal als Tragödie, das zweite mal als Farce.“ Ja, Léon Schulthess, Co-Präsident der Juso Luzern, Marxens Aperçu gefällt mir auch gut. Eigentlich als einziger Ausspruch dieses Autors. Ich wende es dann und wann an, allerdings in korrekter Form, da es ja in der von Ihnen kolportierten Verstümmelung insofern keinen Sinn ergibt, als sich der mitdenkende Leser fragt, als was sich die Geschichte denn das dritte Mal wiederholt. „Wiederholen“ – „zweimal“: got the point? Einblicke in die Denke und Rede unserer Jungsozialisten.

  3. Nachbar, 06.05.2021, 13:04 Uhr

    Das ist doch absurd! Was heisst den Kulturraum? Bei der ersten Diskussion (wo es schon hätte Enden müssen) im Februar hat die Familie Eichwäkdi tagelang das gesamt Quartier mit Trommeln und Lärm gequält! Es wurden eine Vielzahl Beschwerden gestellt.
    Es hat doch die Familie nicht Interessiert ob Leute im Homeoffice arbeiten, Alter oder Kranke vielleicht schlafen, oder Kinder lernen.
    Der Familie Eichwäldi geht es nur um sich!

  4. Familie Fasel, 06.05.2021, 12:44 Uhr

    «… obwohl der breite Wille zum Erhalt aus der Bevölkerung und dem Quartier kommt und die Familie Eichwäldli erheblichen Anteil an der Aufwertung dieses Stadtteils zu verzeichnen hat.»
    Von welcher Bevölkerung wird hier gesprochen? Hat der Autor «die Bevölkerung» befragt? Ich bin Teil dieser Bevölkerung und will dass das Endlos-Theater um diese Familie Eichwäldli von der Stadt endlich beendigt wird! – Aufwertung des Stadtteils: einfach sprachlos.

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